Die Wiederentdeckung der Tendenz (3)

Medienkritik – „Lügenpresse“ ist nicht nur ein ideologisches Schlagwort. Gleiches sollte für „Fake News“ gelten. Notizen eines Lesers

An kaum einer Stelle ist die Frage der (fehlenden) Objektivität so nüchtern und deutlich verhandelt worden, wie zuletzt vor Gericht: Bei den Klagen von Josef Joffe und Jochen Bittner (Mitherausgeber bzw. politischer Redakteur von „die Zeit“) gegen das ZDF wegen einer Folge der Sendung „die Anstalt“. Richtung Joffe befand der Bundesgerichtshof (Urteil vom 10.1.2017, Az.: VI ZR 561/15, Volltext, Pressemitteilung), bei der Darstellung dessen Netzwerkes gehe es um „eine Verbindung, die geeignet ist, die geistige Unabhängigkeit des Journalisten bei seiner schreibenden Tätigkeit in Frage zu stellen“. Bei Bittner (Urteil vom 10.1.2017, Az.: VI ZR 562/15, Volltext, Pressemitteilung wie vor) sei es u.a. um die Frage gegangen, „aus welchen Gründen die Darsteller [der Anstalt] an der journalistischen Unabhängigkeit des Klägers [Bittner] zweifeln“.

Hier mussten sich die beiden Protagonisten bei der Abweisung ihrer Klagen zweierlei Belehrungen gefallen lassen: Wie ein „verständiges Publikum“ den Inhalt einer Aussendung rezipiert. Und dass sich diese Rezeption nicht ohne Weiteres mit der Berufung auf (angebliche) Falschheit von Tatsachenbehauptungen unterbinden lässt.

Die Neigung, den eigenen stereotypen Horizont als „objektiv“ zu bezeichnen ist keineswegs nur einem perfekten, etwa deontologischen Anspruch geschuldet. Was empirisch als sogenannter „Rashomon-Effekt“ verhandelt wird oder Marion Gräfin Dönhoff einst aus Erfahrung klug aussprach („nicht Tatsachen prägen uns, sondern deren Wahrnehmung“), mündet zunehmend im Sammelbegriff des „Bias“, verstanden als kognitive Verzerrung. Präkonzepte etwa tragen auf, was gesehen wird, weil sie bedingen, wie es gesehen wird, noch vor den Vorurteilen.

Ein einfaches Beispiel: Wer statt des „programmierten“ oder „automatisierten“ von dem „autonomen Fahren“ schreibt, billigt dem Robot-PKW bereits eine Persönlichkeit „autonomer Entscheidungen“ zu. Von da zur Schuld- bzw. Verantwortungslosigkeit des Menschen, weil ja die Maschine (i.e. die „autonome Drohne“) „entschieden“ habe, ist es nur ein sehr kurzer Schritt. Die vorfindlichen Konzepte von „Autonomie“ bzw. „Automatisierung“ schlagen in der simplen Wortwahl durch und prägen Berichterstattung wie Kommentariat.

Können hier LeserInnen tatsächlich nicht differenzieren, einordnen, das für sich Wesentliche erkennen? Sie vor „Fake-News“ bewahren zu wollen, beantwortet die Frage auf die denkbar pessimistischste Art und Weise. Noch vor Bevormundung oder Zensur (dem vielfach kolportierten „Wahrheitsministerium“) stellt es die Lernfähigkeit des Publikums in Abrede und damit jedwede an sich mögliche Steigerung der Medienkompetenz.

Dass dabei vor allem Jugendliche als Beleg herhalten müssen, zeigt die jüngste Studie der History Education Group an der Stanford University / Kalifornien. In „Evaluating Information: The Cornerstone of Civic Online Reasoning“ (2016) geht es um „die Fähigkeit, die Glaubwürdigkeit von Informationen zu beurteilen, die auf den Smartphones, Tablets und Computer junger Menschen“ erscheinen. Das Assessment anhand von 7.804 Schülerantworten von der Mittelstufe bis zum College über eineinhalb Jahre ist ernüchternd ausgefallen. In der Mittelstufe seien die Jugendlichen nicht in der Lage gewesen, eine Story von einer als solchen gekennzeichneten Werbeaussage zu unterscheiden. In der High School erkannten sie nicht, dass Ausführungen zur Waffenkontrolle einseitig von einem Komitee von Waffenbesitzern stammten. Und am College überprüfte anhand einer deutlich einseitigen Stellungnahme kaum jemand etwa mit einer simplen URL-Kontrolle, von wem sie überhaupt stammte. Die Arbeitsgruppe fasst das Ergebnis in dem im Grunde hilflosen Satz des Philosophen Michael Lynch („Googling Is Believing: Trumping the Informed Citizen“, New York Times, 9.3.2016) zusammen: Internet is „both the world’s best factchecker and the world’s best bias confirmer – often at the same time.“

