Soylent. Green Not.

(… aber trotzdem zum Kotzen)

Der Ekelfaktor war von Anfang an Teil der Kalkulation, als Rob Rhinehart und seine Mitstreiter ihre Produktlinie aufzogen. Soylent Green, das war der Titel eines dystopischen Films von 1973, in dem grüne, rechteckige Cracker im damals noch fernen Jahr 2022 Grundnahrungsmittel sind. Der Twist: Sie sind aus Menschenfleisch gemacht, andere mögliche Bestandteile wie sogar Plankton gibt es auf der Erde nicht mehr.

Das neue Soylent, zusammengesetzt aus den englischen Wörtern für Soja und Linse, dagegen sollte ganz anders sein: Eine „höchst wirtschaftliche, biologisch gekoppelte und wasserlösliche Form“ der Nahrungsaufnahme. Immerhin war Nahrung aus Tuben schon früh aus der Raumfahrt bekannt, bevor in Raumstationen eine Zubereitung erfolgen konnte.

Rhinehart bewegte eigenen Worten zufolge etwas anderes. Er sei als junger ITler arm gewesen und habe wenig Zeit gehabt, sagte er gegenüber der Zeitschrift The Economist noch 2015 in „Liquid Lunch“. Also habe er angefangen, das Wenige durch einen Mixer zu geben. Alles, was er verkaufen wolle, habe er auch am eigenen Körper getestet, pries er 2013 an. Als genug Startkapital eingesammelt war, ging die Produktion los, und im Mai 2014 wurde Soylent in Pulverform erstmals ausgeliefert.

Das hat ein vorläufiges Ende gefunden. Nachdem Soylent erst vor zwei Monaten ihren gleichnamigen Riegel in den Handel gebracht hatte, wurden Auslieferungen und Verkauf vor zwei Wochen gestoppt. Seither wird die Rücknahme gegen „vollen Ersatz“ (full refund) angeboten. Vorgestern hat es auch das ursprüngliche Produkt getroffen, das wasserlösliche Pulver. Ohne zunächst Maßnahmen wie beim Riegel zu ergreifen, hat die Firma eingeräumt, dass im Zusammenhang mit dem Verzehr „magenbezogene Symptome“ beschrieben wurden, die „mit denen unserer Riegel-Kunden vergleichbar“ sind.

Rückrufaktion kurz nach Markteinführung

Wer bisher keine Beschwerden hatte, solle das Pulver auch weiterhin konsumieren – ob die halbherzige Anweisung Erfolg haben wird, bleibt abzuwarten. Potentielle Neukunden dürften sich fragen, ob sie auch zu den „0,1% der Verbraucher“ gehören würden, die die Firma derzeit als betroffen bezeichnet. Auch bleibt dahin gestellt, wie sich das ins Verhältnis setzt zu Klagen in den USA, die schon so manchen Konsumenten zum Millionär gemacht haben. Immerhin hat bereits im Juni die Plattform Gizmodo („People Say That Soylent Bars Are Making Them Barf“) einige unappetitliche Umstände wie erhöhte Bleikonzentrationen zusammengetragen.

Die Sache hat noch einen anderen Haken. Was mit der Produktlinie angeboten wird, ist ein vollständiger sogenannter Mahlzeitenersatz. Bislang waren weltweit und auch hierzulande allerlei Pülverchen und Mixturen eher dafür bekannt, einem bestimmten Zweck zu dienen: Hauptsächlich einer Diät, genauer – der Gewicht- abnahme. Um eine annehmbare Figur zu haben, waren und sind Männlein wie Weiblein gerne bereit, weitgehend geschmack-, geruch-, und sonst eigenschaftslose Mixturen auszuprobieren.

Unter bedenklichen Voraussetzungen, wie kürzlich festgestellt worden ist: In der Februar-Ausgabe des Verbrauchermagazins Öko-Test ist nur eines von 16 getesteten Produkten mit „ausreichend“ bewertet worden. Alle anderen erhielten die Noten mangelhaft bis ungenügend – „Aromen, Chlorat, Gentechnik und jede Menge unseriöse Versprechungen sind der Grund“. Immerhin wäre diese Gruppe Abnehmer hierzulande durch die Diätverordnung etwas geschützter. Rezepturen für Babys oder „Personen, die sich in besonderen physiologischen Umständen befinden“ wie zum Beispiel Komapatienten, werden von diesen Vorschriften ebenfalls erfasst.

Vollständiger Mahlzeitenersatz: Design statt Lebensmittel

Beim reinen Mahlzeitenersatz entfällt jedes laut Verordnung „besondere Ernährungserfordernis“ und damit auch der besondere, ohnehin ungenügende Schutz. Er ist, überspitzt gesagt: Convenience in seiner bislang konzentriertesten Form. Soylent hat hier sicherlich Maßstäbe gesetzt. Während Hersteller wie Bertrand oder Mana auf ihren werbenden Internetpräsenzen noch so etwas wie „bio“ oder Naturnähe suggerieren, ist bei Soylent nur eines Trumpf: Design und Ingenieurwesen.

