Der Schiffbruch der Kinder und die Lügen der Marine

Am frühen Nachmittag des 17. Mai wird in der Abgeordnetenkammer eine Anfrage zum Tod von 268 Flüchtlingen auf dem Meer behandelt. Mit der Antwort des Verteidigungsministeriums sind das italienische Parlament und die Öffentlichkeit belogen worden.

Der Abgeordnete Giulio Marcon (SEL) trägt vor, dass die am 11. Oktober 2013 ertrunkenen 268 Bootsflüchtlinge hätten gerettet werden können, „wenn einige Offiziere, die einen Eid auf die Rettung von Leben auf See geleistet haben, im Gegenteil das Schiff Libra nicht daran gehindert, buchstäblich: gehindert hätten, Hilfe zu leisten“. Die angesprochene Ministerin Roberta Pinotti (PD) liest als Antwort eine von der Marine gefertigte Erklärung vor: „Sofort“ nach Meldung des Notfalles habe sie „auf eigene Initiative hin veranlasst, dass das Schiff Libra, circa 15 Seemeilen vom in Seenot befindlichen Wasserfahrzeug entfernt, den angegebenen Ort anläuft“.

Kurz zuvor hatte Fabrizio Gatti, Undercoverautor und Journalist für das Magazin „L’Espresso“, seine Reportagen veröffentlicht: „So hat Italien 60 Kinder ertrinken lassen“, „Bitte helft uns wir sterben“ und „So hat Italien meine Kinder ertrinken lassen“(*). Zu dem unfassbaren Umstand, dass die Rettungsleitstelle in Rom ihre Zeit in unnötigen und teils distanziert klingenden Telefonaten vergeudet und damit zumindest fahrlässig gehandelt haben könnte, kommt jetzt eine Gewissheit: Angehörige der italienischen Militärmarine haben aktiv verhindert, dass das Patrouillenschiff der Marine Libra („P 402“) sich den in Seenot befindlichen Menschen nähert, obwohl es sich nur 15 Seemeilen entfernt befindet. Das ergibt sich aus den Telefonaten, deren Originalaufnahmen Gatti und „L’Espresso“ am 1. Juni online tweilweise veröffentlicht haben(*). Damit steht auch fest: Die Marine hat die italienische Verteidigungsministerin falsch informiert und veranlasst, das Parlament mit unwahren Angaben zu füttern. Hier die Übersetzung des Artikels:

Der Schiffbruch der Kinder, die Marine hat gelogen: „Libra soll nicht auf den Sack gehen“

Das sind die Audioaufnahmen, die die Version widerlegen, die von Ministerin Pinotti vor der Abgeordnetenkammer vorgetragen wurden. Die Untersuchung in der neuen Ausgabe von „L’Espresso“. Und von Montag an die Videoerzählung „Das Gesetz des Meeres“ mit den Mitteilungen der Offiziere, die das Eingreifen des Militärschiffes verhindert haben.von Fabrizio Gatti(*)

Ein Telefongespräch von zwei Minuten und siebenundfünfzig Sekunden, die wir teilweise im Vorgriff veröffentlichen und das Gegenteil dessen belegen, was die Führung der Marine über die Verteidigungsministerin Roberta Pinotti der Abgeordnetenkammer hat wissen lassen.

„L’Espresso“ hat in seiner neuen Videoreportage „Das Gesetz des Meeres“, die ab Montag 5. Juni vollständig auf dieser Präsenz zu sehen sein wird, die Kommunikation zwischen den Offizieren der Führung des Schiffsschwadrons, dem Cincnav in Rom, mithin des operativen Arms des Generalstabes versammelt. Und mit ihr die Telefonate zwischen den Offizieren von Cincnav und der Zentrale der Küstenwacht.

Es ist der Nachmittag des 11. Oktober 2013. Fünf Stunden lang wird auf dem ruhigen Meer ein Fischkutter mit mindestens 480 syrischen Flüchtlingen langsam untergehen, während auf Rettung gewartet wird. Das nächstgelegene Schiff, das Patrouillenboot Libra, befindet sich gerade einmal 17 Meilen entfernt, das ist eine Stunde Fahrt. Aber das Kommando der Marine verhindert mitten im Rettungsfall dessen Eingreifen. Und weist die über das wahre Ausmaß der Gefahr im Dunklen gelassene Kommandantin, Kapitänleutnantin Catia Pellegrino an, sich zu entfernen und zu verstecken: Ein maltesisches Schnellboot solle sich um die Rettung der Flüchtlinge kümmern, auch wenn diese Einheit sich noch 120 Meilen entfernt befindet. Gegenüber der Abgeordnetenkammer hat Verteidigungsministerin Pinotti am vergangenen 17. Mai, nach Veröffentlichung unserer Videoreportage „Il naufragio die bambini“, aber erklärt: „Die Marine teilt mit, dass sie sofort“ nach Meldung des Notfalles „auf eigene Initiative hin veranlasst hat, dass das Schiff Libra, circa 15 Seemeilen vom in Seenot befindlichen Wasserfahrzeug entfernt, den angegebenen Ort anläuft“. Diese und andere Telefonate beweisen das genaue Gegenteil. Bei dem Schiffbruch sind 268 Menschen ertrunken, darunter sechzig Kinder.

Die Sprache, die dabei vom Kommando des Schiffschwadrons der Marine benutzt wird, lässt das Blut gefrieren. „Was sollen wir Libra sagen?“, fragt der Offizier in der Einsatzzentrale von Marine und Luftwaffe. Es ist 15:37 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt könnte die Libra noch alle Flüchtlinge erreichen. „Dass sie nicht auf den Sack gehen soll, wenn die (maltesischen) Schnellboote kommen“, antwortet dagegen der Sektionschef von Cincnav, mithin der Leitende der laufenden Maßnahmen. „Also sollen wir ihr sagen, sich … aus der Verbindungslinie herauszuhalten … in einem solchen Abstand, dass?“, will der diensthabende Offizier wissen. „In einem Abstand, dass sie gleichzeitig sehen kann, ob sie in einen Fruchtkorb pissen oder ballistische Raketen abschießen“, antwortet der Offizier des Marinekommandos. Der übrige Teil der Recherche wird im Magazin „L’Espresso“ am kommenden Sonntag, 4. Juni veröffentlicht.


(*) Vorliegender Artikel trägt den Originaltitel „Naufragio dei bambini, la Marina ha mentito: ‚Libra non deve stare tra i c…’“ und wurde am 1. Juni 2017 auf der Präsenz von „L’Espresso“ online gestellt. Die in Bezug genommenen weiteren Artikel, ebenfalls hier im Blog übersetzt, sind: „‘Stiamo morendo, per favore‘: le telefonate del naufragio dei bambini“ (09.05.), „Così l’Italia ha lasciato annegare 60 bambini: in esclusiva le telefonate del naufragio“(08.05.) und „Così l’Italia ha lasciato annegare i miei bambini“ (12.05.). Sämtliche Artikel sind von Fabrizio Gatti verfasst, bekannt u.a. für „Bilal-Als Illegaler auf dem Weg nach Europa“. Die vorliegende Übersetzung ist nicht autorisiert und wurde von mir gefertigt. Die Rechte am Originaltext liegen bei Fabrizio Gatti und der Verlagsgruppe L’Espresso-La Repubblica.
Beitragsbild: Screenshot
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