Reski, Augstein und die Flucht nach vorn

Medienkritik – Die Causa Reski/der Freitag/Jakob Augstein ist unappetitlich. Weil sie mit groben Fehlern angefangen hat und mit Borniertheit endet

Ich setze voraus, dass wer hier liest, den Sachverhalt kennt. Wer nicht, kann sich hier, hier, hier und hier informieren. Den Rest hat der Verleger Jakob Augstein in seiner Twitter-Timeline erledigt, vor allem sich selbst.

Den ersten Fehler hat zunächst Petra Reski begangen. Trotz Kenntnis eines gegenläufigen Gerichtsurteils schrieb sie im streitgegenständlichen Artikel „Die Bosse mögen’s deutsch“ in der Ausgabe 11/16 der Wochenzeitung der Freitag unter anderem folgenden Absatz, Zitat:

„Als ich erfuhr, dass eine Unterlassungsklage gegen die MDR-Dokumentation erfolgreich war, hatte ich das Gefühl, in einer Zeitfalle festzusitzen. Das Landgericht Leipzig gab dem Kläger [Klarname] recht, der sich in einem im Film [Pseudonym] genannten Geschäftsmann wiedererkannte. Jener [Pseudonym] habe bis 2013 ein Steakhouse in Berlin betrieben, hieß es in der Dokumentation. Derzeit sei er aktiv an der Expansion der ’Ndrangheta beteiligt, von Erfurt aus.“

Nicht nur, dass Reski Klarnamen und Pseudonyme ausgeschrieben und vollständig genannt hat. Sie hat auch genau zu dieser Person den Kontext hergestellt, der schon Gegenstand dessen Verfahrens gegen den MDR vor dem Landgericht Leipzig gewesen war und das vor dem Oberlandesgericht Dresden zu Lasten des MDR rechtskräftig endete. Aber auch wenn die Kontextualisierung nicht identisch gewesen wäre, kann selbst bei oberflächlichster Betrachtung gesagt werden: Wer derart in die Nähe des organisierten Verbrechens gerückt wird, ist zumindest in seiner Sozialsphäre und damit in seinem allgemeinen Persönlichkeitsrecht betroffen. Auch ich hätte an Stelle von [Pseudonym] alleine wegen dieses Absatzes geklagt.

Einen ähnlichen Fehler hat die Redaktion der Wochenzeitung der Freitag begangen, weil sie ganz offenkundig den Artikel vor Veröffentlichung nicht gründlich genug gegengelesen hat. Bei Anwendung der erforderlichen Sorgfalt wäre die Verletzung des Persönlichkeitsrechts ohne Weiteres erkennbar gewesen. Eine Rechtfertigung für den Eingriff liefert der Artikel an keiner anderen Stelle. Vielleicht haben sich die Damen und Herren der Redaktion auch nur vom Konjunktiv blenden lassen. Oder sie sind in Berlin, ganz im O-Ton Jakob Augsteins, bei Mafia und “Ndrangheta vollständig in ihrer exotischen Vorstellungswelt eingetaucht, so dass der eine oder andere Klarname doch nur eine „Romanfigur“ wäre.

Schritt Drei: Der verantwortliche Verlag „der Freitag Mediengesellschaft mbh & Co. KG“ (Mitgeschäftsführung: Jakob Augstein) lehnt Reski gegenüber jede Form von Backup ab. Der Brast von Petra Reski ist, jenseits der journalistischen Gepflogenheiten in Deutschland, aus ihrer Erfahrung in Italien so verständlich wie lehrreich. 2009 verkündete der öffentlich-rechtliche Sender RAI, dass das bekannte und beliebte TV-Magazin „Report“ zu viele Prozesse auf sich ziehe. Es war die Zeit der Regierung Berlusconi IV und der Verwaltungsrat des Senders fest in der Hand von dessen Adlaten. Das Magazin hingegen hatte sich schon seit Jahren auf Enthüllungen spezialisiert, auch und gerade im politischen Umfeld der Exekutive. Seit Berlusconis millionenschweren Prozessen gegen die Journalisten Marco Travaglio, Elio Veltri und Daniele Luttazzi sind in Italien sogenannte SLAPPS gang und gäbe.

Die Folge: RAI bot „Report“ eine Fortsetzung nur unter der ausdrücklichen Bedingung an, dass die „tutela legale“, mithin der Rechtsschutz entfällt. Erst als die zentrale Macherin und Moderatorin der Sendung, die freie Journalistin Milena Gabanelli über ihr konsistentes Netzwerk im Print eine Kampagne startete, unter solchen Bedingungen sei auch im TV Journalismus nicht möglich, lenkte der Verwaltungsrat ein und gewährte den üblichen Rechtsschutz auch für die Zukunft.

