„War On“ – Trumps schrille und stille Helfer

USA – Stephen K. Bannon und der Kosmos von Breitbart News (very long read!)

Das letzte Mal, als von Stephen K. Bannon in Deutschland etwas ausführlicher zu lesen war, bevor er dem Wahlkampfteam von Donald Trump beigetreten ist, war 2011. Damals erwog Sarah Palin als Noch-Ikone der Tea-Party-Bewegung eine Kandidatur zum Präsidentenamt für die Republikanische Partei. Aber sie steckte in Geldnöten. Bannon sprang mit dem Film The Undefeated ein, der das Leben und politische Wirken der früheren Gouverneurin von Alaska portraitierte. Ein teures Werbegeschenk, meinte die Wochenzeitschrift die Zeit, weil Bannon zu seinen Eigenschaften als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent auch noch die Kosten einbrachte. Eine Million Dollar, wie er behauptete, aus seiner privaten Schatulle gespendet.

Alles ein Flop. Im Internet Movie Database (IMDb) wurde der Film mit tags wie „Propaganda“, „historisch ungenau“ oder „geschichtsrevisionistisch“ versehen. Und: „Grossed only $116,381 with a budget of $1,000,000. Opened to a nearly deserted theater in conservative stronghold Orange County, California.“ Die ehemalige Gouverneurin von Alaska gehört mittlerweile bestenfalls zur dritten Garnitur der GOP. Von der Tea-Party ist offiziell kaum noch die Rede.

Das Debakel, verlustreich mit untauglichen Mitteln auf das falsche Pferd gesetzt zu haben, hat Bannon nicht gebremst, sondern eher beflügelt. Vier Jahre später, im Oktober 2015, bezeichnete ihn der Newsdienst Bloomberg in einer ausführlichen Würdigung als „gefährlichsten politischen Akteur in Amerika“. Die Washington Post rieb sich im Januar dieses Jahres verwundert die Augen, als sie fragte, „wie Breitbart zu einer dominierenden Stimme in konservativen Medien“ habe werden können. Die Frage ist dramatisch berechtigt: Breitbart matcht sich jetzt im Alexa-Ranking der online-Zugriffszahlen mit der online-Präsenz der WP. Seit Mitte August war Bannon als CEO der Werbekampagne wesentlicher Teil der Erfolgsgeschichte von Donald Trump. Und jetzt ist er im Gespräch als Stabschef im Weißen Haus.

Ein News-Aggregator wird zum Webzine

Breitbart News Network und Bannon sind in wenigen Jahren zu Synonymen geworden. Nachdem der Gründer des Medienunternehmens, Andrew Breitbart, im März 2012 im Alter von nur 43 Jahren starb, übernahm der frühere Banker und Mergers-&-Acquisition-Spezialist Bannon praktisch über Nacht. Er beschickte die Redaktionen des Medienunternehmens mit jungen, erfolgshungrigen und hemdsärmeligen Unter-30-Jährigen, um eine „Anti-Establishment“-Kampagne zu starten.

Mangelnde Erfahrung oder Reputation wurden mit Public Relation ausgeglichen. Als der eher unbekannte Matthew Boyle im Herbst 2015 zum politischen Hauptstadtredakteur aufstieg, wurde er von der rechtslastigen Plattform The Washington Free Beacon prompt zum „Man of the Year“ ausgerufen. Sich selbst schätzt Boyle als Enthüllungsjournalisten ein, die Kollegen von The Daily Beast sehen dagegen einen „wütenden populistischen Vollstrecker“ am Werk. Den ohnehin überschaubaren weiblichen Anteil seiner Mitarbeiter betitelt Bannon halb ironisch, halb im Ernst als „seine Walküren“.

Was er mit anti meint, wurde spätestens beim Panel vom September 2013 zur „Zukunft des Konservatismus“ im Washingtoner Presseclub deutlich. Bannons Prämisse: Amerika habe „keine funktionale konservative Partei“. Denn die Republikaner würden in Washington, im Zentrum der Macht, mit den Demokraten eine gemeinsame Partei bilden: Die der Handel treibenden Insider. Bannon machte sich damit das Narrativ der Underdogs und Outsider, von klein gegen groß zu Eigen. Oder, um es mit den Worten auszudrücken, die das offizielle Trump-Team online einhämmert hat – „It’s US vs. them!

