Italien, Erdbebenland (II)

Zwischen Prophetie und WahrscheinlichkeitVoraussagen haben etwas Orakelhaftes. Für den kampflustigen, aber unsicheren Krieger der Antike war „ibis redibis non morieris in bello“ mehrdeutig, bis ein Komma gesetzt wurde. An welcher Stelle genau, so will es die Überlieferung, hing vom Wert der Geschenke an die jeweils im Namen der Sibylle tätigen Priester ab. Die Lokution funktioniert auch im Englischen: „You will return not in the war shall you die“.

Die hohen Zahlen an Toten und Verletzten in der Vergangenheit, die Bilder der absoluten Zerstörung, die l’Aquila seit 2009 oder Amatrice, Norcia und Cascia heute bieten, sind von denen eines Krieges kaum zu unterscheiden. Während aber ein Frühwarnsystem vor einem bewaffneten Angriff noch Zeit lassen kann, ist das bei Erdbeben anders. Wo und wann genau das wirklich zerstörende Ereignis stattfindet, kann niemand voraussagen. Selbst Anzeichen, wie etwa ein sogenannter Erdbebenschwarm sich konkret auswirken wird, bleiben weitgehend ein Rätsel. Fünf Monate lang waren kleinere und mittlere Erdstöße in den Abruzzen gemessen und wahrgenommen worden, bevor es am 6. April 2009 im Epizentrum der Regionalhauptstadt Aquila um 03:32 Uhr zum ganz großen Schlag kam. Die Ausgangsfrage bekommt in dieser langen Zeit einen eigenen Spin: Wie lebe ich mit dem Erdbeben?

Daran orientiert sich nicht nur, ob und wie zerstörte Ansiedlungen wieder aufgebaut werden. Die Grundentscheidung ist, ob derartige Unsicherheit in das tägliche Leben integriert werden kann. Dazu hat es in Italien zwei Verfahren gegeben, die über ihren strafrechtlichen Charakter hinaus einen Fingerzeig enthalten.

Der „Erdbebenprophet“ Giampaolo Giuliani

Das eine betraf Giampaolo Giuliani. Der gelernte Industriechemiker und Feinmechaniker ist auch Dank der Anteilnahme der internationalen Presse weltweit als der Mann bekannt geworden, der das Ereignis von l’Aquila vorhergesagt haben will. Seine Fähigkeit hatte Giuliani im August 2008 suggeriert, als er das „weltweit erste Zentrum zur Vorhersage von Erdbeben“ eröffnete. Die Kellerräume unter einer Schule im aquilanischen Stadtteil San Bernardino, mithilfe von Spenden und dem Sponsoring ua. von der Messtechnikfirma CAEN eingerichtet, sollten seiner Theorie zum Durchbruch verhelfen.

Als langjähriger technischer Mitarbeiter der Laboratori Nazionali del Gran Sasso (LNGS) hatte er anhand von Messungen eines russischen Forscherteams festgestellt, dass im Vorfeld von Erdbeben ein verstärkter Austritt von 222Radon verzeichnet werden könne. Seine These: Je stärker die festgestellte Konzentration des natürlichen radioaktiven Edelgases, desto wahrscheinlicher ein schweres seismisches Ereignis an deren Austrittsort. Mithilfe von eigens von ihm entwickelten Sensoren, die er in der Umgebung von l’Aquila aufstellte, wollte er in der Lage sein, punktgenau Beben vorauszusagen.

Am 29. März 2009 war es soweit. In den Morgenstunden ging von Giulianis Zentrum die Meldung per www an die Öffentlichkeit und telefonisch u.a. an die Sicherheitskräfte hinaus, am Nachmittag sei ein katastrophales Ereignis in der rund 70 km entfernten Stadt Sulmona zu erwarten. Das Ergebnis war eine örtliche Massenpanik, aber kein stärkeres Erdbeben. Giuliani wurde daraufhin wegen „Procurato Allarme“ (Art. Artikel 658 it. Strafgesetzbuch) angezeigt und der Prozess gemacht. In Italien wird bestraft, wer u.a. haltlos Katastrophen ankündigt. Panik ist hinsichtlich ihrer disruptiven Kraft das soziale Pendant zu den Zerstörungen durch Naturkräfte. Später wird Giuliani behaupten, das Beben vom 6.4. in l’Aquila vorhergesehen zu haben, hätte sich aber wegen der Anzeige nicht getraut, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Auch Wissenschaftler und Zivilschutz auf der Anlagebank

Der andere Strafprozess betraf sechs Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats („Commissione Nazionale Grandi Rischi“) und den vor Ort verantwortlichen Leiter des Zivilschutzes. Hier lag der Vorwurf genau umgekehrt. Mit ihren Verlautbarungen hätten die Angeklagten nicht nur gezeigt, Erdbebenindikatoren falsch interpretiert zu haben. Sondern sie hätten die Bevölkerung in falscher Sicherheit gewiegt. Für den Tod von Menschen, die sich darauf verlassen und nicht rechtzeitig ihre Wohnung verlassen hatten, seien sie verantwortlich.

