„Bitte helft uns, wir sterben“

von Fabrizio Gatti(*) Oktober 2013: Das Schiff „Libra“ der Marine ist nur wenige Meilen entfernt, aber die italienische Küstenwacht ersucht Malta, viel weiter entfernte zivile Frachter auf den Platz zu lotsen. „Der Chef muss ein Handelsschiff finden“ betont die Einsatzzentrale in Rom gegenüber den Maltesern, während der mit Flüchtlingen beladeneKahn langsam untergeht. Hier die bisher unbekannten Gespräche

So sterben Flüchtlinge. So ertrinkt ein Einwanderer. Stellt euch das Mittelmeer wieder ohne Rettungsschiffe vor. Denkt an eine Regierung, die den Kalender um vier Jahre zurück blättert: Vor die Operation Mare Nostrum, die vom 18. Oktober 2013 bis zum 31. Oktober 2014 dauerte und dann vom Einsatz der NRO ersetzt wurde, der Nicht-Regierungs-Organisationen die seit 2016 mit dreizehn Wasserfahrzeugen die von Libyen aus in Schlauchbooten verschickte Menschheit aufsammeln. Das Meer und wieder keine Rettungsringe. Leichen an den Stränden und in den Fischernetzen. Szenen die wir bereits gesehen haben. Die Gespräche, die hier veröffentlicht werden, sind die bisher ungehörten Anrufe eines Schiffbruchs. Der 11. Oktober 2013 ist eine Symboldatum für das, was wir waren. Italien und Malta weisen sich gegenseitig die Verantwortung des Handelns zu: Mindestens 268 Syrer sterben „live on air“, darunter etwa 60 Kinder bei 212 Überlebenden, nach fünf Stunden vergeblichen Wartens in der Drift, während die „Libra“ der italienischen Marine ohne weitere Befehle dort blieb, wo sie war. Gegen die Militärführungen in Italien und Malta haben Überlebende Anzeigen eingebracht, und in vier Jahren hat keine Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen zu Ende geführt.

Das Meer ohne Rettungsschiffe ist ein realistisches Szenario, berücksichtigen wir die Agenden der 5-Sterne-Bewegung und  der Lega Nord, die seit Ende April die Früchte der Aussagen von Carmelo Zuccaro ernten. Ohne jeden Beleg, wie er selbst einräumt, behauptet der Staatsanwalt aus Catania, dass einige NRO von libyschen Schiebern finanziert würden und den Zweck hätten, „die italienische Wirtschaft zu destabilisieren“. Aber nur der Kalender würde um vier Jahre zurück datiert. Das geopolitische Desaster, das uns heute umgibt, bliebe dort, wo es angekommen ist.

Die Liste der Länder, die in Aufruhr sind oder von Regimen unterdrückt, ist lang: Libyen, Syrien, Kurdistan, Palästina, Irak, Gambia, Mali, der Norden Nigers, der Süden Algeriens, der Norden Nigerias, Tschad, Ägypten, Sudan, Eritrea, Somalia, Zentralafrikanische Republik, Demokratische Republik Kongo, Jemen, Pakistan, Afghanistan. Mit Italien neben den Vereinigten Staaten und Frankreich als Weltmarkführer in der Ausfuhr von Waffen, wie kürzlich die Regierung dem Parlament berichtet hat. Der Wert der genehmigten Exporte hat sich in zwei Jahren von 3 auf 14,6 Milliarden erhöht. Und es ist ein Zuwachs von 59 Prozent der Ausfuhren gerade nach Nordafrika und in den Mittleren Osten. Oder nach Saudi Arabien, der Diktatur die die terroristischen islamistischen Netzwerke im Norden und Süden der Sahara alimentiert und die mit italienischen Bomben den Jemen angegriffen hat.

Die wir Flüchtlinge nennen oder Wirtschaftsmigranten oder Illegale kommen von dort her: Sie flüchten vor den Kunden der Waffenindustrien und vor Kriegen, die auf fragile Volkswirtschaften treffen.

2013 waren es 42.925, 2016 ist ihre Zahl auf 181.436 gestiegen. Jedenfalls ein Tropfen verglichen mit den Hunderten Millionen betroffener Personen und sogar im Vergleich zu den 503 Millionen Bewohnern der Europäischen Union. Aber sind wir tatsächlich überzeugt, dass es reicht, wie es die Europäische Polizeiagentur Frontex will, vor unseren Küsten einfach die Kähne abzuwarten, um die Ausschiffungen zu verringern? Und ist es deswegen legal, die Zahl der Ertrunkenen steigen zu lassen in der Hoffnung, die Massaker würden die Aufbrechenden entmutigen?

