Und jetzt?

Die letzten 15 Jahre haben gezeigt, dass weder Krieg noch Hass gegen Terrorismus etwas ausrichten.

Wenn es zur Stunde einen Tenor gibt, dann dürfte er lauten: Der Terror hat Deutschland im Zentrum erreicht. Getroffen, getötet und verwundet wurden nicht nur Personen, die festlich zusammen gekommen waren wie an tausenden anderen Plätzen. Sondern es ist in Berlin geschehen, einer Hauptstadt mit Anspruch auf Weltgeltung und Sitz derer, die zu den wirklich Mächtigen dieser Welt gezählt werden. Es ist ein Anschlag vor der Eingangstüre des Bundeskanzleramtes.

Gleich wer konkret oder vielleicht mittelbar, aus welchen Gründen und zu welchen Zwecken die Tat am Breitscheidplatz am Montagabend begangen hat: Neben Trauer und Wut ist Verunsicherung das weit verbreitete Gefühl. Den Reden, Artikeln oder Talks kann es ebenso entnommen werden wie den Mitteilungen in Social-Media. Damit wäre ein Zustand erreicht, der als eines der generellen Ziele von Terrorismus gilt – wer verunsichert ist, stellt das Bisherige in Frage.

Aber was wäre das Bisherige?

Bereits in den Nachtstunden von Montag auf Dienstag gab es Rufe, die nicht anders zu verstehen sind als die nach Gegengewalt. Sie sind zusätzlich befeuert von der Stimme des künftigen Präsidenten der USA. Nur wenige Stunden nach dem Attentat montierte er die Toten und Verletzten in Deutschland zu „christlichen Opfern eines globalen Dschihad“. Sie werden dankbar aufgenommen von deutschen Politikern wie Klaus Bouillon. Er will konstatiert haben, „wir sind in einem Kriegszustand“. Auch wenn er das K-Wort mittlerweile zurückgenommen hat: Ist damit das Bisherige als Friedenszustand in Frage gestellt und wenn ja: wem gegenüber?

Schon in den Vormittagsstunden vom vergangenen Dienstag kam aus München der Vorstoß, dass die gesamte Flüchtlings- und Zuwanderungspolitik auf den Prüfstand gehöre. Derzeit weiß niemand, wer der oder die Täter in Berlin gewesen sind. Mit den Worten von Horst Seehofer wären sie aber im Milieu der Schutzsuchenden zu finden. Ist damit das Bisherige, Teile der in Deutschland lebenden Menschheit nicht mit einem kriminellen Generalverdacht zu verunglimpfen, in Frage gestellt und in ihr Gegenteil verkehrt?

Die Weihnachtsmärkte in Berlin blieben am Dienstag überwiegend geschlossen. An vielen Orten werden sie jetzt mit Betonsperren bewehrt. ZDF-Vize und Terrorexperte Elmar Theveßen meinte am Dienstag, dass wir jederzeit mit solchen Anschlägen rechnen müssten. Das bedeute, „dass man damit leben lernen muss, weil eine 100prozentige Sicherheit gerade angesichts vieler Veranstaltungen, die es gibt, in Deutschland nicht möglich ist“. Ist damit das Bisherige an Unbeschwertheit, Festlichem und Freude demnächst gegen die Festung getauscht, in der wir beklommen ausharren?

Um die Fragen zu beantworten, muss man den Untergangsrufern den Gefallen tun und sich auf deren unheimliche Phantasterei einlassen – dass der am Montag Festgenommene und wieder Freigelassene oder der jetzt zur Fahndung ausgeschriebene, in den Morgenstunden des 23.12. in Mailand erschossene(*) Mann trotzig Kinn und Faust vorreckten, um sich unter Anrufung von Allah stolz zum Verbrechen zu bekennen. Dann wäre es mit dem Satz, „das Leben geht weiter“, sicher nicht getan.

