„War On“ – Trumps schrille und stille Helfer

„Make America Great Again“ im „Culture War“

Vieles deutet auf die Ära Reagan und ihre Narrative hin. Donald Trump selbst hat keinen Zweifel daran gelassen. Mit dem Hashtag #MAGA für Make America Great Again nahm er daran Maß, wie er im Interview im August 2015 bekannte. Das letzte Mal, da Amerika groß war, sei „während der Präsidentschaft von Ronald Reagan“ gewesen: „Man war stolz. Ich glaube nicht, dass seither in irgendeiner Beziehung die Menschen so stolz gewesen sind“.

Bei Bannon ist es nicht nur der Film zur Figur Reagan („In the Face of Evil„, 2004), den er als Skriptschreiber, Regisseur und Produzent verantwortet hat. Und wo Bannon und Peter Schweizer als der Buchverfasser sowie ausführender Produzent zur Zusammenarbeit gefunden haben. Über das Gespann bei GAI hinaus ist Schweizer heute Mitherausgeber und Kolumnist bei Breitbart News.

Sondern Reagan bestreitet in der populären Kultur wie bei zahlreichen Politologen in den USA die Wahrnehmung als „größter Präsident der Vereinigten Staaten“ der Nachkriegszeit, mindestens auf Augenhöhe mit John F. Kennedy. Wo dieser im Mysterium seiner Ermordung gefangen bleibt, ist Reagan der Bezwinger des „Empire of Evil“, der Sowjetunion, des Kommunismus. Mehr als nur vereinzelt sehen Menschen in den USA seit den Worten „tear down this wall“ Reagan als Lichtgestalt, als einen modernen Josua der freien Welt.

Auf die Frage, was nach dem Ende des Kalten Krieges, nach mehr als fünf Jahrzehnten der heißen wie verdeckten Konfrontationen mit einem äußeren Feind kommen würde, gab der als paläokonservativ bezeichnete Publizist Patrick „Pat“ Buchanan eine klare Antwort. Auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner 1992, aus dem der amtierende Präsident George H. W. Bush als Sieger hervorging, sprach er: „There is a religious war going on in our country for the soul of America. It is a cultural war, as critical to the kind of nation we will one day be as was the Cold War itself. And in that struggle for the soul of America, Clinton & Clinton are on the other side, and George Bush is on our side“. Ein Jahr später verlor Bush, und Bill Clinton zog in das Weiße Haus ein.

1991 hatte der Soziologe James Davison Hunter den Begriff vom Kulturkrieg in seiner heute als Standardwerk angesehenen Studie „Culture Wars: The Struggle to Define America“ geprägt. Die seine war die Fragestellung, welches die Themen seien, entlang denen eine tiefe Neuordnung der amerikanischen Kultur, verstanden als Identitätsstiftung, stattfinde. Die Kontrahenten: „Die Orthodoxen“, wie sie Hunter nennt, die gläubig einer geradezu transzendentalen Autorität als konsistenten, unveränderlichen und absoluten Maßstab für Rechtschaffenheit und moralische Wahrheit folgen wollen. Darin fänden so unterschiedliche Gruppen wie fundamentalistische Evangelikale, konservative Katholiken und orthodoxe Juden einen gemeinsamen Nenner. Auf der anderen Seite: „Die Progressiven“ oder Liberale, die eher säkular ihre Maßstäbe in der persönlichen Erfahrung oder in den Wissenschaften suchen würden. Für sie sei die moralische Wahrheit nicht buchstabengetreu in Stein gemeißelt; ihre Suche gelte der Interpretation, dem Sinnhaften. Die unterschiedlichen Herangehensweisen würde die Konfrontation bei Themen wie Abtreibung, Verständnis von Ehe und Rolle von Geschlechtern oder Homosexualität unvermeidlich machen.

Buchanan nahm sie als „Abtreibung auf Bestellung, Lackmustest für das Höchstgericht, Rechte der Homosexuellen, Frauen in der kämpfenden Truppe“ affirmativ auf und bezeichnete sie als nicht hinnehmbar: „Das ist nicht die Art von Änderung, die wir in einer Nation tolerieren können, die wir immer noch Gottes Land nennen“.