Oktober, 12:26 Uhr a.m.
Eine erste, etwas kuriose Antwort kann uns unsere Erfahrung als Verkehrsteilnehmer geben: 2016 sind 25.500 Europäische Bürger bei Verkehrsunfällen auf der Straße gestorben und 135.000 wurden verletzt, was uns aber nicht davon abhält, ins Auto zu steigen, wenn wir uns fortbewegen müssen. Laut Bericht von Frontex sind im vergangenen Jahr im Meer vor Libyen 4.579 Flüchtlinge ertrunken. Für uns eine grauenvolle Zahl und doch sogar beruhigend für die, die wissen, dass sie das gleiche Schicksal erleiden würden, blieben sie am Ort ihrer Geburt. Denn es sind „nur“ 2,4 Prozent der Personen, die von der libyschen Küste aus aufgebrochen sind: Zwischen 2003 und 2005 betrugen die Opferzahlen 12 Prozent von rund jährlich 15.000 Migranten, die in Italien anlandeten, so die damalige Statistik der Tunesischen Gendarmerie.

Das Meer ohne Rettungsringe würde uns sicher auf den Stand vom Herbst 2013 zurück bringen. Genau zu dem Massaker vom Freitag, den 11. Oktober von vor vier Jahren. Das war acht Tage nach den 366 Toten vor den Fenstern von Lampedusa. Das war elf Tage nach den dreizehn Eritreern, die inmitten der Touristen am Stand von Scicli auf Sizilien ertranken. Das war eine Woche vor dem Beginn von Mare Nostrum, der einseitigen Operation Italiens die einstweilen das Gemetzel beendete. Oder es wenigstens unseren Blicken entzog.

An diesem Morgen befindet sich ein Fischerboot mit fast fünfhundert Syrischen Flüchtlingen an Bord 113 Kilometer südlich von Lampedusa und 218 von Malta entfernt. Viele von ihnen sind Ärzte aus Aleppo, mit Frauen und Kindern auf der Flucht vor dem Krieg. Am Abend vorher hatten sie in Zuwara in Libyen abgelegt. Aber kaum dass sie in See gestochen waren, wurden sie von Berber-Milizionären verfolgt, um ausgeraubt oder verschleppt zu werden auf einem Schnellboot, das vermutlich von Europäischen Staaten gespendet worden war, um die Auswanderung zu kontrollieren. Nachdem ihnen das nicht gelungen war, schossen sie mit Maschinengewehren auf die Flüchtlinge.


(Anm: Mit Firefox ist das obige Video nur sichtbar, wenn der „Schutz vor Aktivitätenverfolgung“ ausgeschaltet ist. Mit andern Browsern dürfte das Video zu sehen sein. Link zum Original: https://www.facebook.com/espressonline/videos/10155345788824241 )
Die Libra, Patrouillenschiff der italienischen Marine, befindet sich rund eineinhalb Stunden Fahrt von einem sinkenden Kahn entfernt, auf dem sich syrische Familien befinden. Aber 5 Stunden lang wird es ohne weitere Befehle in Wartestellung gehalten. Am Nachmittag des 11. Oktober 2013 ist die italienische Militärführung vor allem mit der Frage beschäftigt, dass sie die Flüchtlinge dann wieder an die nächst gelegene Küste bringen müsste. So stellt sie ihr Schiff nicht zur Verfügung, obwohl sie in mehreren Anrufen eindringlich um Hilfe gebeten und mehrfach formell von den Maltesischen Behörden aufgefordert wurde, dem italienischen Schiff Order zu geben.
Das Fischerboot, das aus Libyen mit mindestens 480 Personen an Bord abgelegt hatte, nimmt Wasser auf: Es war von Maschinengewehrsalven von Milizionären eines Schnellbootes getroffen worden, die die Flüchtlinge, fast alles syrische Ärzte, ausrauben oder verschleppen wollten. An diesem Nachmittag ist die libysche Küste zwischen 10 und 19 Meilen von dem Fischerboot entfernt, nach Lampedusa sind es 61 Meilen. Aber die Einsatzzentrale der Küstenwache in Rom befiehlt den Flüchtlingen, sich an Malta zu wenden, das noch weiter entfernt ist: 118 Meilen.
Nach 5 Stunden fruchtloser Aufforderungen der Maltesischen Behörden an die italienischen Kollegen kippt der Kahn um. Es sterben 268 Personen, darunter 60 Kinder. In dieser Video-Erzählung „Der Schiffbruch der Kinder“ rekonstruiert l’Espresso das Massaker: Mit unveröffentlichten Bildern, bisher unbekannten Telefongesprächen zwischen den Maltesischen und Italienischen Streitkräften und mit den quälenden Hilferufen aus dem Fischerboot. Nach den Anzeigen der Überlebenden hat es in vier Jahren keine Staatsanwaltschaft in Italien fertiggebracht, die Untersuchungen zum Abschluss zu bringen.