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Die Zutaten, ihr Usprung und die Mixtur, bis 28. Oktober noch so auf deren Netzpräsenz zu sehen:

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Und: Soylent hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihr Nahrungsmittelangebot künstlich ist. Verantwortlich für die Seite zeichnet Rosa Labs(„Engineering future foods“) als Herstellerfirma, die von Rob Rhinehart und seinen Mitstreitern an die Spitze der Unternehmung Soylent gesetzt wurde. Der Schritt vom (erkennbaren) Lebensmittel zu substantiierten Nährstoffen in Mixtur ist damit vollzogen.

Vor allem eifrige junge Männer werden davon angesprochen. Sie kommen in einem 2015 produzierten Video des Greenpeace Magazins ebenso zu Wort wie im Filmbeitrag des Elektrischen Reporters beim ZDF vom vergangenen April. Selbstoptimierung, bewusste Entscheidung, Ersparnis an Zeit und Geld sind aber nur vordergründig positive Aspekte.

Während in Deutschland vor Gericht gestritten wird, ob Arbeitgeber das Essen am Arbeitsplatz ohne Beteiligung des Betriebsrates verbieten dürfen, ist das Gegenteil der anderswo wahr gewordene Albtraum. Zeitdruck und Überlastung verhindern eine mit KollegInnen gemeinsam eingenommene Mahlzeit und damit auch den informellen Informations- und sozialen Austausch. Eingebunden im Meetingwesen üben die, die die Meetings einberufen, Kontrolle bis in den hintersten Winkel aus – in einer flachen, dafür nicht minder autoritären Hierarchie, die die Mittagspause de facto abschafft. Und nichthierarchische Informationen im Betrieb unterbindet.

Dem kommt im privaten Bereich ein stärker werdendes Phänomen entgegen. „Die Lust am Kochen schwindet immer mehr“ hat unlängst 3Sat einen Videobeitrag betitelt und die anschließende Diskussion unter das Vorzeichen „Ernährung der Zukunft“ gestellt. Die Fragen sind freilich um das Element zu ergänzen: Wenn Essen als reine Tankfüllung für den Motor Körper angesehen wird, wie wird sich entwickeln, was Flüchtlinge oder Evakuierte in Camps erhalten oder sozial Bedürftigen im berechneten Warenkorb zugebilligt werden wird?

Verwahrloste junge Männer

The Economist hat im März 2015 unter der Rubrik „green food“ das Silicon Valley in das Zentrum der Entwicklung von Essen gestellt und damit eine Vorreiterrolle zugebilligt („Silicon Valley gets a taste for food“; deutsche Übersetzung im Greenpeace Magazin „Ist virtuelle Milch das nächste große Ding aus dem Silicon Valley?“). Dabei geht es um Täuschung. Wenn Veggieburger gepimpt werden, um in Aussehen und Geschmack Fleisch und Geflügel nahe zu kommen, bedient es den Unwillen, tierische Nahrung aufzunehmen. Aber auch: „Der Wandel vollzieht sich, indem man etwas so köstlich und erschwinglich macht, dass jeder sich dafür entscheidet.“

Dass das auch die Grundidee von Soylent war, lässt sich an Schilderung Rhineharts ablesen, er habe sich vor seiner Mixphase wochenlang von Ramen Noodles ernährt. Konzentrierte Nahrungsaufnahme für Extremsportler wie Himalaya-Kletterer, die eine gewisse Zeit in der sogenannten Todeszone Höchstleistungen erbringen, sind dabei eher nicht der Maßstab. Sondern die Nudeln sind, wie die Aufnahmen der New York Times vom 28.10. („I Dream in Fruit“) zeigen, die letzte Ernährungszuflucht für Menschen in einem Syrien im Krieg. Die Selbstoptimierer des Silicon Valley zeigen sich damit als Selbstausbeuter, die mit ihrem Selbstwertgefühl im Konflikt stehen. Und es drängt sich der Eindruck zunehmend verwahrloster Männerbünde auf, die doch nur davon träumen, dass eine Frau sie bekocht – am besten, wenn sie es noch von ihrer Mutter gelernt hat.

Soylent-Verbraucher haben das Produkt buchstäblich zum Kotzen gefunden, so das online-Magazin Gizmodo. Zitat: „Early in September, I experienced intense vomiting about 3-4 hours after eating a Food Bar. The vomiting lasted several hours. I think it was probably the worst vomiting episode I ever experienced. I did not experience diarrhea.“ Na, wenigstens das nicht.

Linktipps: „Land der billigen Lebensmittel“, „Bewusst essen“ (3Sat, 28. Juli und 27. Oktober)

[Beitragbild: Soylent Green, Screenshot, credit Phil Edwards und triviahappy.com ]
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