Italien, Erdbebenland (III)

Will man da leben?

Sich bewusst an einem Ort niederzulassen ist nur selten eine völlig freiwillige Sache. Die Liebe, ein Jobangebot oder schiere materielle Not ziehen Menschen woanders hin: Weg von der Heimat, auf der hoffnungsvollen Suche nach einer neuen.

Das ist in Italien nur noch bedingt richtig. Denn nach den letzten Erhebungen aus den Katasterunterlagen und deren Auswertung hat die Oberste Finanzbehörde (Agenzia delle Entrate) 2015 abgeleitet, dass rund 75% der ItalienerInnen in den eigenen vier Wänden leben. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Quote beim Wohneigentum bei nur 52,4 Prozent. Hohe Jugendarbeitslosigkeit verbunden mit dem Angebot, in jeder Hinsicht kostenfrei wohnen zu können, haben dazu beigetragen, dass immer mehr Menschen zwischen 18 und 34 Jahren mit den Eltern unter einem Dach bleiben. Derzeit hält das bei einem Anteil von 67,3 Prozent. Geringschätzig werden sie in der italienischen Presse als „Mammoni“ bezeichnet, weil überwiegend männlich, als Muttersöhnchen. Aber es zeigt, dass auch an einem Ort zu bleiben nicht immer ganz freiwillig oder nur bequem ist.

Ein anderer Aspekt ist freilich, dass drei von vier Personen, die heute vor einem zerstörten Haus in Amatrice oder Norcia stehen, mehr als den Verlust an Personen oder Habseligkeiten beklagen. Mit einem Schlag ist verloren gegangen, was Kriegs- und Babyboomer-Generation zusammengespart haben, um sich und noch die Millenials mit einer Wohnstatt zu versorgen. Dass hier die Verzweiflung zusammen mit dem Schaden besonders groß ist, wird ebenso nachvollziehbar wie das sprichwörtliche Gefühl, „auf schwankendem Boden zu stehen.“

Die der Erdbeben ist fast immer eine Geschichte des Wiederaufbaus. Bisher.

Erdbebengeschichte ist immer auch eine des Wiederaufbaus gewesen. Die Hauptstadt der Region Abruzzen l’Aquila etwa war im Jahr 1461 zu einem Viertel, bei dem Ereignis von 1703 (durch die kumulierte Wirkung dreier Erdstöße vom 14. und 16. Januar sowie vom 2. Februar) vollständig zerstört worden. Bei Letzterem fanden den Aufzeichnungen zufolge rund 6.000 Menschen den Tod. Gleichwohl hat die Stadt, deren Wurzeln vorrömisch sind, mit der Wiederrichtung und Neubevölkerung jeweils auch ihre Funktion als politisches, administratives und kulturelles Zentrum wiedererlangt. Symbolisch ist die Geschichte der ehemaligen Kirche San Francesco in Norcia, bis vor zwei Wochen das Auditorium der Kleinstadt am Fuß des umbrischen Apennins: Sie war aus Ruinen des sakralen gotischen Bauwerks nach einem Beben von 1859 rekonstruiert und später umgewidmet worden, um nun abermals zerstört zu werden.

Das könnte sich vielleicht ändern. Zwar gab es ab 1984 eine Kartierung seismischer Zonen.

classificazione-zone-sismiche-1984
Quelle: http://zonesismiche.mi.ingv.it/class1984.html

Aber abgesehen von nur punktueller Gefährlichkeit stellt sich ein Großteil des Territoriums noch als nicht klassifiziert dar („N.C.“). Seit 2006 hingegen ist per Verordnung bekannt gemacht und verbindlich diese Darstellung:

karte-seismische-gefaehrlichkeit
Disclaimer – Arbeitsgruppe für die seismische Microzonierung MPS (2004). Erstellung der Karte über die seismische Gefährlichkeit gemäß Verordnung des Ministerpräsidentenamtes PCM 3274 vom 20. März 2003. Abschließender Bericht für die Abteilung des Zivilschutzes INGV, Mailand-Rom, April 2004, 65 Seiten + 5 Anlagen. Quelle: http://zonesismiche.mi.ingv.it/

Die heutige Möglichkeit, sich in der einen oder anderen Weise umfassend zu informieren, ohne auf den hergebrachten medialen Filter der sogenannten Relevanz (oder der „Reichweite“ als dominierendes Merkmal von Wichtigkeit) angewiesen zu sein, eröffnet neue Wahrnehmungsmöglichkeiten. Warum, werden sich möglicherweise die Menschen fragen, sollten das Haus, der Ort, die Stadt in einer Zone wieder aufgebaut werden, die offiziell als die gefährlichste gilt: „Es können sich schwerste Erdbeben ereignen“.

Eine Bewährungsprobe hat die heutige plakative Darstellung von Gefahrenzonen schon bestanden, wenn auch in einem von der Politik zunächst nicht erwünschten Sinn. Als zwischen 2008 und 2009 Italien mit Frankreich Bau und Lieferung von mindestens vier Atomkraftwerken beschloss, ging das einerseits gegen das italienische Referendum von 1987. Damals stimmte die Bevölkerung unter dem Eindruck des Tschernobyl-GAU gegen die Nutzung der Kernenergie, die bis dahin vier aktiven AKW mussten abgeschaltet werden.

Andererseits ging es, genauso wie in vielen anderen Ländern dieser Welt, um den wachsenden Energiehunger und die Tatsache, dass das Land überwiegend von Lieferungen von Gas und Erdöl aus Libyen abhängig war und ist. Das Exekutiv unter Ministerpräsident Silvio Berlusconi versuchte einen Taschenspielertrick. Indem es auf die Standortsicherheit -innerhalb der Kartierung offiziell zu „wenig gefährdet“ erklärten Zonen- abhob und dafür eine Findungskommission einsetzte, sollte das Thema Sicherheit von Nukleartechnik von der des Standorts überlagert werden – die AKW genauso betreffend wie Lagerstätten für radioaktiven Abfall.

nucleareitalia
Credit: Greenpeace Italia, Quelle: https://energianucleare.files.wordpress.com/2009/09/nucleareitalia.jpg

Nachdem die Pläne im Februar 2009 der Öffentlichkeit vorgestellt worden waren, kam es am 6. April zu dem schweren Beben in l’Aquila. Für den Umgang mit dem Nuklearprojekt standen ab sofort in den Tageszeitungen Artikel wie der von La Repubblica vom Mai, die synthetisch und nüchtern die Frage aufwarfen, ob es angesichts der zahlreichen Unwägbarkeiten dafür überhaupt einen sicheren Ort geben könne: Neben seismischen und vulkanischen sind auch hydrogeologische Gefahren auf der Halbinsel allgegenwärtig. Das abermalige Referendum gegen die Nutzung der Kernenergie, das im April 2010 in die Wege geleitet und im Juni 2011 durchgeführt wurde, stand schließlich unter dem Eindruck des Super-GAU von Fukushima. Die Kombination aus Beben und Tsunami war den Menschen zu vertraut, um ähnliches im eigenen Land riskieren zu wollen – bei einer Beteiligung von 54,79% stimmten 94.05% der Wahlberechtigten gegen das Vorhaben der Regierung.

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