Sechsundzwanzig Minuten nach Mittag des 11. Oktober erreicht der erste telefonische Hilferuf das Mrcc in Rom, die Operationszentrale unserer Küstenwache, damals geleitet von Admiral Felicio Angrisano. In der Leitung ist Ayman, der Schiffsführer. Die anderen Protagonisten sind die Kommandozentrale der Maltesischen Marine (Rcc Malta) und das Kommando des Italienischen Marinegeschwaders (Cincnav). Das Mittelmeer ist an jenem Tag fast ruhig.

Mrcc Rom: „Operationszentrale“. Schiffsführer, auf Italienisch: „Hallo?“. Mrcc Rom: „Ja, hallo“. Schiffsführer: „Hallo?“. Mrcc Rom: „Hallo!“. Schiffsführer: „Ich komme aus Libyen nach Lampedusa“. Mrcc Rom: „One moment please, einen Augenblick.“ Schiffsführer: „Dui, dui, dui Personen problem“. Mrcc Rom: „Einen Augenblick bitte“. Schiffsführer: „Eh“. Mrcc Rom: „Einen Augenblick“. Schiffsführer: „Was sagst du?“. Der Anruf, der von einem Satellitentelefon Thurya an Bord des Fischerbootes ausging, wird an eine interne Stelle weitergeleitet. Schiffsführer: „Richtung Lampedusa“. Mrcc Rom, auf Italienisch: „Wo bist du, wo bist du?“. Schiffsführer: „Eh, 50 Meilen nach Lampione, 50 Meilen-kilometr nach Lampione“. Mrcc Rom: „Gut, ich sage dir, wie du die Position sehen kannst, folge meinen Anweisungen … Die Position auf dem Thuraya, auf dem Telefon Thuraya“. Schiffsführer: „Ja, ja, warte, ich lese.“ Diskussion an Bord. Dann gibt Ayman die Koordinaten des Breitengrads durch: „Vierunddreißig. Zehnneun. Sechs Sechs.“ Aber bevor er den Längengrad mitteilen kann, wird die Leitung unterbrochen.

Aymann ruft erneut um 12:39 Uhr an. Es antwortet die Vermittlung. Schiffsführer: „Das Schiff in Problem, das Schiff in Problem“. Der Anruf wird intern weitergeleitet. Mrcc Rom: „In English, in French or in Italian language“. Ayman vermischt schlecht und recht Italienisch mit Französisch. Dann reicht er das Telefon an Doktor Mohanad Jammo (40 Jahre alt) weiter, Direktor der Intensivmedizin am Krankenhaus von Aleppo. Seine Frau und seine drei Kinder sind bei ihm: die zwei Kleineren werden auf dem Meeresgrund bleiben. Jammo spricht Englisch. Er gibt klare Auskünfte. Seine Worte sind einwandfrei zu verstehen: „Wir sind dreihundert Personen an Bord (er kann die Flüchtlinge unter Deck nicht sehen), wir sind eine Gruppe Syrer, wir haben zwei verletzte Kinder, wir waren vergangene Nacht einem Angriff ausgesetzt, das Boot ist dabei zu sinken, bitte, wir haben mehr als hundert Kinder, hundert Frauen und wahrscheinlich hundert Männer, bitte macht schnell, wir sind dabei zu sterben, es bleibt uns weniger als eine Stunde, das Wasser kommt rein, ich bin ein Arzt, bitte, auf dem Telefon ist nur wenig Kredit, wir können uns nicht bewegen, die Wellen bewegen uns fort, wir sind von den Wellen bewegt, ich schwöre dir, wir sind in einer echten, echten Notlage, please hurry up, please“. Mrcc Rom: „Ja, was ist das Problem an Bord?“. Antwort: „Das Boot geht unter, ich schwöre es dir, im unteren Teil steht ungefähr ein halber Meter Wasser. Mein Name ist Moahanad Jammo, ich bin ein Arzt“. Mrcc Rom: „Mein Herr, gib mir noch einmal deine Position“. Jammo: „34°20‘18“ Nord, 12°42‘05“Ost“.

