Italien, Erdbebenland

Italien ist, geophysikalisch gesprochen, eine Anomalie.
Oder wie es Gazetten des Landes ausdrücken: Ein schwimmendes Floß, das den Naturkräften ausgesetzt ist. Auf der Halbinsel sind Beben nicht nur an der Tagesordnung, sie ereignen sich im Sekundentakt. Die Echtzeit- wie historischen Aufzeichnungen des INGV (Nationales Institut für Geophysik und Vulkanologie in Italien), ohne weiteres im www abrufbar, lassen keine Zweifel.

Die Situation im Verhältnis zu Europa veranschaulicht das folgende Piktogramm:

Beben Italien 01 / Credits: http://www.share-eu.org/ European Seismic Hazard Maps, Summary Brochure
Beben Italien 01 / Credits: http://www.share-eu.org/ European Seismic Hazard Maps, Summary Brochure

Der Ursprung, in drei Worten ausgedrückt: Die alpidische Orogenese.

Westlicher Teil der Eurasischen Platte mit den angrenzenden Platten sowie ihre Bewegungsrichtungen, nach Grünthal & Stromeyer (1992, ergänzt): 1 Richtung des Bewegungsvektors relativ zu Europa und/oder Richtung der an den Platten angreifenden Kräfte; 2 tektonisches Extensionsregime; 3 hauptsächliche Plattengrenzen; 4 Kollisionsfronten; 5 Subduktionsfronten; 6 weitere Bruchstörung erster Ordnung und ihr Bewegungssinn. MP: Anatolische Mikroplatten, PB: Pannonisches Becken, NAF: Nordanatolische Störungszone, AP: Apulischer Sporn. Credit: Deutsches GeoForschungsZentrum Potsdam
Westlicher Teil der Eurasischen Platte mit den angrenzenden Platten sowie ihre Bewegungsrichtungen, nach Grünthal & Stromeyer (1992, ergänzt): 1 Richtung des Bewegungsvektors relativ zu Europa und/oder Richtung der an den Platten angreifenden Kräfte; 2 tektonisches Extensionsregime; 3 hauptsächliche Plattengrenzen; 4 Kollisionsfronten; 5 Subduktionsfronten; 6 weitere Bruchstörung erster Ordnung und ihr Bewegungssinn. MP: Anatolische Mikroplatten, PB: Pannonisches Becken, NAF: Nordanatolische Störungszone, AP: Apulischer Sporn. Credit: Deutsches GeoForschungsZentrum Potsdam

Dazu schreibt das Geoforschungszentrum Potsdam: „Die Abbildung zeigt an der Südgrenze der Eurasischen Platte deren nördliche Ausbuchtung, den Apulischen Sporn (AP), der bei seiner Nordwärtsbewegung vor sich die Alpen aufgeschoben hat. Dieser Nordwärtsdrift Afrikas wird ein beträchtlicher Widerstand entgegengesetzt.“ Und: „Der weitaus größte Teil der Seismizität Europas konzentriert sich an diese Plattengrenze Eurasiens mit Afrika.“

Die immensen Kräfte, die die Alpen aufgetürmt haben, haben Italien erst geformt und als sichtbares Zeichen an der Grenze zweier tektonischer Platten den Apennin im Nord-Süd-Verlauf entstehen lassen. Das ist ein Vorgang, der vor geschätzten 55 Millionen Jahren im Eozän begann und ab dem Miozän (vor rund 23 Millionen Jahren) das heute geographisch bekannte Bild prägte.

Die Situation, das sich dabei für Italien selbst ergibt, haben der Erdkundler Enzo Mantovani der Universität Siena und seine Kollegen ebenfalls in einem Schaubild zusammengefasst:

https://i1.wp.com/www.meteoweb.eu/wp-content/uploads/2013/06/510.jpg / Credit: E. Mantovani et al., 2013
http://www.meteoweb.eu/wp-content/uploads/2013/06/510.jpg / Credit: E. Mantovani et al., 2013

Mindestens fünf Schichtung (Ziff. 1-5) wirken heute in und um Italien zu- wie gegeneinander und zwar 24/7. Die Hauptkräfte und ihre Richtungen (Ziff. 6-8) zeigen: Ein ganz wesentlicher Teil verläuft durch die Längsachse des Landes.

