Jetzt! nicht

Posted on 11. Dezember 2014 von

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Luzifer

Wer meine Texte kennt, weiß, dass ich, was das Lesen esoterischer und ähnlicher Texte angeht, hartgesotten bin. Jetzt! habe ich, wie so viele Suchende vor mir, in Eckhart Tolle meinen Meister gefunden. „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“ ist bei Amazon auf Platz 1 im Bereich Spiritualität und wurde vom spirituellen Lehrer in Frage-Antwort-Form verfasst. Die Fragen seien ihm im Laufe der Jahre immer wieder gestellt worden und er habe seine Antworten in diesem Buch gesammelt und hübsch ergänzt. Wie ein langgezogenes FAQ der Erleuchtung.

Zum spirituellen Lehrer wurde Tolle durch ein Erweckungserlebnis, welches er ausführlich und meisterlich phlegmatisch in der Einleitung zu „Jetzt!“ schildert: Bis kurz vor dem 30. Lebensjahr latent depressiv und ängstlich, löste sich in einer Nacht voller Angst sein Selbst auf und morgens zwitscherten die Vögel schön wie nie. Von da an war alles knorke und Tolle hatte wieder eine äußere Identität. Er war spiritueller Lehrer. Schaut man sich Videos von ihm an, erinnert er eher an eine tragische Figur des deutschen Autorenkinos.

Andere Menschen hätten gern, was er hat. Jetzt! soll ihnen zeigen wie sie es bekommen. In jeder Zeile schafft es Tolle, seinen knäckebrotgleichen Charme durchscheinen zu lassen. Das Buch ist so dermaßen langweilig, dass ich mich während der Lektüre sogar nach Steiners Erzählungen aus den Akasha-Chroniken sehnte. Jetzt! ist ein Buch voller aufgeblasener Kalendersprüche auf Glückskeksniveau. Den Inhalt lasse ich bei dieser Bewertung sogar außen vor. Jetzt! wäre der richtige Zeitpunkt um über den Inhalt zu sprechen. Doch laut Toll ist Zeit eine Illusion und damit gibt es keinen richtigen Zeitpunkt und auch keinen falschen. Warum es ohne Zeit ein Jetzt! gibt, erklärt er aber och nicht. Oder ich habe es nicht geschafft, seine Erklärung zu finden, weil ich so gelangweilt war.

Denken und Emotionen hält Tolle für hinderlich weil … ich erinnere mich nicht mehr, aber es war langweilig. Vom Verstand hält Tolle auch nichts, weil der verhindert, dass man die Realität wahrnehme. Warum? Weil, als sich Tolle von seinem Verstand verabschiedete, die Vögel zu hübsch zwitscherten und er danach zwei Jahre selig auf Bänken herumsaß. Tolle nutzt Worte (wie z.B. „Denken“, „Emotion“ oder „Verstand“), in guter Tradition spiritueller Lehrer, sehr frei. Frei von der eigentlichen Bedeutung, vollkommen ahnungslos und beseelt von seiner eigenen Schauung. Nicht weil du Angst hast, hältst du deine Hand weg vom Feuer, sondern weil du weißt, dass du dich verbrennen würdest. Du brauchst keine Angst, um unnötige Gefahr zu vermeiden – nur ein Minimum an Intelligenz und gesundem Menschenverstand. Die Funktion von Angst wird, vielleicht aus naiver Unkenntnis, karikiert, um dann ein Minimum von Intelligenz (IQ von 90, 80 oder 70?) und gesunden Menschenverstand als Ersatz zu postulieren. Ohne jedoch zu schreiben, wie sich der gesunde Menschenverstand vom Verstand unterscheidet, der einen an der Wahrnehmung der Realität hindert. Das muss wahrscheinlich jedeR selbst herausfinden. Falls das nicht funktioniert und die überwundene Angst hätte vor  unnötiger Gefahr warnen müssen, die den Suchenden dann das Leben kostet, hat Tolle eine gute Nachricht. Das Ende aller Illusion – mehr ist der Tod nicht. Schmerzhaft ist er nur, solange du dich an der Illusion festklammerst. Eine mutige Aussage in einem Buch, dass wahrscheinlich auch von der einen oder anderen Person in einer Lebenskrise gelesen wird. Vor Suizidversuchen schützt wahrscheinlich nur die schlafinduzierende Wirkung von Tolles Worten. Nach dem Motto: „Jetzt! lege ich mich erst mal ins Bett…“

