„So hat Italien meine Kinder ertrinken lassen“

Mohanad Jammo ist der Mann, der 2013 den Notruf von einem mit syrischen Flüchtlingen beladenen Fischkutter absetzte, dem weder die Italienische Küstenwache noch Malta zu Hilfe kamen: „Welch ein Schock, die Anrufe noch einmal zu hören“.
von Fabrizio Gatti(*)

Doktor Mohanad Jammo antwortet nicht auf seinem Handy. Gleich danach sendet er ein Selfie über Whatsup, das ihn in grüner OP-Montur zeigt, mit Maske über Mund und Nase, eine Chirurgenhaube auf dem Kopf. „Entschuldigen Sie mich, ich gehe gerade in den Operationssaal“. Seine Stimme aus der von l’Espresso und Republica veröffentlichten Videoerzählung „Der Schiffbruch der Kinder“ (Anm.: Bei die Ausrufer hier und hier) ist um die Welt gegangen: „Das Boot geht unter, ich schwöre es dir, im unteren Teil steht ungefähr ein halber Meter Wasser. Bitte, wir sterben“, ruft Dr. Jammo über ein Satellitentelefon von dem Fischkutter aus, auf dem sich er, seine Frau, ihre drei Kinder und weitere 480 Flüchtlinge befinden. Der Offizier in der Einsatzzentrale der Italienischen Küstenwache, ungerührt: „Los, los, ruf Malta an. Sie sind da, sie sind nah“.

Doch das stimmt nicht. Das nächst gelegene Schiff ist ein Italienische Patrouillenboot. Es heißt Libra, ist nur wenige Meilen, weniger als eineinhalb Stunden Fahrtzeit entfernt. Nach Malta sind es 118 Meilen, nach Lampedusa 61. Das Meer ist an diesem Nachmittag des 11. Oktober 2013 fast ruhig. Das Fischerboot kentert nach fünf Stunden Telefonaten und nicht erfüllter Hoffnungen, während die Libra auf Order wartet. Zweihundertachtundsechzig Tote, sechzig ertrunkene Kinder, unter denen auch Mohanad, 6 Jahre alt und das Brüderchen Nahel, 9 Monate, zwei der drei Kinder von Mohanad Jammo.

Ein Desaster, das uns daran erinnert, wie gefährlich sich die fehlende Zusammenarbeit zwischen den Europäischen Regierungen, den militärischen Befehlszentralen und den Hilfsbehörden auf die Tragödien unserer Zeit auswirkt.

„Ich denke, dass man uns im Glauben untergehen ließ, dass dann niemand die Geschichte würde erzählen können. Ich kann keine andere Erklärung finden“, sagt Mohanad Jammo (44) am Telefon, als er aus dem OP des Krankenhauses kommt, in dem er heute arbeitet. In Aleppo leitete er die Einheit für Intensivmedizin sowie die Abteilung für Anästhesie und gegen Immunreaktionen im Transplantationsteam. Jetzt lebt er in Deutschland, wo er mit Ehefrau und der überlebenden Tochter Aufnahme gefunden hat und wo er in die Lage ist, das zu tun, was er gelernt hat.

Haben sie das Video gesehen, haben sie ihre Stimme wieder erkannt?
„Ja, ich habe den Film gesehen. Aber lassen sie mich sagen, obwohl ich wusste, dass es einige Nachlässigkeiten gegeben hat, bin ich schockiert. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand behaupten könnte, er würde mit seiner Entscheidung hunderte Menschen retten wollen, während er sie sterben ließ“.

In ihren Anrufen haben sie mehrfach wiederholt, Arzt zu sein. Was hofften sie, damit zu erreichen?
„Glaubwürdigkeit. Ich wiederholte, Arzt zu sein, um Glaubwürdigkeit zu wecken, weil ich hörte, dass der Empfänger meinen Anrufen und dem, was ich sagte, nicht viel Aufmerksamkeit schenkte“.

An Bord des Fischkutters sind zahlreiche Mediziner. Um Zehn am Abend zuvor sind sie von Zuwara in Libyen aus in See gestochen. In der Nacht werden sie von Libyschen Milizionären auf einem fabrikneuen Schnellboot mit Maschinengewehren unter Beschuss genommen. Die Schüsse, die unter der Wasserlinie einschlagen, öffnen die Lecks, durch die Wasser einzudringen beginnt. Zwei Kinder sind schwer verletzt. Das ist die erste Massenflucht von Menschen, deren Lebensraum zwischen die Fronten von Rebellen und Streitkräften aus Damaskus geraten sind.

