Der Schiffbruch der Kinder: Ein Anruf, der beweist, dass die Marine lügt

Zur Tragödie vom 11 Oktober 2013 mit 268 Toten hat Ministerin Pinotti die Darstellung des Militärs vorgetragen. Sie wird von einem Telefonat widerlegt: Diesem hier
von Fabrizio Gatti(*)

Das ist das Telefonat, das die Version der Marine widerlegt. Ein Anruf von zwei Minuten und siebenundfünfzig Sekunden Dauer, der in das Gegenteil kehrt, was das Militärkommando Verteidigungsministerin Roberta Pinotti mitgeteilt hat, damit sie es im Parlament vorträgt.

Es ist 15:37 Uhr des 11. Oktober 2013. Seit 12:26 Uhr weiß die Küstenwacht, dass das Schiff Libra sich weniger als eine Stunde Fahrt von einem Fischkutter entfernt befindet, der mit syrischen Exilanten an Bord, darunter vielen Kindern, antriebslos driftet und untergeht. Das Kriegsschiff ist ein Patrouillenboot mit bordeigenem Helikopter, das auch zur Seenotrettung geeignet ist.

Der diensthabende Offizier in der Operationszentrale der Marine will vom Sektionschef von Cincnav, dem Kommando der Schiffsschwadron, wissen, was er Libra befehlen soll; noch könnte das Schiff die Flüchtlinge erreichen. „Also, was sagen wir ihr … sich auf Abstand vom Kontakt halten, so dass?“, fragt der diensthabende Offizier. „In einem Abstand, dass sie gleichzeitig sehen kann, ob sie in einen Fruchtkorb pissen oder ballistische Raketen abschießen“, antwortet der Sektionschef und bezieht sich dabei auf den Kutter mit mindestens 480 Personen an Bord, der um 17:07 Uhr kentern und den Tod von 268 Passagieren verursachen wird, unter ihnen 60 Kinder.

Die Darstellung, die das Militär Ministerin Pinotti vorgelegt hat und am vergangenen 17. Mai von ihr im Parlament während einer aktuellen Fragestunde der italienischen Linken vortragen ließ, behauptet anderes: Die Marine habe „aus eigener Initiative“ die 15 Meilen entfernte Libra losgeschickt, „sofort“ nachdem sie „von den laufenden Such- und Rettungsmaßnahmen … informiert wurde“. Eine Behauptung, die von den Aufnahmen der Kommunikation in der vorliegenden Videorekonstruktion widerlegt wird.

An diesem Nachmittag ist die Libra in einer sog. Vipe-Operation eingesetzt, Überwachung der Fischerei südlich von Lampedusa. Das operative Kommando der Marine will, dass das Schiff weiterhin den Fischfang im Mittelmeer überwacht, und das obwohl nur wenige Meilen entfernt Männer, Frauen und Kinder ertrinken. Im Telefonat zwischen zwei internen Anschlüssen des Kommandos des Schiffschwadrons hört man drei Stimmen, alles ist mittlerweile von der Guardia di Finanza in Schrift übertragen. „Die Libra ist zur Zeit 17 Meilen entfernt“, sagt der diensthabende Offizier, „und wenn ihr einverstanden seid, würde ich in dem Abstand von dem Ding da halten“, dem untergehenden Kutter. „Es fährt doch aus der Zone Vipe raus, oder?“, fragt ein Kollege. „Nein, nein, Jungs, es ist in der Vipe-Zone, es ist in der Vipe-Zone und der Kontakt ist in der Vipe-Zone“, erklärt der diensthabende Offizier: „Es befindet sich 120 Meilen von Malta“. Der Kollege: „Malta schickt uns seine Schnellboote aus 120 Meilen. Die Libra ist auf 17, soll sie näher heran?“.

