So hat Italien 60 Kinder ertrinken lassen

von Fabrizio Gatti (*)

Die Libra, Patrouillenschiff der italienischen Marine, befindet sich rund eineinhalb Stunden Fahrt von einem sinkenden Kahn entfernt, auf dem sich syrische Familien befinden. Aber 5 Stunden lang wird es ohne weitere Befehle in Wartestellung gehalten. Am Nachmittag des 11. Oktober 2013 ist die italienische Militärführung vor allem mit der Frage beschäftigt, dass sie die Flüchtlinge dann wieder an die nächst gelegene Küste bringen müsste. So stellt sie ihr Schiff nicht zur Verfügung, obwohl sie in mehreren Anrufen eindringlich um Hilfe gebeten und mehrfach formell von den Maltesischen Behörden aufgefordert wurde, dem italienischen Schiff Order zu geben.

Das Fischerboot, das aus Libyen mit mindestens 480 Personen an Bord abgelegt hatte, nimmt Wasser auf: Es war von Maschinengewehrsalven von Milizionären eines Schnellbootes getroffen worden, die die Flüchtlinge, fast alles syrische Ärzte, ausrauben oder verschleppen wollten. An diesem Nachmittag ist die libysche Küste zwischen 10 und 19 Meilen von dem Fischerboot entfernt, nach Lampedusa sind es 61 Meilen. Aber die Einsatzzentrale der Küstenwache in Rom befiehlt den Flüchtlingen, sich an Malta zu wenden, das noch weiter entfernt ist: 118 Meilen.

Nach 5 Stunden fruchtloser Aufforderungen der Maltesischen Behörden an die italienischen Kollegen kippt der Kahn um. Es sterben 268 Personen, darunter 60 Kinder. In dieser Video-Erzählung „Der Schiffbruch der Kinder“ rekonstruiert l’Espresso das Massaker: Mit unveröffentlichten Bildern, bisher unbekannten Telefongesprächen zwischen den Maltesischen und Italienischen Streitkräften und mit den quälenden Hilferufen aus dem Fischerboot. Nach den Anzeigen der Überlebenden hat es in vier Jahren keine Staatsanwaltschaft in Italien fertiggebracht, die Untersuchungen zum Abschluss zu bringen.

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(*) Artikel online erschienen am 8.5.2017 unter dem Originaltitel „Così l’Italia ha lasciato annegare 60 bambini: in esclusiva le telefonate del naufragio“. Autor ist Fabrizio Gatti, bekannt u.a. für „Bilal-Als Illegaler auf dem Weg nach Europa“. Die vorliegende Übersetzung ist nicht autorisiert und wurde von mir gefertigt. Die Rechte am Originaltext liegen bei Fabrizio Gatti und der Verlagsgruppe L’Espresso-La Repubblica.
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5 Gedanken zu “So hat Italien 60 Kinder ertrinken lassen

  1. Ich habe „Fuocoammare“ von Gianfranco Rosi gesehen …

    wenn man das gesehen hat, kann man eigentlich nur noch schweigen, und sich schämen …

    Ich weiß nicht, ob ich mir jetzt auch noch das „L’Espresso“-Video anschaue.

    1. Guten Abend Andreas,
      Gatti fasst schon seit vielen Jahren das heiße Eisen der Flucht über das Mittelmeer an. Das hier veröffentlichte Protokoll zeigt, was eine Woche (!) vor Beginn der Operation „Mare Nostrum“ die militärische Führung von Hilfeleistungen hielt, nämlich gar nichts.
      Sie haben recht, das ist ziemlich schwer zu ertragen.
      e2m

      1. „Das hier veröffentlichte Protokoll zeigt, was eine Woche (!) vor Beginn der Operation „Mare Nostrum“ die militärische Führung von Hilfeleistungen hielt, nämlich gar nichts.“

        Das nennt man dann wohl „Abschreckung“, aber was das wirklich bedeutet, hat man erst verstanden, wenn man die Menschen gesehen hat, wie zum Beispiel in „Fuocoammare“.

        Dort war immerhin ein Schiff der italienischen Marine im Einsatz, und die Zentrale auf Lampedusa war natürlich auch militärisch.

        Erstaunt war ich, dass ein ganz „normaler“ Arzt die Flüchtlinge betreut, wikipedia: „Pietro Bartolo, il medico che dirige il poliambulatorio di Lampedusa e che da anni compie la prima visita ad ogni migrante che sbarca nell’isola“

        Sehr eindrucksvoll …

        Es reicht schon, wenn ich die wikipedia-Inhaltsangabe lese, und die Bilder sind wieder da …

        1. Nicht von ungefähr wird von Bartolo im betreffenden Wiki-Artikel geschrieben, dass er ein Verfechter humanitärer Fluchtkorridore ist.

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