Der Präsidentschaftskandidat Donald Trump kam also gerade recht. Nicht nur, weil er sich als Weißer weithin sichtbar in Kontrast zu Präsident Barack Obama stellt, seit den Zeiten der Tea-Party Feind Nr. 1 bei der Mehrheit der Republikaner: Er sei Muslim, Kommunist und kein „natural born citizen“. Das sind rassistische Chiffren, die auch der Immobilienunternehmer 40 Jahre lang benutzt und verfeinert hat, wie der Kolumnist Nicholas Kristof für die New York Times festgestellt hat („Is Donald Trump a Racist?„). Oder weil Trump, als bewundertes Oberhaupt einer Großfamilie auftretend, den Prototyp des Patriarchen abgibt, der Hillary Clinton als „Ehefrau an der Seite von Bill“ ausstechen sollte. Sondern auch weil der Milliardär mit seinem Vermögen einzustehen und in der Lage war, eine etwaige Austrocknung seiner Wahlkampffonds durch gemäßigtere Parteigönner zu überstehen. Einen Betriebsunfall wie bei Palin würde es nicht noch einmal geben.

Bereits Anfang September 2015 löste das nur online und per Radio (SiriusXM Patriot, Kanal 125) erscheinende Breitbart-News-Format das Trump-Ticket. Den Auftakt bildete eine Reihe von „Exklusiv“-Artikeln aus der Hand von Boyle. Auch wenn darin kaum etwas stand, was nicht schon aus der Wahlwerbung bekannt gewesen wäre – einige originale Sätze für die Plattform aus dem Mund des Kandidaten („…Trump tells Breitbart News in an exclusive statement …“) reichten aus, um die Zugriffszahlen im Netz durch die Decke gehen zu lassen.

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12 Gedanken zu “„War On“ – Trumps schrille und stille Helfer

  1. Bloggerin Dame von Welt hat mich mit ihrem Beitrag „Mike Pence: ‚I was tea party before it was cool‘.“ auf Kopfzeiler aka Johannes Kuhn umgeleitet. Seine Gedanken zu einem „Breitbart in Deutschland“ sollten auch in Blogs ernst genommen werden: „Zustände, Probleme, Lösungen – Politik und politische Berichterstattung klingt einfach, aber es ist kompliziert. Man kann es wegabstrahieren oder zu stark anekdotisieren.“

    Zum Thema, warum Clinton entgegen ihrer Botschaft Frauen nicht erreicht hat, hat Eva Thöne bei SPON („Die ungerechte Gerechtigkeit“) einige sehr bedenkenswerte Gedanken angeboten. Sie zitiert ua. für die Zeit nach „Pussygate“: „Die Journalistin Tina Brown schreibt im ‚Guardian‘ dazu, diese ‚zwei Wochen mediales Hyperventilieren‘ hätten auf viele Frauen im Landesinneren den gegenteiligen Effekt gehabt – gerade weil ihnen Trumps Verhalten so vertraut war: ‚Das sind belastbare Frauen, die häufig zwei oder drei Jobs gleichzeitig haben, und für die flegelhafte Männer ein gelegentliches Berufsrisiko darstellen, keine existenzielle Bedrohung. Sie mögen ihre Augen gerollt haben angesichts Trumps ungebremster Rüdheit, aber kauften ihm trotzdem ab, dass er so gut wie kein anderer darin ist, Jobs zu schaffen. Und sie fragten sich, ob sein Verhalten tatsächlich schlimmer war,als das von Bill Clinton.‘

    Und das ist dann schon ein Stück mehr Tiefenanalyse als das in vielen anderen Publikationen anzutreffende „nichts entschuldige die Ignoranz und ja, auch nicht die fehlende Solidarität, die sich in diesem Ergebnis [der Trump-Wahl] zeigt“. Wer es auf diesem Level haben will, kann sich mit dem Blick nach München begnügen, als Mama Bavaria beim Starkbieranstich am Nockherberg 2016 die CSU-Politikerinnen reihenweise aufgespießt hat („Kellerpriemel“, „Hendl“). Barbara, die Stamm-Mutter aller CSUlerinnen war wegen des Mangels an weiblicher Solidarität ausnahmsweise richtig sauer: „„Wenn Frauen in der Politik sind, sollte man das nicht so handhaben wie heute“.

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