An der Stelle greift der Sektionschef ein, er ist der Kommandant der laufenden Operation: „Sie darf sich nicht auf der Verbindungslinie zwischen den Schnellbooten und Malta aufhalten“. Der diensthabende Offizier: „In Ordnung, und was sagen wir Libra?“. Der Kommandant: „Dass sie nicht auf den Sack gehen soll, wenn die Schnellboote kommen“. Der diensthabende Offizier: „In Ordnung, OK, also soll sie 17 Meilen einhalten?“. Der Kommandant: „Nein, warum?“

Der diensthabende Offizier: „Also sollen wir ihr sagen, sich … aus der Verbindungslinie herauszuhalten … in einem solchen Abstand, dass?“. Antwort des Kommandanten mit einem Satz, der das Blut gefrieren lässt: „In einem Abstand, dass sie gleichzeitig sehen kann, ob sie in einen Fruchtkorb pissen oder ballistische Raketen abschießen … Die Libra, haben wir ihr befohlen, anzulaufen?“. Der diensthabende Offizier: „Nein“. Der Kommandant: „Nein, also wird sie ihre Patrouille fortsetzen und Schluß. Später wirst du sie anrufen: Hallo, die (maltesischen) Schnellboote laufen aus, schau dass du denen nicht auf den Sack gehst, sonst kehren die um“.

Das Schnellboot soll aus Malta kommen, 118 Meilen Nord-Ost. Die Libra ist auf 17 Meilen und wird fortgeschickt, um sich in 19 Meilen Abstand vom untergehenden Kutter zu verstecken. Lampedusa ist 61 Meilen entfernt. Nach fünf Stunden Mitteilungen und vergeblichen Wartens kentert der Kutter wegen des eingedrungenen Wassers, während ein Aufklärungsflugzeug aus Malta die Gegend seit einer Stunde überfliegt. Es sind genau die Piloten, die den Versuch der italienischen Marine aufdecken werden, das Schiff Libra mitten in einer Rettungssituation abzuziehen.

Ab diesem Augenblick fordern die maltesischen Behörden, die die Verantwortung für die Operation tragen, den Einsatz der Libra an. Aber noch um 16:41 Uhr, eine halbe Stunde vor dem Massaker, weigert sich in Rom das Kommando des Schiffschwadrons: „Stand by, stand by“, warten sie, sagt der Sektionschef. Und der diensthabende Offizier: „Ich habe sie aufgehalten“. Aus diesem Grund werden jetzt zwei Offiziere der Einsatzzentrale der Küstenwacht und zwei ihrer Kollegen der Marine seit dem 12. Mai beim Amtsgericht Agrigent als Beschuldigte wegen Verdachts des Totschlags geführt. Der Vorgang ist vorläufig aus Gründen der Zuständigkeit nach Rom abgegeben worden. Unter den Verdächtigen ist auch Catia Pellegrino (41). In einem früheren Verfahren wegen des Schiffbruchs hat die Staatsanwaltschaft in Rom aber bereits die Einstellung beantragt. Im Unterschied zu den Offizieren an Land, sie die Kommandantin Pellegrino nicht über das wahre Ausmaß der Gefahr an Bord des Kutters informiert worden.


(*) Vorliegender Artikel trägt den Originaltitel „Naufragio dei bambini, la telefonata dimostra che la Marina mente“ und wurde am 6. Juni 2017 auf der Präsenz von „L’Espresso“ online gestellt. Autor des Artikels ist Fabrizio Gatti, bekannt u.a. für „Bilal-Als Illegaler auf dem Weg nach Europa“. Die vorliegende Übersetzung ist nicht autorisiert und wurde von mir gefertigt. Die Rechte am Originaltext liegen bei Fabrizio Gatti und der Verlagsgruppe L’Espresso-La Repubblica.

Beitragsbild: Schiff Libra (P 402)
Quelle: https://it.wikipedia.org/wiki/File:Libra_(P_402)_01.JPG
Autor: Piergiuliano Chesi
Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported

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