Rund ein Viertel Jahrhundert später hat der Kommunikationswissenschaftler Will Tiemeijer für den niederländischen wissenschaftlichen Beirat für Regierungspolitiken (WRR) Hunters Werk einer Überprüfung unterzogen („The United States: culture wars“, 2015; pdf via wrr.nl, 2,48 MB). Anhand von diversen Studien und Erhebungen der letzten Jahre gelangt Tiemeijer zu folgenden Ergebnissen: Die politischen Eliten der USA seien in der Frage um die Deutungsmacht im Land „unbestreitbar polarisiert. Im Kongress sind die Abgeordneten der Republikaner stärker ideologisch geteilt als selbst zu Zeiten des Bürgerkriegs. Das ist mit ein Grund, warum amerikanische Wähler klarer zwischen den beiden Parteien ’sortiert‘ erscheinen“. In Bezug auf die Bevölkerung hingegen gäbe es kein Bild, über das sich die Forschung einig wäre. Konsens bestehe darüber, dass dort das Politische sich von Ideologien entfernt und zu Grundfragestellungen zurück gekommen sei, was moralisch „richtig“ oder „falsch“ sei. Wie sehr das aber zu einer Polarisierung geführt habe, sei umstritten.

Das Bild, das Tiemeijer vorzieht, ist: „Orthodoxe“ und „Fortschrittliche“ würden nebeneinander her leben, aber sich kaum berühren. Hier komme sogenannten „partisan Media“ (tendenziösen Veröffentlichungen) und „outrage Media“, emotions- bis wutstiftenden Trägern eine besondere Rolle zu. Sie würden den Opponenten, hauptsächlich online, jeweils ein Gefühl der Bestätigung und des Aufgehobenseins vermitteln: „Fans erfahren das als sicheren Hafen gegenüber der Anstrengung, der sie im sich überkreuzenden politischen Gespräch mit Nachbarn, Kollegen und Mitglieder der Wohngemeinde begegnen würden“.

Beispiel, die Neuauflage des Films „Ghostbusters“

Die Dynamik dieser Form polarisierender Politisierung kann anhand des Remake des Films Ghostbusters rekonstruiert werden. Obwohl die Komödie noch nicht in den Kinos angelaufen war, sorgte bereits das Projekt, erst recht aber der offizielle Trailer im März 2016 für negative Schlagzeilen. Bei YouTube wurde er zu einem der 10 Videos mit den schlechtesten Bewertungen. Inhaltlich wie politisch konnten Kritiker aber kaum etwas Konkretes beisteuern. Den Tenor fasste Donald Trump bereits Mitte 2015 in einem Vlog bei Instagram zusammen: „They’re remaking Indiana Jones without Harrison Ford – you can’t do that! And now they’re making Ghostbusters with only women. What’s going on?!“ Noch ein Jahr später weigerte sich James Rolfe, aka „The Angry Video Game Nerd“ in dem von ihm kreierten online-Format Cinemassacre, den Film zu besprechen (das konnte er auch nicht, der Streifen wurde erst 2 Monate später in die Kinos gebracht), rief aber trotzdem zu dessen Boykott auf. Einzige greifbare Begründung in der wortreichen Meldung: Es sei der Angriff auf einen zeitlosen Klassiker, „eine der größten Komödien, die je gemacht wurden.“

Dass das Stück von 1984 tatsächlich ein Klassiker ist, hat das National Film Preservation Board (NFPB) dokumentiert, indem es Ende 2015 die Komödie in die Liste erhaltenswerter Filme bei der us-amerikanischen Nationalbibliothek eintrug. Vorbehalten ist das seit 1988 jährlich 25 Werken, die in „kultureller, geschichtlicher oder ästhetischer Hinsicht als besonders bedeutend eingestuft“ werden. Die Laudatio durch den Filmemacher Adam Bertocci begründet in feiner, selbstironischer Zisellierung warum: „Das kulturelle Erbe von ‚Ghostbusters‘ endet nicht 1984. Seine Auswirkungen hallen in den Kindern der 80er wider […] Die Nuller sind die ‚Ghostbusters‘-Generation […] Bei allen kopflastigen und händeringenden Stücken in den Medien zu dem, was uns bewegt, reicht ein rascher Blick auf die grau gekleideten Jungs selbst. Wir sind Selbststarter und Selbständige, die von Einsatz zu Einsatz schwirren. Wir sind eigensinnig. Wir misstrauen den gesellschaftlichen Institutionen, wir respektieren nicht die Regeln der alten Religionen und fühlen uns dabei wohl, Technik dafür einzusetzen, die Welt nach unseren Launen zu formen, vorzugsweise um Profit daraus zu schlagen.“