Mrcc Rom stellt fest, dass die Zone des Notrufes in den Verantwortungsbereich von „SAR – Search and Rescue“ von Valletta gehört und ruft um 13:00 Uhr Rcc Malta an. Die italienische Operateurin gibt alle von Dr. Jammo mitgeteilten Angaben durch einschließlich der Anwesenheit von zwei verletzten Kindern und der Probleme am Motor. Den Maltesern wird dagegen nichts vom Wassereinbruch im Boot gesagt und dass der Stand bereits einen halben Meter beträgt. Antwort Rcc Malta: „Du kannst mir ein Fax schicken, um den Fall zu eröffnen“. Um 13:05 Uhr erinnert Mrcc Rom in Malta, dass diese wie im Fax angefragt die Koordinierung der Rettung übernehmen soll. Rcc Malta: „Wir werden dir antworten, kein Problem“.

Helft uns, wir sterben
Um 13:15 Uhr meldet Mrcc Rom die Daten, die nach Malta durchgegeben wurden, dem Cincnav der Italienischen Marine, unterlässt aber die Hinweise auf die Motorprobleme und den Wassereinbruch. Mrcc Rom: „Keine weiteren Informationen. Wir haben die letzte Position gesehen, die uns die Libra durchgegeben hat, die ungefähr in der Zone liegt. Wir haben bereits Malta informiert und gebeten, die Koordinierung zu übernehmen“. Cincnav: „Und Malta hat was geantwortet?“. Mrcc Rom: „Sie warten auch auf unsere Nachricht, ja, es gibt keine Probleme, wir warten“. Cincnav: „Einverstanden, wir geben die Informationen an die Einheiten weiter, die wir unten haben und lassen euch dann wissen“. Um 13:17 Uhr ruft Dr. Jammo erneut im Mrcc Rom an. Der Operator wurde inzwischen gewechselt, jetzt ist es ein Mann. Jammo: „Habt ihr jemanden zu uns geschickt? Wir sind die Syrer, circa dreihundert …“. Mrcc Rom unterbricht ihn: „Mein Herr, ich habe dir die Nummer der Behörden in Malta gegeben, weil ihr in der Nähe von Malta seid, ihr-seid-in-der-Nähe-von-Malta. Verstehst du mich?“. Jammo: „Wir sind in der Nähe von Malta? Wir haben keine Nummer für Malta bekommen“. Mrcc Rom: „Ich kann euch die Nummer von Malta geben, natürlich“. Jammo: „Bitte, helft uns“. Mrcc Rom liest die Notrufnummer von Malta vor: „Los jetzt, ruf Malta direkt an, mach schnell. Und sie sind da, sie sind nah, Ok?“. Um 13:48 Uhr ruft Dr. Jammo erneut Mrcc Rom an: „Ich habe mit Malta telefoniert, sie sagen uns, dass wir viel näher an Lampedusa als an Malta sind. Ich habe ihnen unsere Position durchgegeben. Ihr seid für uns näher. Wir sterben, bitte. Wir sterben“, schreit Jammo, „wir sterben“.

Mrcc Rom, die ursprüngliche Operateurin: „Hast du Malta angerufen, hast du angerufen?“. Jammo: „Ich gebe dir die neue Position“. Mrcc Rom nimmt die Position auf. Jammo entschuldigt sich, seine Stimme zittert: „Wir sterben. Lasst uns nicht im Stich, der Kredit ist zu Ende, verstehst du mich? Der Kredit im Telefon ist zu Ende. Wenn die Leitung gekappt wird, hast du jetzt meine Nummer, ruf mich bitte du an“. Mrcc Rom, eine männliche Stimme hinter der Operateurin flüstert ein, was sie sagen soll: „Yes, yes, yes, ruf Malta an, mein Herr, du sprichst mit Italien, Italien, aber …“ Jammo: „Ja, Italien. Lampedusa, Lampedusa ist in Italien“. Mrcc Rom: „Ja, du musst Malta anrufen, mein Herr, du musst Malta anrufen“. Jammo: „Lampedusa“. An dieser Stelle wird die Aufnahme mit der Stimme der Operateurin unterbrochen. Das Telefonat geht aber möglicherweise weiter.