Wer flüchtet, sind Lehrer, Dozenten, ist das Bürgertum von Aleppo. Schweden hat gerade verlauten lassen, dass es Asylsuchenden aus Syrien dauerhaften Aufenthalt gewähren wird. Mohanad Jammo, damals 40 und seine Kollegen Mazen Dahhan, 36, Neurochirurg und Ayman Mustafa, 38, Chirurg, machen sich kundig. Sie finden heraus, dass es keine legalen Wege gibt, Schweden zu erreichen; genauso wenig wie Deutschland oder Italien. Es gibt nur das Netzwerk der Libyschen Schmuggler.

Sie befinden sich bereits alle in Libyen, weil sie nach den ersten zwei Jahren Krieg in Aleppo der Einladung der Libyschen Ärzteschaft gefolgt sind, die die Krankenhäuser wieder öffnen will. Es ist ein kurze Zeit des scheinbaren Friedens. Denn der Krieg bricht auch in Libyen wieder aus. Die neuen Fundamentalisten behelligen ihre Frauen. Ein lokaler Bandenchef sieht die Familie Jammo und fordert, dass ihm Mohanad für seinen Erstgeborenen die fünfjährige Tochter als Braut verspricht. Die Kleine ist blond, alle starren sie an. Es bleibt nur, davon zu ziehen.

Am 3. Oktober lesen sie im Internet, dass ein Boot vor Lampedusa mit hunderten Menschen untergegangen ist. Mit der Angst kommt der Sinneswandel. Aber es erreichen sie auch die Nachrichten von Kämpfen, die immer näher kommen. Die Familien der Ärzte sind tagsüber in ihren Wohnungen verbarrikadiert. Und Freund Ayman Mustafa gibt eines Morgens im Krankenhaus zu verstehen, dass es keine andere Lösung gibt: „Wie hoch ist das Risiko der Überfahrt?“ fragt er. Sie rechnen nach: 366 Tote in Lampedusa auf dreißigtausend Menschen, die seit Jahresanfang in Italien ausgeschifft wurden: 1,2 Prozent. „Wir sind Chirurgen“, sagen sie sich: „Und in der Chirurgie tendiert das Risiko von 1,2 Prozent gegen Null“.

Sie verkaufen ihre Habseligkeiten. Sie zahlen mehr, um auf ein sichereres Boot zu kommen. Am Nachmittag vor der Abfahrt werden sie von den Schmugglern in einen Rohbau gesperrt. Ein einziger Wasserhahn und vielleicht ein Loch im Boden für Hunderte von Menschen. Zwei Tage ohne Essen und ohne Toilette. Moahanad Jammo hat an alles gedacht. Auch an das Fläschchen und das Milchpulver für den kleinen Nahel. In einen Plastiksack hat er Rettungswesten gepackt, die er für die ganze Familie gekauft hat. Aber in der Nacht schlafen alle vor Erschöpfung ein, sie werden gestohlen. Die Büchse mit dem Milchpulver wird ihm beim Einschiffen abgenommen: „Das braucht ihr nicht, in wenigen Stunden seid ihr sowieso in Italien“, sagt ihm ein Libyer.

Wie haben sie ihrer Tochter erklärt, was passiert ist?
„Ich bitte um Entschuldigung, aber ich will nicht von meiner Familie sprechen. Sie hat zu viele Erinnerungen und trägt zu viel Schmerz.

Wie ergeht es ihnen jetzt?
Hier in Deutschland finden wir uns gut zurecht. Seit meiner Ankunft Ende 2013 habe ich Deutsch gelernt. Dann habe ich eine Prüfung bestanden und seit November 2014 arbeite ich wieder in meinem Beruf als Arzt. Die deutschen Behörden haben meine Studienabschlüsse aus Syrien anerkannt.