Das Programm zur „Internet-Alphabetisierung“ für Jugendliche, das unter anderem von Sue Shellenbarger im Wall Street Journal propagiert und von der „Internationalen Vereinigung bibliothekarischer Verbände und Einrichtungen“ ausgearbeitet wurde, hat mittlerweile einen Merkzettel hervorgebracht:

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:How_to_Spot_Fake_News.pdf (c) IFLA, Creative Commons Attribution 4.0 International

Mit anderen, allgemeinen Worten: Medien-Konsumenten sollten sich grundsätzlich gegenüber allen Veröffentlichungen kritisch verhalten und sie aktiv hinterfragen. Bei Schülern dürfte das bis zum Abschluss schwierig sein: Die Trimmung, Lernstoff vor allem aus Büchern überwiegend unkritisch aufzunehmen, dürfte eine Grundbedingung sein, „dem Geschriebenen“ zu vertrauen.

Bei Personen im wahlfähigen Alter kommen Forscher von dieser und der Universität New York in einer im Januar veröffentlichten Arbeit („Social Media and Fake News in the 2016 Election“) zu einem anderen Ergebnis. Nach wie vor sei Hauptinformationsquelle im Präsidialwahlkampf der USA 2016 das Fernsehen gewesen. Nur 14 Prozent der Befragten hätten sich überwiegend über (den Newsfeed bei) Facebook oder anderen sozialen Netzwerken informiert. Und daraus wiederum hätte nur ein Bruchteil gefälschten Nachrichten so geglaubt, dass es für ihre Wahlentscheidung bestimmend gewesen sei. Wie hoch der Anteil konkret gewesen ist, darauf will sich der Beitrag nicht festlegen.

Unentschieden ist es in der Auswertung des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) von 2017 („Grunddaten Jugend und Medien“, pdf, via br.de, 315 KB), wenn nach der „Glaubwürdigkeit von Medien“ (S.13) oder „Meinungsbildung bei politischen Themen“ (S.14) gefragt wird. Denn hier werden Jugendliche und junge Erwachsene (14-29 Jahre) in einen Topf geworfen. Andererseits wird „online“ nicht aufgeschlüsselt, sondern bleibt als „Nachrichtenseiten im Internet“ seltsam unqualifiziert. Die Neigung, arrivierten Medien mehr Glaubwürdigkeit einzuräumen, scheint nach wie vor vorhanden.

Im Grunde ließe sich an der Stelle fragen: Gilt der Satz „verba volant, scripta manent“ noch immer in seiner ganzen Trennschärfe?

(Ende Teil 3)

(Teil 1)-(Teil 2)-(Teil 3)-(Teil 4)-(Teil 5)
crossposting zu freitag.de

Beitragsbild: Graphic on fake news websites made by VOA News; Autor: voanews.com
Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/File:Graphic_on_Fake_News_by_VOA.jpg
Lizenz: public domain, gemeinfrei
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4 Gedanken zu “Die Wiederentdeckung der Tendenz (3)

  1. Objektivität: „Die Anstalt des ZDF“ hatte am 7. März sehr objektiv, wahr und subjektiv gleichzeitig von Auto-Schland gesagt, was zu sagen ist. (Mediathek) Es war laut begeistert, und auch still, das kluge Publikum. Es fährt trotzdem weiter, SUV, Harleys und andere Dreckkarren mit 1000jährigen PS-Zahlen.
    Der Glaubenssatz hiesiger Medien, daß in Nachricht und Kommentar doch leicht zu trennen und dann alles gut sei, ist der Witz, den niemand aller Leser glaubt, außer dumme Medienwissenschaftler. Weshalb es BILD-Leser und KONKRET-Leser gibt. Klassenleser, Klassenfeinde. Die dazwischen „lesen“ nur auf dem Klo. Heute auf dem Smartfurz.

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