Denn dieses Leben geht weiter, seitdem vor 15 Jahren zwei Flugzeuge in Hochhäuser gelenkt wurden. Die Verunsicherung hat mit dem „War on Terror“ nicht ab-, sondern zugenommen. Sie hat immer neue Länder und deren Bewohner mit einbezogen, sie beeinflusst zunehmend deren Gewohnheiten – vor allem die, andere immer weniger als Mitmenschen, dafür als Feinde zu betrachten.

In der Logik derer, die das Wort „Krieg“ seitdem gebrauchen und nun wieder verwenden, befinden wir uns bereits seit über 15 Jahren in einem solchen Zustand. Das gilt auch und erst recht für Deutschland. Als Teil der sogenannten Anti-Terror-Koalition entsandte die Bundesrepublik teilweise mehr als 5.300 Soldaten gleichzeitig nach Afghanistan. Dazu hieß es in der Regierungserklärung vom 11.3.2004, „[u]nsere Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt“.  Mögen sie noch so euphemistisch als „Auslandseinsätze“, „friedenserhaltend“ oder „friedenssichernd“ bezeichnet werden: Der Verteidigungsfall ist im Sprachgebrauch des deutschen Grundgesetzes nichts anderes als Krieg.

Deutschland ist derzeit laut Angaben der Bundeswehr weltweit an 13 Einsätzen mit rund 3.300 Soldaten beteiligt. Die republikanische Armee ist im  Kosovo genauso stationiert wie im Sudan oder nach wie vor in Afghanistan. Auch wenn die Zahlen nicht beeindruckend scheinen: Diese Armee ist Teil von Streitkräften, die hochgerüstet und martialisch kein Lächeln auf das Gesicht von Kindern zaubern, weil sie ihnen Süßigkeiten schenken – sie sind ihrem Handwerk und ihrer Bestimmung gemäß kämpfend, tötend oder dazu da, andere darin zu unterweisen. Solche Armeen haben nur selten Freunde, aber sie schaffen ständig neue Feinde.

Damit begnügt sich Deutschland nicht. Im Jahrbuch 2016 des Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) rangiert die Bundesrepublik auf Platz 5 der wichtigsten Exporteure schwerer Waffen. Das Bild wird noch desolater, addiert man die Ränge 4 bis 10, allesamt europäische Staaten: Sie halten zusammen 25,6 Prozent des Weltmarktes und damit mehr als Russland. Der Weltmarkt sind Krisengebiete, dort wo die Kriege stattfinden oder Staaten, die diese Kriege direkt und indirekt befeuern.

In der gleichen Logik wäre zu konstatieren, dass der Krieg in 15 Jahren immer näher an Deutschland heran gerückt ist. Seine Vorboten heißen Flucht und Vertreibung. Sie sind in ihrer menschlichen Gestalt der Geflüchteten und Vertriebenen jeden Alters und jeder sozialen Herkunft unübersehbar geworden, weil sie hunderttausendefach an europäischen wie deutschen Grenzen standen und stehen. Und dieser Krieg hätte dann schon lange seine eigenen Soldaten in Deutschland – gleich ob Deutsche wie Eric Breininger, Silvio Strobl, Fritz Gelowicz, ob Albaner und Kosovaren, Afghanen und Pakistani oder noch genereller „junge Männer aus dem Maghreb“.

In dieser Logik -schließlich- hätte sich in Deutschland die Wahrnehmung vom Krieg verändert. Getroffen hätte es nicht Kombattanten, Soldaten, ihre zivilen und militärischen Befehlshaber. Oder Waffenfabriken.

Die Opfer in Berlin wären wie jede Zivilbevölkerung dieser Welt in der zynischen Kriegssprache: Kollateralschäden. Das ist so schockierend wie es die Bilder gewesen sind, die unlängst von SRF und ORF zu Aleppo gesendet wurden. Im Westen der Stadt Luxus und Vergnügen, im Osten Elend und Tod; von Deutschland aus müsste nur die Himmelsrichtung geändert werden, südwärts.