Den Kern des Buches kann man wohl unter dem Begriff „Achtsamkeitsterror“ zusammenfassen. Achtsamkeit hat in den letzten Jahrzehnten unter anderem in der Psychotherapie einen Boom erlebt und ist dort heute weitgehend etabliert. Jetzt! hat Tolle sie auch entdeckt und nutzt sie für eine rudimentäre patriarchalische Brachialpsychotherapie in sanftem Gewand. Ständig wiederholt er, wer im Jetzt! lebe, habe keine Sorgen und wenn er über Krankheit schreibt, denke ich: „Jetzt! reichts!“

„Im Jetzt gibt es keine Probleme und daher auch keine Krankheit. Dein Glaube an die Bezeichnung, die jemand deinem Zustand gibt, hält den Zustand am Leben, gibt ihm Macht und macht so aus einem vorübergehenden Ungleichgewicht eine scheinbar solide Realität. (…) Wenn du dich allein auf diesen Moment ausrichtest und aufhörst, ihn mental zu benennen, dann reduziert das die Krankheit auf einen oder mehrere Faktoren wie: körperlicher Schmerz, Schwäche, Unwohlsein, Einschränkung. Dem gibst du dich hin – jetzt. Du gibst dich nicht der Idee der “Krankheit” hin.

Die Krankheit wird das alles nicht interessieren, ihr Sein bleibt vom Strom heißer Luft, den Tolle aussendet, unbeeinflusst. Wer trotzdem leidet, ist einfach noch nicht im Jetzt! Was Zirkelschlüsse angeht, schreibt Tolle wie ein großer spiritueller Lehrer, nur langweiliger. Bist du schwer krank und fühlst dich jetzt über das wütend, was ich gerade gesagt habe? Dann ist das ein klares Zeichen – die Krankheit ist zu einem Teil deines Selbstbildes geworden, und du verteidigst jetzt deine Identität und beschützt zugleich die Krankheit. Der Zustand namens “Krankheit” hat nichts damit zu tun, wer du wirklich bist. Klassisches „Blaming the Victim“. Jetzt! Fick Dich, Tolle!

Die Beschreibung von Tolles Erweckung zum spirituellen Lehrer und sein gähnender Kampf gegen das Selbst erinnert an die Beschreibung eines LSD-Rausches oder einiger Schizophreniesymptome. In beiden Fällen löst sich das Selbst auf und das Ich ist nicht mehr von der Außenwelt zu trennen. Im Gegensatz zu Tolles Erfahrung, die ihn frei von Angst werden ließ, erleben viele Menschen ähnliche Erfahrungen als äußerst furchteinflößend. Nicht zu wissen, ob Gedanken die eigenen sind, oder die Vorgänge der Welt nicht mehr von sich selbst trennen zu können, ist in der Regel ein Zustand in dem Menschen Hilfe benötigen. Tolles Buch dient höchstens zur Sedierung. In Tolle habe ich Jetzt! endlich meinen Meister gefunden, den Meister der Langeweile, his Boringness Tolle. Doch ich gebe zu, dass er genial verhindert, den Unmut der Suchenden auf sich zu ziehen. Wer sich verkaufen lässt, die Zeit sei eine Illusion, wird sich nicht über die Zeit beschweren, die ihm durch die Lektüre gestohlen wurde.

[Dieser Text entstand im Rahmen des Bücheradventskalenders der Community von Freitag.de]