LMHI – Sanft bei Krebs

Bald ist es soweit! Der DZVhÄ veranstaltet einen Kongress. Einen internationalen Kongress für Homöopathen und Homöopathinnen. Die Schirmherrschaft hat unter anderem Barbara Klepsch übernommen, ihres Zeichens Staatsministerin im Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz des Landes Sachsen. In ihrem Grußwort schreibt sie, der „72. Homöopathische Weltärzte-kongress“ würde in Leipzig stattfinden, weil man „diese Stadt als einen renommierten Wissenschafts- und Forschungsstandort schätze“. Sie schreibt, dass „die Patientinnen und Patienten zu Recht erwarten (können), dass sie die Behandlung bekommen, die nach wissenschaftlichen Grundsätzen und den Erfahrungen des Arztes den für sie besten Erfolg verspricht.“ Außerdem werden noch ein paar Talking-Points abgehakt, die direkt aus der Werbebroschüre des DZVhÄ stammen könnten.

In die Abstracts zu den Vorträgen hat sie, oder wer auch immer das Grußwort verfasst haben mag, offensichtlich keinen Blick geworfen. Aber das können wir ja nachholen.

Da ist zum Beispiel der Beitrag „CM18/03 Verborgener Schatz des Organons – die LM-Potenz“. Dieser verborgene Schatz kann, so er denn von fähigen Homöopathen gehoben wird1, genutzt werden, Krebs zu behandeln.

In der Studie, die Dr. Tanvir Hussain vorstellen wird, wurden 30 (!) Patienten mit verschiedenen (!) Krebsarten randomisiert. 10 erhielten C-Potenzen und 20 erhielten LM-Potenzen. Die Auswertung „erfolgte anhand von detaillierten Fallstudien nach Hahnemanns Richtlinien“. Richtlinien also, die 200 Jahre alt und somit einem „renommierten Wissenschafts- und Forschungsstandort“ angemessen sind. Ich vermute diese Vorgehensweise hat die Ministerin gemeint als sie schrieb: „Die Zukunft des Gesundheitswesens darf nicht mit den Methoden der Vergangenheit bewältigt werden“.

Besonders wissenschaftlich und präzise ist auch die homöopathische Prosa mit der die Ergebnisse der LM-Potenzen beschrieben wurden. Diese hätten sich nämlich als „wunderbar gezeigt“ und die Reaktion sei „sehr schnell“ erfolgt. Sehr schnell? Potzblitz, das ist eine hilfreiche Zeitangabe für eine Studie, die auf einem wissenschaftlichen Kongress vorgestellt wird.

Natürlich bleiben noch Fragen offen, die der Autor glücklicherweise beantwortet, denn LM-Potenzen sind „sehr sanfte Potenzen“, die „keine Verschlimmerung“ hervorrufen und die bei „schweren Krankheitsfällen“ nützlich sind. Sogar „überempfindliche Patienten“ können damit behandelt werden, weil die „Auswahl der Potenzen (…) hier überhaupt nicht schwierig (ist).“

Einen kritischen Geist wird das natürlich nicht überzeugen, darum beruhigt uns der Autor, die Anwendung könne „leicht mit Paragraph 2 der 6. Auflage (Anm.: des Organons)“ begründet werden.

Falls, aber nur falls, die Ministerin trotz dieser überzeugenden Beweisführung doch Zweifel an der Seriosität der Vorträge oder Vortragenden auf diesem internationalen „Weltärzte-kongress“ hegen sollte, beruhigt sie der Autor. Die von ihm hier vorgestellten Ergebnisse entstammen nämlich „Hahnemanns reifstem Gehirn mit überdurchschnittlicher Erfahrung.“

Na, dann will ich auch nichts gesagt haben.


  1. Merke: Homöopathie funktioniert immer, nur Homöopathen versagen gelegentlich. Oder Patienten. Oder die Physik. Aber nie die Homöopathie.
Bildquelle
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9 Gedanken zu “LMHI – Sanft bei Krebs

  1. Eine Verbraucherschützerin übernimmt die Schirmherrschaft über Betrug. Gab es sowas schon?

    C- und LM-„Potenzen“ gegen Krebs. Kundige wissen längst, dass das unendlich zu Nichts verdünnte Substanzen waren, die auf den Etiketten stehen. Übrig bleibt reiner Zucker.

    So ein postfaktischer Blödsinn wird auch noch in einem pseudowissenschaftlichen Kongress aus lauter Hochstaplern mit einem seriösen Mäntelchen geadelt.

    Man sollte nicht glauben, dass wir im 21. Jahrhundert leben. Schwachfug, blödsinniger.

  2. Liebe Leute, das Problem hier ist nicht so sehr die Wissenschaftlichkeit der Studien, sondern – sind die ethisch-moralisch überhaupt zulässig ? Als Wissenschafter in der Krebsforschung an einer Universität und als Firmeninhaber kann ich euch sagen, dass eine Studie die Krebspatienten nur mit Homöopathie zu behandeln versucht und Zitat: „anhand von detaillierten Fallstudien nach Hahnemanns Richtlinien“ auswertet niemals einen positiven Bescheid einer europäischen Ethikkommission erhalten hätte, schon allein aufgrund der Auswertemethode. Die Studie hier ist ein eklatanter Verstoß gegen die Deklaration von Helsinki. Traurig ist, dass das nicht die einzige „problematische“ Studie auf dem Kongress ist. Die Abstraktsammlung enthält dutzende Studien, haupsächlich aus Indien. So etwas gehört nicht auf eine europäische Konferenz.

    1. Lieber Herr Mohr,

      ich denke, man könnte das genau anders herum sehen, nämlich dass Studien „aus Indien“ mit „europäischen Konferenzen“ der Homöopathen mehr zu tun haben, als den meisten lieb sein kann. Denn was auf dem Subkontinent in dem „am stärksten privatisierten Gesundheitssystem der Welt“ Versorgungslücken (vermeintlich) schließt, gehört hierzulande mittlerweile zum Repertoire einiger Krankenkassen. Das betont eines der ministerialen Eröffnungs-Statements sogar ausdrücklich.

      Der gemeinsame Nenner: Homöopathische Präparate sind vergleichsweise billig herzustellen und zu haben. Der ökonomische Aspekt wird hierzulande von den Kassen betont, wie der sauber recherchierte Artikel „Wieso zahlen Krankenkassen Homöopathie?“ bei Spiegel-online belegt: Man setzt mit Homöopathie auf einen erhofften Einspareffekt. Der Gesetzgeber, mithin die Politik hat aus naheliegenden Gründen dagegen nichts einzuwenden.

      Neoliberale Politik setzt auch hierzulande auf weitere Privatisierung. „Homöopathie“ hat das Zeug, das ohnehin weite Feld der 2-Klassen-Medizin um das Segment „glücklich verstorbener Patient“ zu erweitern. Da reicht es nicht, „Indien auszuschließen“.

      Mit Dank für Ihren Kommentar und den besten Grüßen, e2m

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