Nero Reloaded

Nur selten passiert es mir, dass ich der Huffington Post (US-Ausgabe) etwas abgewinnen kann. Den Schlusssatz eines Artikels vom Jahresende aber habe ich mir gemerkt: „In a post-Trump election era, however, many on the left must be wondering where the line between a chilling silence and the silence of tacit acceptance falls.“

Der Anlass war eigentlich nicht der Rede wert, aber was daraus entstanden ist. Milo Yiannopoulos aka @Nero würde demnächst ein Buch herausbringen und dafür 250.000 USD kassieren, meldete zuerst der Hollywood Reporter am 29. Dezember am Morgen. Das Ding drehte ein paar Runden in den Social Media, bis es bei Adam Morgan landete. Der Gründer und Herausgeber der Chicago Review of Books setzte in den frühen Abendstunden einen Tweet ab, dass er sich 2017 mit keinem einzigen Buch des Verlages Simon & Schuster befassen werde. Threshold Editions, eine Untermarke von Simon & Schuster wird das Buch verlegen.

Das Wort „Boykott“ kam auf, für und wider fanden sich dann in der HuffPo. Morgan schließlich schob am 4.1. nach heftiger Kritik seine Gründe bei the Guardian für die US-Leserschaft nach. Er sei überzeugt, dass die Literaturgemeinde gegen jeden stehen muss, egal ob Autor oder Verleger, der für Profit mit Hassreden hausieren geht. Damit schütze man die „Opfer von Diskriminierung vor traumatischen und manchmal tödlichen Folgen“. Auch die HuffPo sah sich am 6.1. zu einer Klarstellung genötigt: „Reminder: Boycotting Milo Yiannopoulos’ Publisher Is Not Censorship“.

Bei einer dem Boulevard nicht abgeneigten Plattform könnte der Satz von „den vielen der Linken“ knapp als bedeutungsschwangeres Raunen bewertet werden. Aber er gibt einerseits Aufschluss über eine Denkweise: Dass das (laute) Aufstehen gegen Frauen- und Fremdenfeindlichkeit oder allgemein gegen Hate Speech eine Sache von Linken sei – so als wären Gleichberechtigung und Diskriminierungsverbot keine Bürgerrechte oder Hassrede wie Feindsprache kein Problem der Gesellschaft insgesamt. Das andere ist, dass mit solchen Sätze bereits im Keim ein Narrativ angelegt werden kann: Die Politik der nun durchregierenden Trumpisten, zu denen Stephen Bannon und Breitbart/Nero zentral gehören, könnte erfolgreich werden, weil „die Linken“ sie „stillschweigend akzeptieren“ würden.

Drittens: Sätze wie diese berücksichtigen nicht, welchen Aggressionen Personen ausgesetzt sind, die sich tatsächlich kritisch zu Wort melden. So wie Teile der Gamersubkultur versucht haben, Frauen gleicher Kreise mundtot zu  machen, dasselbe Yiannopoulos mit der Schauspielerin Leslie Jones inszenierte (und dafür bei Twitter ausgeschlossen wurde), ist jetzt Danielle Henderson passiert. Die Autorin hatte nachdrücklich Simon & Schuster aufgefordert, sich von dem Projekt mit Yiannopoulos zu verabschieden. Ihren Twitter-Account @knottyyarn hat sie nun privat geschaltet „through January so I can work on my book instead of blocking racist trolls all day“.

Der deutsch-amerikanische Journalist Konrad Ege hat kürzlich bei der Freitag eine bemerkenswerte Zustandsbeschreibung der Ratlosigkeit von Demokraten und Linken in den USA geliefert, wie sie mit dem „Regime Trump“ umgehen sollen („Wie eine Bombe tickt das Herz“). Leidenschaftlichkeit, so verstehe ich Ege, gehöre mindestens genauso dazu wie eine neue strategische Aufstellung.

Oder Hartleibigkeit, wie sie Nero seiner Strategie gemäß demonstriert? Kritik kümmert ihn so wenig wie Sachargumente, jeden Angriff wertet er als bereits als persönlichen Triumph. Das ist die Haltung, die Ege meinen dürfte, wenn er von der Kompromisslosigkeit der Tea Party schreibt. Sie ist es erst recht bei der sogenannten „alt-right“, dem dezidiert faschistischen Flügel der Republikaner.

Das ist zweifellos eine Radikalisierung, die auch Demokraten oder „die Linken“ (was immer man sich unter vorzustellen hat) erfassen würde, wollte man die Losung ausgeben, „von den Rechten lernen heißt siegen lernen“. Aber es wäre dennoch nur eine Spiegelung und hätte mit Entwicklung nichts zu tun. Sie wäre genau das, was sich Bannon und sein Kosmos ausgerechnet haben: An ihnen Maß zu nehmen. Dass das in den weitestgehend entpolitisierten USA auf fruchtbaren Boden fällt, zeigt die vorliegende Story, die beim Hollywood Reporter begonnen hat.

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