Gesten, Posen und der Subtext im Kopf

Kommunikation – Ein Stinkefinger erregt die Nation. Das Kopfkino der etwas anderen Art

Der geballte Sachverstand dieser Republik geht derzeit auf Körpersprache. Nein, gemeint ist nicht die Inklusion von Menschen mit Hör- und Sprachschwierigkeiten und deren Gebärdensprache oder das Erlernen der taktilen Braille-Schrift. Es geht hierzulande um das, was ohnehin nicht sehr ausgeprägt ist: Gestik und Mimik als Begleiter des gesprochenen Wortes.

Wer sich die Zumutung angetan hat, Jauch und dann Plasberg nebst ihren wohl sachverständigen Gest .. Gästen zuzusehen, geschweige denn zu hören (natürlich durfte der Professor der Nation Werner Sinn nicht fehlen), wird um die Erkenntnis nicht herumkommen: Krisen sind menschlich, menschengemacht und zunehmend virtuell.

Die nonverbale Beleidigung ist dafür ein dankbares Feld. Menschen aus dem Norden, diese Freunde der klaren Worte, die mal gesagt werden dürfen, aber ansonsten sparsam auch im Umgang mit der Körperlichkeit, treffen hier natürlich auf ihre Gegenstücke. Südländer seien, so das Klischee, überschäumend, wild gestikulierend und auch ansonsten ziemlich unbeherrscht.

Die Erfahrung durfte etwa Peer Steinbrück machen, der weniger über politische Aussagen stolperte als über die Fotosession samt Stinkefinger mit dem Magazin der Süddeutschen Zeitung. Ein Gran härter wurde Berlusconi verhandelt. Der viermalige italienische Ministerpräsident ist bekannt für das Handzeichen für „Hörner aufsetzen“, das auch beim Außenministertreffen der EU 2002 auf dem offiziellen Gruppenfoto sichtbar war. Ihn unter anderem deswegen als Clown zu bezeichnen, dürfte Steinbrück bitter bereut haben, ist er doch in diese selbst gestellte Bärenfalle getappt.

Überhaupt ist die Rezeption von Fingerübungen ausgesprochen schwierig. Taucher, die sich unter Wasser per Handzeichen verständigen, dass alles in Ordnung ist oder Dozierende, die mit derselben Geste so etwas wie Akribie im Vortrag ausdrücken, bekommen im Straßenverkehr richtig Schwierigkeiten: Von Auto zu Auto gezeigt, sind ringförmig gebogene Zeige- oder Mittelfinger und Daumen mit Abspreizung der restlichen das Synonym für „Arschloch“, so die eigentümlich herrschende Rechtsprechung in Deutschland.

Was dann erst davon halten, wenn das Handzeichen eine politische Aussage trifft oder so interpretiert wird? Bekannt ist, dass Tommie Smith und John Carlos bei der olympischen Siegerehrung in Mexiko 1968 die Köpfe senkten und die geballte Faust reckten, der eine die linke, der andere die rechte. Als Ausdruck von Black Power wurden sie auf Betreiben des rassistischen Olympia-Funktionärs Avery Brundage aus der US-Mannschaft entfernt.

Weniger bekannt ist, dass der sogenannte Quenelle-Gruß, der im Gegenteil, nämlich bodenwärts zeigt, nichts anderes ausdrückt, als „mein Schwanz ist länger als deiner“, selbst im Ruhezustand. So praktiziert von Generationen von pubertierenden Jugendlichen zwischen Rom, Paris und Madrid, sei er ein weniger bekannter Nazi-Gruß, so die neuere Interpretation. Die Entwicklung zeichnet die französischsprachige Version von Wikipedia zutreffend nach: Vom Pennälerhumor zum politischen Slogan („De l’humour potache au slogan politique“). Der Gedanke, dass Dieudonné M’bala M’bala irgendwie in der Pubertät stecken geblieben sein könnte, wird dieser als erster in Abrede stellen.

Wieviel Ernst steckt also tatsächlich in Gesten, die Kinder noch vor einer korrekten sprachlichen Ausdrucksweise lernen? Etwa beim Schattenspiel, wo der Hase beinahe genauso gehandhabt wird wie das im Straßenverkehr verfemte Handzeichen. Und wieviel ist dagegen hineininterpretiert, nicht um der Auslegung willen, sondern um einen Widerpart ob seiner angeblichen Unbeherrschtheit, oder mehr noch: seiner kämpferischen Aussage willen zu desavouieren? Anders gefragt: Was ist wohl gefährlicher – die scheinbar in einer Raute ruhenden Hände oder der ausgetreckte Mittelfinger?

Die Hobbydeuter dieser Republik, vor der Kamera wie vor den Konsumgeräten, könnten sich einer fruchtbaren Diskussion zuwenden: Was der ausgestreckte Zeigefinger von Buschs Lehrer Lämpel aus der Buben Vierter Streich und der heutiger Religionsprediger aller Bekenntnisse gemeinsam haben könnten.

Dazu eine kleine Handreichung aus dem Geburtsort von Mafia und Omertà. In Sizilien ist die Andeutung des Hebens einer Augenbraue bereits das Äquivalent von zwei Kurzgeschichten und einer Glosse. Was beweist, dass bei diesem Kopfkino nicht einmal auf das Klischee vom überschäumenden Südländer Verlass ist: Sie beherrschen, wenn nötig, royale Andeutung besser als jedes Königsgeschlecht. e2m

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