Den Schlüssel zu seinem Text hat Bertocci freilich gleich zu Beginn geliefert. Der Film (und damit auch seine Betrachtung) sei zwar ein „grundsolider Ulk“. Aber er würde „selbst dann noch funktionieren, wenn er völlig ernst gespielt würde“. Damit wird das „kulturelle Erbe“ bei reflektierter Lektüre das aufgrund eigener Prekarietät (von Startups bis Scheinselbständige) eine auf die Institutionen und deren Politiken geworfene, aggressiv formulierte Unsicherheit. Oder anders ausgedrückt: Der Film kann affirmativ als eine Resümee einer Zeit gesehen werden, wo jeder um seinen Platz in der amerikanischen Gesellschaft zu zweifeln begann. Ein Team Weißer, das selbst aus Aberwitz Erfolg strickt? Andere Ethnien kommen in dem Streifen praktisch nicht vor? Und ist „die Frau“ nicht sowohl Opfer (Sigourney Weaver als Dana Barrett) als auch Dämon (Slavitza Jovan bzw. Paddi Edwards als Gozer), noch immer „Heilige und Hure“?

In einer Nation, die sich Gottes Land wähnt, wird die Frage nach dem Dämon anders beantwortet als mit subtiler Ironie. Milo Yiannopoulos hat in Bezug auf das Remake dieses Element aufgenommen und seinen Betrachtungen vorangestellt: „The overarching problem with Ghostbusters is that the script is a greater abomination to God than any of the demons and ghosts in the franchise.“ Dass Nero das nicht spielerisch oder auch nur sarkastisch meinen könnte, sondern es ihm sehr ernst ist, legt Laurie Penny mit „I’m With The Banned“ nahe. Auch seine Ansage, dass „meine loyale Leserschaft sich seit Monaten mit den Sozialkriegern bekriegt“ ist an Unzweideutigkeit nicht zu überbieten. Die Sprengkraft kulminiert freilich, wenn der misogyn-ausfällige Ton mit der „Abscheulichkeit vor Gott“ zusammentrifft: Die Frau als der Inbegriff des Bösen ist damit festgeschrieben. Die Unentschiedenheit, was „richtig“ und was „falsch“ sei, wurde von Breitbart/Yiannopoulos aufgenommen, akzentuiert und aggressiv aufgelöst. Und an einem Nebenschauplatz durchexekutiert.

12 Gedanken zu “„War On“ – Trumps schrille und stille Helfer

  1. Bloggerin Dame von Welt hat mich mit ihrem Beitrag „Mike Pence: ‚I was tea party before it was cool‘.“ auf Kopfzeiler aka Johannes Kuhn umgeleitet. Seine Gedanken zu einem „Breitbart in Deutschland“ sollten auch in Blogs ernst genommen werden: „Zustände, Probleme, Lösungen – Politik und politische Berichterstattung klingt einfach, aber es ist kompliziert. Man kann es wegabstrahieren oder zu stark anekdotisieren.“

    Zum Thema, warum Clinton entgegen ihrer Botschaft Frauen nicht erreicht hat, hat Eva Thöne bei SPON („Die ungerechte Gerechtigkeit“) einige sehr bedenkenswerte Gedanken angeboten. Sie zitiert ua. für die Zeit nach „Pussygate“: „Die Journalistin Tina Brown schreibt im ‚Guardian‘ dazu, diese ‚zwei Wochen mediales Hyperventilieren‘ hätten auf viele Frauen im Landesinneren den gegenteiligen Effekt gehabt – gerade weil ihnen Trumps Verhalten so vertraut war: ‚Das sind belastbare Frauen, die häufig zwei oder drei Jobs gleichzeitig haben, und für die flegelhafte Männer ein gelegentliches Berufsrisiko darstellen, keine existenzielle Bedrohung. Sie mögen ihre Augen gerollt haben angesichts Trumps ungebremster Rüdheit, aber kauften ihm trotzdem ab, dass er so gut wie kein anderer darin ist, Jobs zu schaffen. Und sie fragten sich, ob sein Verhalten tatsächlich schlimmer war,als das von Bill Clinton.‘

    Und das ist dann schon ein Stück mehr Tiefenanalyse als das in vielen anderen Publikationen anzutreffende „nichts entschuldige die Ignoranz und ja, auch nicht die fehlende Solidarität, die sich in diesem Ergebnis [der Trump-Wahl] zeigt“. Wer es auf diesem Level haben will, kann sich mit dem Blick nach München begnügen, als Mama Bavaria beim Starkbieranstich am Nockherberg 2016 die CSU-Politikerinnen reihenweise aufgespießt hat („Kellerpriemel“, „Hendl“). Barbara, die Stamm-Mutter aller CSUlerinnen war wegen des Mangels an weiblicher Solidarität ausnahmsweise richtig sauer: „„Wenn Frauen in der Politik sind, sollte man das nicht so handhaben wie heute“.

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