Empirisch nachvollzogen hat das das Projekt RING (Rete Integrata Nazionale GPS), das Nationale integrierte GPS-Netzwerk. Dessen Messungen der Bewegungen zwischen 2001 und 2012 sind von Mantovani et al. veranschaulicht worden:

https://i0.wp.com/www.meteoweb.eu/wp-content/uploads/2013/06/414.jpg / Credit: E. Mantovani et al., 2013
http://www.meteoweb.eu/wp-content/uploads/2013/06/414.jpg / Credit: E. Mantovani et al., 2013

Die unterschiedlichen Richtungen und Geschwindigkeiten der Zerrkräfte lassen sich auch so zusammenfassen: Gäbe es die Westküste quasi als Anker nicht, würde die italienische Ostküste jedes Jahr möglicherweise bis zu 1 Meter Richtung Balkan springen. Die Spannung wird u.a. in der Mitte, im Apennin ausgetragen.

Dem sind Mantovani und Kollegen im Einzelnen zu verschiedenen Regionen des Apennins mit teilweise zusätzlichen Verwerfungen unter den Aspekten von „tektonischer Lage und seismo-genetischem Potential“ nachgegangen. Die Schriften gehören heute zu den Grundlagewerken der Erdbebenforschung in Italien. Die Schaubilder habe ich „Assetto tettonico e potenzialità sismogenetica dell’Appennino Tosco-Emiliano-Romagnolo e Val Padana“ (Siena, 2013), für das Web aufgearbeitet von der Plattform meteoweb.eu entnommen. Es erinnert auch daran, dass nicht nur in den Abruzzen, sondern auch in Norditalien, etwa der Poebene (Modena, Bologna u.a.) sehr starke Beben wie das von 2012 stattgefunden haben und sich weiter ereignen werden. Dieses und andere Bücher zum Thema sind leider nicht gemeinfrei. Aber es gibt genügend open-source-Präsenzen vor allem im akademischen Netz, die einen erleichterten Zugang ermöglichen.

Zusätzlich, und wenn das nicht schon reichen würde, ist Italien einem ausgedehnten Vulkanismus ausgesetzt. Er ist in die europäische Kulturgeschichte eingegangen, als Schilderung von Plinius des Jüngeren zum Untergang von Pompeji infolge des Vesuvausbruchs im Jahr 79 genauso wie mit Vergil in der Aeneis zu den phlegräischen Feldern. Es bedarf keiner katastrophistischen Aufmachungen etwa des deutschen Springer-Verlags von der „Gefahr eines Supervulkans“ (n-tv: z.B. hier und hier; Welt, 2 Jahre später mit identischem Inhalt: z.B. hier) um zu wissen: Zwischen Ätna, Stromboli und Vesuv kann es richtig ungemütlich werden.

Die besorgte Frage von jenseits der Alpen, wo man von all dem ganz überwiegend verschont bleibt (und oft auch gar nichts wissen will), wäre allenfalls: Wie kann man da (in den Abruzzen, in Neapel, in der Val Padana, im Friaul oder auf Sizilien) leben, ein Haus bauen, einen Baum pflanzen, Kinder in die Welt setzen? Antwort: Man kann nicht nur, sondern dieses Stück durchgeschüttelte Erde war und ist der Boden, von dem aus epochale gesellschaftliche, politische und technische Ereignisse ausgegangen sind. Wie von allen anderen Böden übrigens auch.

Titel wie „Eigentlich hat es keinen Sinn zu bleiben“ vom Spiegel-Korrespondenten Hans-Jürgen Schlamp in Rom sind daher erfahrungsgemäß allenfalls eine Momentaufnahme.

[Beitragsbild:https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Pompeji_Stra%C3%9Fe_Abend.jpg   unter den dortigen Lizenbedingungen]
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