Was ein großer Sender wie die RAI, vor allem aber politische Handlanger in Italien versucht haben, kopiert Jakob Augstein 1:1 in seinen übersichtlichen Karpfenteich. Er verstößt gegen Gepflogenheiten, die es aus gutem Grund gibt und zwar international überall dort, wo Journalismus kein Grund zur Scham ist.

Das hat sich sogar bis in Blogger-Kreise herumgesprochen. Eine Ahnung hat das aufmerksame Publikum erhalten, als Patrick Gensing die Plattform publikative.org einstellte. Ein Mindestmaß an Absicherung wollte der mittlerweile renommierte Journalist trotz aller Unlust, sich „um Geld und Infrastruktur zu kümmern“, dann doch nicht missen. „Die [Amadeu-Antonio-]Stiftung unterstützte uns allerdings bei gelegentlichen Rechtsstreitigkeiten, die  leider nicht ausblieben“, schrieb Gensing im Januar 2016: „dafür gebührt ihr großer Dank“.

Der vierte Schritt ist ein Grund zur Fremdscham. Nicht so sehr wegen der Beteiligung der FAZ, die ohnehin auf alles schießt, was aus ihrer Warte nicht konservativ genug ist. So gewährte das Blatt dem heutigen Chefredakteur des Freitag mit einem Artikel vorübergehend Obdach, in dem besagter Christian Füller seinen Rauswurf bei der taz abzurunden versuchte. Die FAZ musste daraufhin der taz gegenüber eine Unterlassungserklärung abgeben.

Sondern weil Jakob Augstein mit seinen unsäglichen Twitterfolgen der vergangenen Tage in so herrischer wie durchsichtiger Art versucht hat, seine persönliche und die Mitverantwortung der Redaktion auf Frau Reski alleine abzuwälzen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels waren er und sein Intimus, der kürzlich verabschiedete Philip Grassmann, Chefredakteure des Blattes. Sie waren es noch, als die Causa Reski in die Gänge kam. Wo waren sie, als der Artikel in der Redaktionskonferenz behandelt wurde?

Die Äußerungen Augsteins haben mit mutigem Journalismus, den er für sein Blatt in Anspruch nimmt, rein gar nichts zu tun. Dazu gehörte, Fehler zu erkennen, sie anzunehmen und ohne weitere Kollateralschäden wegzustecken. Nicht dazu gehört, die eigene Autorin über den materiellen Schaden hinaus noch zu diffamieren und zu diskreditieren. So macht man aus dummen Fehlern allenfalls eine Momentaufnahme der eigenen hochmögenden Art.

Das mag Augstein in seiner mittlerweile zentimeterdicken Teflonbeschichtung nicht tangieren. Dem freien und mutigen Journalismus aber hat er einen Bärendienst erwiesen. Augstein sollte in allem, was er ab jetzt anfasst, besser nicht mehr damit werben.

Beitragsbild: der Freitag, Titelblatt Ausgabe 11/16, screenshot
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4 Gedanken zu “Reski, Augstein und die Flucht nach vorn

  1. Was gar nicht geht. Noch heute Vormittag hat JA diesen Tweet abgesetzt: „Petra Reskis neues Werk: Spiderwoman auf Mafia-Jagd – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Kultur“ und dabei auf eine Buchbesprechung bei SPON von 2010 verlinkt, http://www.spiegel.de/kultur/literatur/petra-reskis-neues-werk-spiderwoman-auf-mafia-jagd-a-722374.html .

    Daraus der Schlußsatz: „Damit aber ist der Anspruch [von Petra Reski] auf moralische Integrität dahin, zumindest aus journalistischer Sicht.“

    Ich habe mir auf Twitter die Frage erlaubt: „Das Interview mit @PetraReski 2014 in @derfreitag und den streitgegenständl. Artikel haben Sie dann nur aus Mitleid veröffentlicht? Oder?“

    Sie ist zur Stunde unbeantwortet.

  2. Augstein hat sich nun „in eigener Sache“ des und im Freitag erklärt. Er bekräftigt damit, dass ein sich irrender freier Journalist auch in Zukunft zuschauen darf, wo er bleibt. Rückhalt wird es von diesem Verleger nicht mehr geben. Dafür verwendet er abschließend zwei Mal das Wort Mut.

    Das erleichtert mir -zusammen mit dem– die Entscheidung. Nachdem ich seit rund acht Jahren meine Texte dem Freitag zur Verfügung gestellt und den Verlag damit beschenkt habe, halte ich diese Großzügigkeit einem solchen billigen Jakob gegenüber nicht mehr für gerechtfertigt.

    e2m

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