Um 14:22 Uhr meldet sich Dr. Jammo wieder im Mrcc Rom: „Hallo, was macht ihr, um …“. Die Verbindung wird getrennt. Um 14:34 Uhr erfragt Mrcc Rom in Malta eine Aktualisierung zur Lage. Die Antwort der Malteser: „Nein, es gibt bisher keine Aktualisierung“. Mrcc Rom: „Habt ihr das Fax erhalten?“. Rcc Malta: „Ja, ich habe es erhalten, weiß aber nicht, ob es vollständig ist“. Mrcc Rom: „Wir haben ein Immarsat Charlie abgesetzt“, ein Notruf an alle Schiffe im Transit. Im Gespräch mit dem Maltesischen Kollegen erkennt die Italienische Operateurin aber, dass die Malteser den letzten Teil des Fax‘ verloren haben. Und das ist genau der, in dem Rom Rcc Malta ersuchte, die Koordinierung der Operation zu übernehmen. Mrcc Rom: „Soll ich also das Fax noch einmal senden?“. Rcc Malta: „Ich denke, du kannst auch eine E-Mail schicken … @gov.mt“. Nach zwei Stunden, zurück auf Anfang.

Schiff „Libra“ greift nicht ein
Cincnav
ersucht um 15:12 Uhr die Küstenwache um Sachstandsbericht: „Wir haben nichts anderes“, erklärt Mrcc Rom. Cincnav: „Hat Malta nicht geantwortet?“. Mrcc Rom: „Malta hat geantwortet ‚Ich übernehme die Koordinierung‘. Wir haben ihnen zwei Handelsschiffe gegeben, die in der Gegend in Transit waren, und wir haben ihnen gesagt, dass eine Einheit der Marine (die Libra) in dem Raum liegt. Wir haben ihnen keine Position oder anderes durchgegeben. Dass und was sie machen, haben sie mir gesagt, dass sie keine Neuigkeiten für mich hätten“. Aber ist es legal, bei einer Rettungsaktion die Position des nächst gelegenen Schiffes nicht durchzugeben? Cincnav beschließt: „Dann warten wir ab“.

Mrcc Rom teilt um 15:25 Uhr nach Malta die Position des Fischerbootes mit, wie sie um 15:03 Uhr vom Sitz von Thuraya in Dubai ermittelt wurde: Sie entspricht präzise den Angaben von Jammo. Um 15:30 Uhr teilt Mrcc Rom Cincnav der Italienischen Marine mit, dass die Koordinierung nach wie vor bei Malta liege. Mrcc Rom: „Sie haben uns auch erklärt, dass sie eines ihrer Schnellboote vor Ort schicken werden“. Cincnav: „Also haben die Malteser eines ihrer Schnellboote ablegen lassen. Weißt du welches es ist?“ Mrcc Rom: „Nein, das haben sie nicht spezifiziert“. Cincnav: „Nun gut … weil jedenfalls zur Ergänzung das Schiff Libra bereit steht. Ich danke dir, gute Wacht“.

Um 15:37 ruft Dr. Jammo abermals beim Mrcc Rom an. Er ist verzweifelt: „Bei uns hat sich niemand gemeldet“. Er wird intern weiter geleitet. Jammo: „Wie sind die Syrer. Syrer, Syrer“. Mrcc Rom, ein neuer Operator, männliche Stimme: „Hallo, wer bist du, mein Herr, wer bist du?“. Die Verbindung ist gestört. Jammo: „Wir befinden uns 70 Meilen von Lampedusa“. Mrcc Rom: „Wiederhole“. Jammo: „Wir gehen gerade unter, und wir haben ungefähr hundert Kinder. Ich entschuldige mich sehr, dass ich euch anrufe. Aber in Malta, als ich ihnen die Position gegeben habe, hat man gesagt …“ Die Batterie des Thuraya entlädt sich und die Störung überdeckt die Worte. Mrcc Rom: „Hallo, sir? Hallo?“. Jammo: „Wir sind nur 70 Meilen von Lampedusa entfernt. Ja, sieben null“. Mrcc Rom: „Ja, aber Malta ist … Malta kennt bereits eure Position, eure Notlage. Habt ihr Kontakt mit Malta?“ Jammo: „Ja, ja … Störung … Wir sind … Störung … jetzt … ich erzähle keine Lügen, ich erzähle keine Lügen. Gleiche Position“. Mrcc Rom: „Ich werde alle Informationen nach Malta geben, ok? Hast du gesagt, dass ihr hundert Personen an Bord seid? Eins null null. Hallo?“ Unverständliche Störungen. Vom Fischerkutter aus wird es keine Anrufe mehr geben.