Tatsächlich kam es am 31.3.2009, nach zwei schwereren Erdstößen, in l’Aquila zu einer Sitzung des Zivilschutzes mit den genannten Beteiligten. Wenige Minuten vor der Sitzung war Bernardo De Bernardinis, stellvertretender Chef des italienischen Zivilschutzes und vor Ort entsandt, vor die Presse getreten. Seine Verlautbarung: „Die Wissenschaftsgemeinde sagt mir fortwährend, dass die Situation günstig ist und dass es [Anm.: wegen der bisherigen Erdstöße] einen ständigen Energieabbau gibt“. Eine positiv klingende Prognose also, die mit diesem Tenor von allen Medien weiterverbreitet wurde.

Als am 22. Oktober 2012 alle sieben Beteiligten in erster Instanz zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, war vor allem in der Wissenschaftsgemeinde die Aufregung groß. Sehr klarsichtig schrieb die Chefredaktion der Zeitschrift Nature in ihrem Editorial am darauf folgenden Tag: Hier habe „eine Kriminalisierung von Wissenschaftlern stattgefunden“ und zwar „auf der Grundlage dessen, wie deren Auffassungen mitgeteilt wurden“. Die Beruhigung folgte erst, nachdem in zweiter Instanz und schließlich im November 2015 in der Revision die Mitglieder des Beirates vollständig freigesprochen wurden. Nur De Bernardinis Verurteilung zu einer Haftstrafe, unter Herabsetzung der Haftdauer, wurde bestätigt.

Sieben Freisprüche, eine Verurteilung

In Richtung der nur beratenden Wissenschaftler urteilte der Kassationsgerichtshof: „Der intellektuellen Exploration ist ein Statut völliger Freiheit zuzubilligen […] Die soziale Verantwortung des Wissenschaftlers beginnt dort, wo das Produkt seiner Anstrengungen publik wird. Sie beginnt mit der sozialen Mitteilung der Wissenschaft.“ De Bernardinis dagegen attestierten die Richter, er habe die Meinung des Beirates vorweggenommen und interpretiert. Dabei habe er „wissenschaftlich falsche Vorstellungen“ mitgeteilt „und damit die Prinzipien von Sorgfalt und Vorsicht verletzt“. Das sei vor allem wirksam geworden, weil ganz überwiegend seine Äußerungen von den Medien transportiert wurden. Der Strafrichter in l’Aquila schließlich, so die Kritik des Höchstgerichts in Rom, habe anhand vorhergehend interpretierbarer Erdbebenindikatoren nachträglich eine Zwangsläufigkeit konstruiert.

Auch Giuliani ist freigesprochen worden. Seine Einlassungen wurden zu seinen Gunsten als allgemeine Warnungen gewertet. Auch seine Radon-These wurde gewürdigt. Der Austritt von Gasen im Vorfeld von Erdbeben sei Gegenstand allgemeiner wissenschaftlicher Untersuchungen. Ergebnis: Die Grenzen zum willkürlichen Fehlalarm seien nicht überschritten worden.

Vorhersehbar, aber nicht vorhersagbar

Was in der Öffentlichkeit ebenso kontrovers wie in den Verhandlungsräumen der Gerichte debattiert wurde, war im Ergebnis nicht mehr die Frage, ob ein Erdbeben (nicht) voraussagbar ist. Sondern der alle angehende Mittelpunkt ist die soziale Verantwortung im Umgang mit einem sich potentiell jederzeit realisierenden Risiko. Der italienische Zivilschutz hat für die zahlreichen Gefahrenlagen (Vulkanismus, Erdbeben, Sturzregen u.a.) die Plattform „Sei preparato?“ (dt: Bist du vorbereitet?) eingerichtet, die konkrete Verhaltensweisen vorschlägt. Auch die Reaktionszeiten für die Bereitstellung von Rettung und Nothilfe haben sich bedeutend verkürzt. Die Maxime, dass Erdbeben vorhersehbar aber nicht vorhersagbar sind, hat auch das deutsche Bundeministerium für Bildung und Forschung klargestellt. Es komme auf die Frühwarnung an, so „dass im Ereignisfall schneller reagiert werden kann“.

Die Vorstellung, dass diese Gefahr abgewehrt werden könne, wie etwa die niederländischen Sperranlagen gegen Springfluten oder Dämme entlang von Flüssen, wäre abwegig. Aber auch der Aspekt der Vorhersehbarkeit und damit der Planungssicherheit ist nicht ohne Weiteres unproblematisch. Sind etwa statistische Zahlenreihen zu Erdbeben zuverlässiger Indikator, um bestimmte bauliche Maßnahmen zu fordern und zu fördern? Gibt es in Italien überhaupt Orte, an denen potentiell gefährliche Anlagen der Industrie errichtet werden können? Dem will ich in einem der nächsten Blogs nachgehen.

[Beitragsbild: Panoramaaufnahme des Forums von Pompeji https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e8/Pompeii_Forum_Panorama.jpg]
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