Elternschaft und Politik – Spagat oder Teamsport?

Posted on 31. Oktober 2014 von

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Es ist schon bezeichnend. Die erste politische Veranstaltung, die ich seit Monaten besuche und worum geht es? Um Elternschaft. Genauer gesagt war ich auf einer Lesung mit anschließender Diskussion. The Mamas and the Papas – Reproduktion, Pop & widerspenstige Verhältnisse.

Eine Freundin von mir hat einen der Artikel geschrieben und dort auch aus eben diesem vorgelesen. Das ganze fand am Sonntagnachmittag statt und es war eine Kinderbetreuung organisiert. Das ist nicht so oft der Fall. Ich lebe schließlich nicht in Berlin. Wieso haben Kinder eigentlich keinen Platz in der radikalen Linken? Bei uns wird doch jedeR immer und überall mitgedacht. Nur an die Kinder denkt niemand.
Vor allem denkt keiner an die Eltern, die endlich auch mal wieder mitspielen wollen.
Nach einer amüsanten Lesung kam es zu einer recht persönlichen, weil subjektiven, Diskussion. Und wie im echten Leben auch wollte es uns nicht so ganz gelingen, die Ebenen „politische Aktivität“ und „Familienleben“ zusammen zu bringen. Sie liefen irgendwie nebeneinander her. Treffend fand ich die Kritik am Menschenbild in der radikalen Linken, die auch ich mein politisches  Zuhause nenne. Der Neoliberalismus hat hier ebenso Fuß fassen können, wie im Rest der Gesellschaft. Wer mitmachen will, muss es tun. Am besten mit Haut und Haar. In der Diskussion war in diesem Zusammenhang vom „linken Supermenschen“ die Rede.
Nebenbei bemerkt hatte ich in meiner eigenen Politgruppe nie das Gefühl der Unzulänglichkeit, wenn ich mal unpässlich war. Aber so ist das wohl: die eigenen sind immer die Besten.Wie bei den Kindern.

Trotzdem finden unsere Gruppentreffen nicht nachmittags bei Tee und Kuchen statt, sondern abends um 20h. Während der Schwangerschaft war ich um diese Uhrzeit meistens zu müde, um überhaupt noch auf die Uhr zu gucken. Danach war ich erst mal anhaltend müde. Und jetzt, wo ich wieder wach wäre hat sich das Plenum auf den einzigen Wochentag verlagert, an dem ich wirklich nie kann, weil mein Partner klettern geht.
Ticktack. Das Leben geht weiter.
Nicole Tomasek hat in ihrem Beitrag „Eltern, Kinder und die radikale Linke“ mit vielen Bemerkungen den Nagel auf den Kopf getroffen und mich zum Schmunzeln gebracht.

„Fast schlimmer als ein Atomkrieg schien es, andere Menschen durch die eigene Reproduktion dazu zu zwingen, in einer Welt zu Leben, in der so etwas wie ein Atomkrieg überhaupt möglich ist (…) Statt diese Welt zu ändern, haben wir sie nun voller gemacht.(…) Statt Debatten um Detailfragen wie ‚Reform oder Revolution‘ führen wir stundenlang Diskussionen um so etwas existentielles wie die Frage, ob Zähneputzen vor dem Schlafengehen wirklich sein muss. Kinder sind einfach nicht linksradikal.“
Und auch die „Sex und oder Genderdebatte“: „Spätestens bei der Geburt will frau die ganz radikale Geschlechterdekonstruktion in die Biotonne kloppen (…) das neue Leben beginnt mit dem Wunsch nach dem Tod“ wobei ich Letzteres nicht unterschreiben würde, ich bin da aber noch linksradikal genug, um zu sagen: alles eine Frage der Wahrnehmung.
Es ging in unserer Diskussion auch um die Frage nach Netzwerken und Möglichkeiten sich mit anderen politisch aktiven (oder eben nicht mehr so aktiven) Eltern zusammen zu tun. Ich dachte als erstes: och nööö!!! Nicht schon wieder ein Raum in dem ich zu Leuten, die ich kaum oder gar nicht kenne nett sein muss, nur weil wir zufällig in der gleichen Situation sind. Hatte ich jetzt echt oft genug. Vor- und Nachbereitung der Schwangerschaft, Krabbel- Spielgruppen, Kita… Aber bei genauerem Hinsehen kommt mir diese Idee immer weniger obskur vor. Leute, die sich (mit oder ohne Kinder) treffen und im Rahmen der politischen Geschehnisse hier in der Stadt überlegen, wie sie sich in Art und Umfang beteiligen können.
Oder: Kindererziehung. Wie oft wurde ich von meinen nicht so eindeutig politisierten Elternbekanntschaft schräg angeguckt, wenn ich Fragen stellte, wie: ist es noch gewaltfreie Kindererziehung, wenn ich mein Sechsmonatsbaby zwinge sich anzuziehen, obwohl es offensichtlich nicht will? Von einer gleichgesinnten Mutter wurde ich mit einem Nicken bedacht, auf das ein das ist eine Interessante Frage folgte
Je größer das Kind dann wird, desto größer werden die Fragen. Auch die des Kindes. Die Kröte ist zwar noch nicht mal beim ernsthaften ‘Warum?‘ angekommen, aber ich würde mich schon freuen, auf die Erfahrungen anderer zurückgreifen zu können, wenn ich erklären muss, was an den Nazis, gegen die wir hier im kunterbunten Familienblock demonstrieren so doof ist, oder warum nicht alle Polizisten immer so nett sind, wie der Verkehrspolizist in der Schule.
Das ist sicher ein ganz schöner Spagat, seinem Kind die „richtigen“ Werte zu vermitteln, ohne es zu indoktrinieren und Gefahr zu laufen, dass die Rebellion gegen das Elternhaus in der Jungen Union endet. Insofern bin ich ganz gespannt, was wir da auf die Beine stellen könnten.
Tja, ich habe letztens noch zu einem Freund gesagt: was soll ich machen? Ich Mühe mich nun eben erst mal damit ab, der Kröte zu erklären, dass sie beim Einkaufen nicht alles haben muss („das da brauche ich!“) und vor allem nicht sofort, oder alles auf einmal. Und wie verwirrend ist es, nach jahrelanger bewusster Abgrenzung von Blingbling und übermäßigem Konsum, festzustellen, dass Bob der Baumeister klammheimlich bei uns eingezogen ist? Und um der Kröte eine Freude zu machen begebe ich mich auf die Suche nach gebrauchtem Duplo Spielzeug eben dieser Serie. Nur um festzustellen, dass es dieses Set im Spielzeugladen gibt: Das brauche ICH!!!

ps. meine Schwester hat mich ja von meinem Bob der Baumeister Schock heruntergeholt (nachdem mein Neffe diese Seuche hier erst angeschleppt hat) – Gendermäßig total auf der Höhe: Wendy ist eine gleichberechtigte Partnerin und nicht die Sekretärin, wie ich anfangs glaubte. Sie kann genau so gut bauen, wie Bob und hat immer die pragmatischsten Lösungen für kniffelige Probleme. Da konnte  ich doch ruhig schlafen. Leider habe ich von Jürgen von der Lippe geträumt…