Nach einer Stunde, um 16:38 Uhr, ruft Mrcc Rom wieder bei Cincnav an: „Kommandant, das Maltesische Flugzeug hat das Zielobjekt ausgemacht (das driftende Fischerboot). Es weiß auch, dass eines eurer Schiffe (die Libra) circa 19 Meilen entfernt ist, also will es dem Schiff Order geben, weil Malta die derzeit zuständige SAR-Behörde ist. Wenn es ihnen recht ist, sollte das Schiff nun direkten Kontakt mit Malta ohne unsere Vermittlung aufnehmen. Aber Cincnav antwortet: „Eh, einen Augenblick, darüber muss ich hier erst mit dem Chef der Einsatzleitung sprechen“. Mrcc Rom: „Inzwischen übersende ich auch das Fax, das uns Malta geschickt hat, damit habt ihr ein weiteres Element zur Einschätzung. Wir hören uns in einigen Minuten“.

Die Marine wird einige Tage später berichten, dass sich um 13:34 Uhr ihr Schiff „Libra-P402“ 27 Meilen von den untergehenden Syrern entfernt befindet, 50 Kilometer. Die Mannschaft und ihre Befehlshaberin, Catia Pellegrino, 37 Jahre, werden Helden der Operation Mare Nostrum sein. Zu der Zeit aber können sie an Bord nichts von dem Hin und Her mit Anrufen und Fax wissen. Um 16:38 Uhr sind sie also noch 19 Meilen, 35 Kilometer vom Fischkutter entfernt. In diesen drei Stunden hat das Marinekommando trotz aller Notrufe di Libra nur 15 Kilometer fahren lassen. Eine Schrittgeschwindigkeit von 5 Stundenkilometern. Weniger als drei der achtzehn-zwanzig Knoten, die das Schiff ohne Weiters aufrechterhalten kann und die es der schuldlosen Offizierin Pellegrino erlaubt hätten, die Flüchtlinge schon um 15:00 Uhr zu unterstützen. Nicht einmal der Bordhelikopter wird losgeschickt. Endlich merken das auch die Malteser.

Um 16:44 Uhr meldet sich Mrcc Rom bei Rcc Malta in Antwort auf deren Ersuchen, direkte Instruktionen an das Schiff Libra geben zu dürfen. Mrcc Rom, männliche Stimme, immer auf Englisch: „Madam, was ihr letztes Fax betrifft, hätte ich einige Fragen. Sie wissen, dass ein Kriegsschiff eine wichtige Einheit darstellt, die den Zweck hat, neue Objekte im südlichen Gebiet auszumachen. Wenn sie es für nötig befinden, dass wir ein Kriegsschiff zur Rettung von Personen ausschicken, haben wir nachfolgend den Auftrag, sie zur nächstgelegenen Küste zu bringen. Ich denke nicht, dass das der beste Weg einer Operation ist, weil wir dann keine Einheit mehr in der Zone hätten, die neue Ziele ausmachen könnte“. Rcc Malta: „Aaah, ist das die P402? Die P402 ist das Kriegsschiff“. Mrcc Rom: „Nein, nicht wirklich die P02“. Rcc Malta: „P402“. Mrcc Rom: „P42 ist euer Schiff“.