Denn auch dort meint eine scheinbar ungerührte Studentin: „Es ist schlimm, aber das Leben geht ja weiter“. Und der Nahostkorrespondent des SRF, Pascal Weber, schreibt den Satz dazu: „In einem Krieg steht letztendlich jeder sich selber am nächsten, das ist nicht nur in Syrien so.“

Die beiden Sätze zeigen, worin Kriegslogik ihrem Wesen nach besteht und wohin sie führt: Sie ist nicht nur mörderisch, sie ist die endgültige disruptive Kraft, die Gesellschaften und Gemeinwesen tief verletzt und verwundet, woran sie endgültig zu scheitern drohen. Sie ist für die Menschen die letzte denkbare Enthemmung.

Es reicht nicht mehr, zu sagen, dieser Kriegslogik müsse widerstanden werden. Schon vor 15 Jahren stellte Peter Sloterdijk die Frage: „Haben wir immer noch nicht verstanden, dass die westliche Demokratie jene Lebensform ist, in der man für seinen Feind verantwortlich ist – weil dieser die eigene Praxis widerspiegelt?“ Heute wird sie abermals und mehr denn je verneint. Denn zu lange schon haben sie gewirkt, „kriegskommunitarische Reaktionen, patriotisches Zusammenrücken, rauschhafter Kriegsholismus, Leitartikler-Metaphysik, Wille zur Ergriffenheit vom Kampf – und Hass gegen jede Mahnung zur Ausgewogenheit.“

Hass ist dabei mehr als das Gefühl, das prägende Wort. Denn Hass haben wir nicht für Gegner oder Kriminelle übrig, ihn reservieren wir für den Feind. Carolin Emcke schrieb im September 2015: „Dem Hass begegnen lässt sich nur, indem man seiner Einladung, sich ihm anzuverwandeln, widersteht.“ Das bedeutet in Richtung solcher Taten wie in Berlin auch: Hier hat nicht ein Feind gewütet, sondern es ist eine kriminelle Tat, ein schweres Verbrechen. Hier muss kein Rechtsstaat „zurückschlagen“, er ist kein Rachestaat. Sondern er wird als solcher handeln, den oder die Verbrecher zu überführen suchen, um sie justiziell zu bestrafen.

Sich dem Hass nicht anzuverwandeln ist gerade jetzt eine Herausforderung. Weil sonst der Plan des Terrorismus‘ aufginge. Aber auch um unser selbst willen. Noch vor dem Tod hat es Hass in Deutschland zu oft zur Meisterschaft gebracht.

 

(*) Editnote, 23.12., 15:50 Uhr: Der Beitrag wurde am 22.12. in den Abendstunden eingestellt. Die Nachrichtenentwicklung in Mailand war erstmals über rai-televideo am 23.12., 08:00 erreichbar. ms

 

 [Beitragsbild: UA_Flight_175_hits_WTC_south_tower_9-11.jpeg: Flickr user TheMachineStops (Robert J. Fisch); Lizenz: Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 generisch“ (US-amerikanisch); Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:UA_Flight_175_hits_WTC_south_tower_9-11_edit.jpeg%5D
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3 Gedanken zu “Und jetzt?

  1. Sich dem Hass nicht anzuverwandeln ist gerade jetzt eine Herausforderung. Weil sonst der Plan des Terrorismus‘ aufginge.
    So ist das, und allzuviele laufen nur allzu bereitwillig in diese Falle. Udo Endruscheit hat das hier beleuchtet.

  2. Sehr gute Erinnerung unter vielen merkwürdigen Artikeln hier auf WordPress. Ich habe mich zuletzt mit Bildung beschäftigt, aber schau doch mal vorbei, mein Eintrag über Hass als Charaktermerkmal würde ich dir empfehlen. Ich glaube du findest dich in einigem wieder ;)

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