Was von ihrer Flucht haben sie verinnerlicht?
„Schauen sie, ich bin vor dem Krieg geflüchtet, weil ich kein Fighter bin, kein Kombattant. Ich kann gegen niemanden kämpfen. Ein Mensch ist kein Feind. Nein, ich bin Arzt. Ich arbeite auf meinem Gebiet, ich kenne mein Fach von Grund auf, und das ist alles, was ich tun kann. Aber mitten in der Schlacht zu leben, nein, das kann ich nicht. Es gibt nichts, was es Wert wäre, die Familie zu verlassen, um in den Krieg zu ziehen“.

Würden sie wieder in einen Kahn steigen, wenn sie heute auf der anderen Seite des Mittelmeers wären?
„Mein Ziel war es, für meine Kinder ein besseres Leben zu finden. Auch jetzt und trotz aller Erfahrung denke ich noch immer so und würde dieselbe Entscheidung treffen. Ich werde meine Prinzipien nicht aufgeben und werde keiner Kriegspartei meine Unterstützung geben. Ich glaube nicht an den Krieg.

Doktor Dahhan hat bei dem Schiffbruch die Frau und drei Kinder mit 9, 4 und einem Jahr verloren. Doktor Mustafa die Frau und die Tochter mit 3. Halten sie noch mit ihnen Kontakt?
Mazen und Ayman sind Freunde, die mit mir auf dem Boot waren. Wir stehen in Kontakt, und ich weiß, dass sie hart daran arbeiten, das Leben wieder zu erlangen, das sie verdienen.

Viele in Europa denken, dass zu viele Flüchtlinge ankommen.
„Es tut mir leid, aber ich glaube nicht an solche Definitionen, so wenig wie ich an Grenzen glaube. Wer gibt ihnen das Recht, hier zu leben und zu arbeiten und mich zurück zu weisen? Wer glaubt, dass die Probleme in anderen Teilen der Welt von dem getrennt sind, was hier geschieht, irrt. So wie ich glaube, dass die Regierungen vieler Europäischer Nationen eine enorme Rolle spielen bei dem, was dort passiert, negativ oder positiv“.

Dr. Jammo kehrt zu seiner Arbeit zurück. Seinen kleinen Söhne Nahel und Mahamad sind für immer 61 Meilen südlich von Lampedusa geblieben. Wie fast alle andern 60 ertrunkenen Kinder, die nicht wieder gefunden wurden. Wie Mabruk, was Segenswunsch bedeutet. Er kam wenige Minuten vor 17:07 Uhr, als das Boot kenterte, zur Welt.

Der Schrecken des Moments hat die Geburt eingeleitet. Als sie die Schreie der Mutter hören, verlassen die Kinderärztin Ola Mouaffek Shihab Eddin, 32 Jahre und die gleichaltrige Gynäkologin Naya Raslan ihre Familien und steigen unter Deck, um Mabruk zur Welt zu bringen. Sie wissen, wie es enden wird, aber sie ziehen sich nicht zurück. Auch sie werden ertrinken. Zwei heldenhafte Gesten in einem Meer voller Feiglinge.


(*) Artikel online bei La Repubblica erschienen am 12.5.2017 unter dem Originaltitel „Così l’Italia ha lasciato annegare i miei bambini“. Autor ist Fabrizio Gatti, bekannt u.a. für „Bilal-Als Illegaler auf dem Weg nach Europa“. Die vorliegende Übersetzung ist nicht autorisiert und wurde von mir gefertigt. Die Rechte am Originaltext liegen bei Fabrizio Gatti und der Verlagsgruppe L’Espresso-La Repubblica.

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2 Gedanken zu “„So hat Italien meine Kinder ertrinken lassen“

  1. Danke für diesen beeindruckenden Text und die Übersetzung.!!!!! – Sehr bedenkenswert! -Die „Flüchtlingsdabatte“ und das Lei(d)kulturgeraune wird immer unerträglicher. Mich treibt das Thema auch um. Manchmal versuche ich etwas gegen die Mainstreamdebatte zu bloggen. Zum Beispiel Musik, die das Thema Flucht behandelt. Mein Eindruck: Wir haben so ein Mainstramgeraune; der Dirigent ist „Thomas, die Misere“. Dagegen kommt man schwer an. Hier ein paar Flucht-Lieder nebst Gedanken zum Thema: https://rotherbaron.com/2017/05/20/freiheitsboten-in-fluechtlingsbooten/

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