Die Zahlenlotterie
Rcc Malta
: „Nein, P-vier-null-zwei ist ein italienisches Militärschiff, ich weiß nicht, ob es euch untersteht“. Mrcc Rom: „Ah gut, wahrscheinlich ist es ein Schiff der Marine und nicht der Küstenwache, ich bin mir da nicht sehr sicher …“ und beweist damit, das optische Erkennungszeichen am Schiffsrumpf der Libra nicht zu kennen. Rcc Malta: „Ah, es gehört nicht zur Küstenwache, ok. Sie ist dem Fischkutter am Nächsten, verstehst du? Weil wir haben ein Flugzeug in der Gegend und sie haben die Migranten gesichtet, wohl zweihundertfünfzig an der Zahl. Und das Boot hat aufgehört, sich zu bewegen und sie rufen weiter an. Und sie fragen: Wann kommt das Schiff? Und das (die Libra) ist das nächst gelegene. Wenn ihr euer Schiff nicht schicken könnt, müssen wir schauen, was wir tun müssen. Wir haben auch einem zivilen Schiff gesagt, dorthin zu fahren, aber es ist ungefähr 70 nautische Meilen vom Fischerboot entfernt“. Mrcc Rom: „Oh gut, also wir, ich glaube, dass es ein guter Gedanke ist, mit der Einbindung auch eines zivilen Schiffs zu beginnen. Natürlich habe ich euer Fax an unsere Marine weitergeleitet. Aber wir benötigen auch diese Art von …“. Rcc Malta: „Von Tätigkeit“. Mrcc Rom: „Von Tätigkeit, weil wir auch überwachen müssen, weil wir wissen, dass es heute noch weitere Objekte geben müsste. Wenn also unser Kriegsschiff das Gebiet verlässt, haben wir keine anderen Schiffe, um das Areal zu beaufsichtigen. Das ist ein weiterer wichtiger Punkt“. Die Offizierin von Rcc Malta mit sehr erstauntem Tonfall: „Was versuchen sie zu sichten? Was sind die Eigenschaften dieser zu sichtenden Wasserfahrzeuge: Migranten oder andere Ziele?“. Mrcc Rom: „Migranten“. Rcc Malta: „Ok, du sagst mir also, dass wenn ihr (der Libra) befehlt loszufahren, ihr keine anderen Schiffe in der Gegend habt?“, auch wenn die Espero, weiteres Patrouillenboot der Marine, 96 Kilometer entfernt ist. Mrcc Rom: „Ja, üblicherweise arbeiten wir auf diese Weise. Wir benutzen unsere größeren Einheiten für die Sichtung und setzen dann vorzugsweise Handelsschiffe ein, wenn welche da sind. Anschließend organisieren wir ein Rendezvous mit unseren Schnellbooten, den kleinen. Weil wir das Areal nicht aufgeben wollen, wir wollen immer einige Schiffe für die Sichtung neuer Ziele vorhalten“. Rcc Malta: „Aaaah, ok, verstehe“. Mrcc Rom: „Natürlich benutzen wir auch Kriegsschiffe für die Transfers, wenn es die letzte und einzige Lösungsmöglichkeit ist. Wir haben das schon andere Male getan“. Rcc Malta: „Habt ihr andere Schiffe, die in das Areal einfahren könnten? Gibt es etwas in der Nähe? Wir haben euch die Position gegeben. Aber wir selbst haben kein Schiff in der Gegend. Das ist südlich von Lampedusa, verstehst du? Wir könnten eines unserer Schiffe zurückrufen und versuchen, es auf den Weg zu bringen, aber es würde einige Zeit benötigen, um anzukommen. Habt ihr nichts anderes in der Gegend?“. Mrcc Rom: „In der Gegend? Ich habe dir gesagt, dass da …“. Rcc Malta: „Nur dieses da ist (die Libra), ja“. Mrcc Rom: „Habt ihr eine neue Position des Fischerbootes?“. Rcc Malta: „Ja, sie sind stehen geblieben“. Mrcc Rom: „Gut, Madam, ich denke, dass der Chef versuchen sollte, ein Handelsschiff zu finden.“ Rcc Malta: „Ja, wir werden es versuchen“. Mrcc Rom: „Gleichzeitig habe ich alles an die Italienische Marine geleitet. Ich werde ihnen einige Antworten geben, aber in der Zwischenzeit, bitte“. Rcc Malta: „Werden wir sie auf dem Laufenden halten, ok“.

