Die Wiederentdeckung der Tendenz (4)

Medienkritik – „Lügenpresse“ ist nicht nur ein ideologisches Schlagwort. Gleiches sollte für „Fake News“ gelten. Notizen eines Lesers

Ohne dass es explizit angesprochen würde, scheinen mir gerade in Deutschland erkennbar der Unterton und die Befürchtung mit zu schwingen, die Erfolgsstory von „Völkischer Beobachter“ oder „der Stürmer“ könnten sich nunmehr unter den Bedingungen des Netzes wiederholen. Dabei käme die Vorstellung zum Tragen, dass vor allem die abgefeimte antisemitisch-rassistische Hetzpostille von Julius Streicher ein Organ der Nazis zur „Verführung des Volkes“ gewesen sei.

Dagegen steht „Lieber Stürmer. Leserbriefe an das NS-Kampfblatt 1924-1945“ (Fred Hahn Hrsg., 1978; Rezension und Beispiele in: „Das ganz gewöhnliche Volksempfinden“, der Spiegel Nr.22/1978, pdf, via magazin.spiegel.de, ~ 2 MB): Die Leser selbst lieferten dem Hetzblatt die antijüdische Denunziation. Noch deutlicher Franco Ruault (in „Tödliche Maskeraden: Julius Streicher und die ‚Lösung der Judenfrage‘, 2009): Der Stürmer solle „nicht ausschließlich als Machwerk Streichers begriffen werden […], sondern [kam] durch sein Wirken als ‘Attraktor‘ für die Massen zustande“.

Der Rezensent Matthias Braun bei sehepunkte.de bringt es in seiner Besprechung von Daniel Roos‘ „Julius Streicher und ‚Der Stürmer‘ 1923-1945“ (2014) auf drei wesentliche Punkte: Die „besondere Wechselwirkung“ zwischen Hetzblatt und Publikum (im Sinne Hahns), wobei „die tatsächliche Wirkung auf die Leserschaft mit den Instrumenten der Historiografie nicht mehr zu ermitteln“ sei; „die Entwicklung der Hetzzeitschrift vom textlastigen Pamphlet gegen persönliche Gegner hin zum boulevardesk gestalteten Antisemitenblatt mit reicher Bebilderung“; „die frühe Hilflosigkeit der ‚Stürmer‘-Gegner, die weder durch Klagen oder Gegenkampagnen noch durch Ausgabenaufkäufe Diffamierungen und Schmähungen verhindern konnten. Lediglich ein konsequentes Vorgehen von Polizei und Justiz hätte dem Spuk frühzeitig ein Ende setzen können“.

Niemand kann die Augen davor verschließen, dass Internetpräsenzen sich generell ganz vorzüglich als derartige Attraktoren eignen und fungieren. Kaum eine Plattform, die nicht ein Verhältnis mit ihrer Leserschaft aufbauen würde oder diese sogar anstrebt, indem sie die Kommentarfunktion vorhält oder aktiv zur Mitwirkung aufruft. Auch gibt es nur noch selten eine online-Präsenz, die als vormalige bleierne Wüste auf das graphische Aufmotzen verzichtet hätte, je einfacher und preiswerter die Einbindung visueller Inhalte geworden ist.

Ganz besonders deutlich wird das ohnehin bei sogenannten „Social-Media“, die nicht nur die enge Vernetzung zum Prinzip und Geschäftsmodell erhoben haben, sondern diese Interaktion positiv mit „Freundschaft, „like“ oder einem Herzchenpictogramm zusätzlich belohnen lassen. Das „besondere Verhältnis“ kann so besehen durchaus übersetzt werden mit den derzeit gebräuchlichen Begriffen von Filterblasen und Echokammern.

Exemplarisch stünde dafür der Werdegang der ehemaligen FB-Präsenz „Anonymous.Kollektiv“. Unter der falschen Flagge, sich „gegen Islamismus“ zu wenden, sammelte und erhielt die Plattform Proseliten, wurde wiederum von ihnen genährt, um immer offener und dreister gegen Flüchtlinge, Helfer und Politiker auszufallen.  Es bedurfte einer geballten Ladung Debunking (z.B. in der FAZ), Gegenkampagne von Anonymous, Strafanzeigen und Haftbefehl, bevor dem oder den Macher(n) der Boden zu heiß wurde.

Wie aber sollte angesichts der täglichen Auswürfe, die unweigerlich ins Rassistische und Antisemitische abgleiten,

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„ein konsequentes Vorgehen von Polizei und Justiz“ aussehen, außer völlig überfordert zu werden? In diesem Sinne wäre dann eine Plattform wie Breitbart News nicht einfach nur die von „alt-right“ zu erachten, sondern als Völkischer Beobachter 2.0. Es wird auch in Deutschland so konsumiert.

(Ende Teil 4)

(Teil 1)-(Teil 2)-(Teil 3)-(Teil 4)-(Teil 5)

Beitragsbild: Graphic on fake news websites made by VOA News
Autor: voanews.com
Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/File:Graphic_on_Fake_News_by_VOA.jpg
Lizenz: public domain, gemeinfrei
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4 Gedanken zu “Die Wiederentdeckung der Tendenz (4)

  1. „Die Leser selbst lieferten“ damals „dem Hetzblatt die antijüdische Denunziation“, heute den Social Offices die barbarische Formulierung blank Haus. Ich lese auf Facebook, schon lange, und erfreue mich daran, daß ich nie einen Zweifel um die Verfaßtheit des deutschen Volkes hatte als weißes und also braunes. Ausnahmen bestätigen kleine Idividualismen. – Und gegen die durchaus vorhandene Lügenpresse schimpfen die, die noch nie etwas von Karl Kraus gehört haben, aber vom Goebbels, und so wird selbst das richtige falsch. Ganz falsch, und der Freistaat Sachsen bleibt das dümmste Bundesland der Welt als eine einzige Misere! (!) So will es aber die Herrschaft, die mit der Politik und ihren rumregierenden Personen wedelt, so wollen es die fünf, sechs Groß-Familien, die die Meinung hier in Dummland mit Zeitungen und weiteren Medien machen. Sie lügen nicht wirklich, denn es gibt tatsächlich Königinnen und Hartz-IV-Schicksale, es gibt Kunst und Kellermorde, es gibt Sekt und Champagner, Fußball und Tore. Und den Wagner gibt es, der in der BILD-Kolumne alles zusammengießt, und RTL-Zuschauer kippen es weg. Lügenpresse? Ja, Lügenpresse, argumentiere ich als alter (56) Kommunist.

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