Fünf Stunden nach dem ersten Alarm, um 17:07 Uhr ruft Rcc Malta das Mrcc Rom. Es ist die gleiche weibliche Stimme: „Hallo, ich bin der diensthabende Offizier um euch zu sagen, dass unser Flugzeug beobachtet hat, wie das Fischerboot gekentert ist, die Menschen sind im Wasser. Vom Fischerboot, von dem ich dir gerade sage“. Mrcc Rom: „Ja“. Rcc Malta: „Der Fischkutter ist untergegangen. Er ist gekentert, die Leute sind im Wasser“. Mrcc Rom: „Ist das das gleiche Boot, von dem du mir berichtet hast?“. Rcc Malta: „Es ist das gleiche Boot, es ist umgekippt“. Mrcc Rom: „Gut, ich habe schon die Instruktionen an das Schiff Libra gegeben“. Rcc Malta: „Sag ihnen, dass sie die Position schnell anlaufen sollen, weil die Leute im Wasser sind“. Mrcc Rom: „Sie sind im Wasser und das Boot ist umgekippt … Ok, ich kann bestätigen, dass die italienische Marine bereits in Bewegung ist“. Mrcc Rom ruft Cincnav: „Guten Abend, ja also, der Kahn, von dem ich ihnen vorhin Meldung gemacht habe, von dem sagt Malta jetzt, dass deren Flugzeug ihn gekentert gesichtet hat mit Personen im Meer. Also muss euer Schiff angewiesen werden, die Position mit höchstmöglicher Geschwindigkeit anzulaufen“. Cincnav: „Sch…. Ok, wir leiten das gleich weiter“.

Sieben Tage später wird die italienische Regierung mit der Operation Mare Nostrum die Einsatzregeln ändern.

 


(*) Artikel online erschienen am 9.5.2017 unter dem Originaltitel „‘Stiamo morendo, per favore‘: le telefonate del naufragio dei bambini“. Autor ist Fabrizio Gatti, bekannt u.a. für „Bilal-Als Illegaler auf dem Weg nach Europa“. Die vorliegende Übersetzung ist nicht autorisiert und wurde von mir gefertigt. Die Rechte am Originaltext liegen bei Fabrizio Gatti und der Verlagsgruppe L’Espresso-La Repubblica.
Beitragsbild: Refugees arriving in Lampedusa
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Flykninger_til_Lampedusa.jpg
Autor: Jonskonline
Lizenz: Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“
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5 Gedanken zu “„Bitte helft uns, wir sterben“

  1. Der Eingang bin ich zu der Stadt der Schmerzen,
    Der Eingang bin ich zu den ew’gen Qualen,
    Der Eingang bin ich zum verlor’nen Volke.
    Gerechtigkeit bestimmte meinen Schöpfer,
    Geschaffen ward ich durch die Allmacht Gottes,
    Durch höchste Weisheit und durch erste Liebe.
    Vor mir entstand nichts, als was ewig währet,
    Und ew’ge Dauer ward auch mir beschieden;
    Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren.
    In dunkler Farbe sah ich diese Zeilen
    Als einer Pforte Inschrift. Drum begann ich:
    O teurer Meister, düster ist ihr Sinn mir. –
    Er aber sprach, das rechte wohl erfassend:
    Absagen mußt du jeglichem Bedenken
    Und jeden Kleinmut hier in dir ertöten.
    Gelangt sind wir dahin, wo ich dir sagte,
    Du würdest sehn die schmerzerfüllten Scharen,
    Die der Erkenntnis hohes Gut verloren. –

    Dante Alighieri

    Menschenwerk

    Vielen Dank. Ich wollte, ich könnte sagen »schön hast Du es hier«. Später.

  2. Von dame.von.welt übernehme ich den nachfolgenden Nachtrag:

    Von pro-asyl veröffentlicht am 10.10.2014: Interview von Fabrizio Gatti mit Mohanad Jammo, Überlebender der Schiffskatastrophe vom 11. Oktober 2013

    Ohne Fabrizio Gatti wären die skandalösen Umstände des tödlichen Flüchtlingsdramas vom 11. Oktober 2013 nicht bekannt. Acht Tage nach der Bootstragödie vor Lampedusa am 3. Oktober ertranken 260 Flüchtlinge aus Syrien, darunter über 100 Kinder, bei einem weiteren Unglück vor der italienischen Insel. Alle hätten gerettet werden können, so das Ergebnis von Gattis Recherchen, wenn die italienischen Behörden sofort die Seenotrettung eingeleitet hätten.

    Was Gatti recherchiert und aufdeckt, beschreibt er als seine „berufliche Pflicht“. Er will denjenigen, die im Mittelmeer umkommen, zumindest ihren Namen, ihr Alter und ihre Geschichte zurückgeben. Die beharrliche und herausragende journalistische Arbeit von Fabrizio Gatti brachte diese verweigerte Lebensrettung, das Sterben lassen von Flüchtlingen ans Licht. Seit Jahren schreibt er gegen die Entpersonalisierung von Flüchtlingen und Migranten an, weil er in der Entpersonalisierung die Vorstufe zur Dehumanisierung sieht.

     

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