aufgefasst&abgebissen 17/25

Immer noch, weiterhin und noch länger: Fake News. Nachlese in der 25. KW

Der Dauerbrenner heißt Fake-News. Und das wird noch eine Zeit lang so bleiben. Das jedenfalls ist die Meinung von Lorraine Daston, Direktorin des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte und Professorin an der Universität Chicago. Zusammen mit dem bekannten Journalisten Georg Mascolo (u.a. Panama-Papers) wurde sie von dem Magazin PhiloMag zu „Welchen Fakten können wir trauen?“ interviewt. Eine spannende, bei aller Kürze facettenreiche und pointierte Unterhaltung:

Die Flugblätter der Reformationszeit lassen sich mit einer Webseite wie Breitbart News vergleichen […] Es hat über 200 Jahre, also bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts gedauert, bis Verfahren etabliert waren, mit denen sich wahre von falschen Informationen unterscheiden ließen. Ich hoffe, wir sind in der Lage, heute schneller an dieses Ziel zu gelangen.

Den Langmut von Daston hat Jeff Jarvis nicht. Der Journalist und Autor hat bei medium.com die Schrift „Our problem isn’t ‘fake news.’ Our problems are trust and manipulation“ eingestellt:

„Trust is the longer-term problem — decades- or even a century-long. But if we don’t grapple with the immediate and urgent problem of manipulation, those institutions may not live to reinvent themselves and earn the public’s trust back with greater inclusion, equity, transparency, responsiveness, and honesty. At the News Integrity Initiative, we will begin to address both needs.“

Die Schrift will eine tiefgreifende Analyse sein. Darin ist viel von „Russian manipulation“ die Rede. Das ist einerseits bei dem derzeitigen politischen Klima in den USA nicht weiter verwunderlich. Jarvis bezieht sich insoweit auf zwei (im Text verlinkte) Aufsätze der NATO und der RAND Corporation. Andererseits hat schon vor etlichen Jahren Evgeny Morozov in der FAZ zu besten Schirrmacher-Zeiten über Jeff Jarvis ein vernichtendes Urteil gefällt: „Das Elend der Internetintellektuellen“. Den inneren Widerspruch Jarvis‘ fasste Morozov damals in einer einzigen vitriolhaltigen Zwischenüberschrift zusammen – „Das Privatheitsbedürfnis eines Apostels der Öffentlichkeit“.

Und doch stecken in den Ausführungen etliche wichtige Fragestellungen. Etwa zum auch wirtschaftlich immer beliebter werdenden „fact-checking“ oder „debunking“: Ist das nicht genau das, was Breitbart, Jones u.a.m. wollen, nämlich dass ihnen erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt wird? Und was ist mit Trollen: Von wem haben sie ihre Fähigkeiten gelernt? Das Beispiel von Jarvis jenes makedonischen Dorfes, wo Anti-Clinton-Fakes am Fließband produziert wurden, erinnert mich an die Kurzdoku der ARD-Wien, die das Ganze lediglich als Geldmaschine auswies („Reich werden mit Fake News“, später auch Ulrich Ladurner in Zeit-online, „Stadt der Lügner“ oder noch weiter verbreitet „moma-Reporter: Das Geschäft mit mazedonischen Fake-News“).

Jarvis setzt da an, wo deutsche Leitmedien aufgehört haben:

Again, I am not saying the Russia is behind all media manipulation. Far from it. But as Hillary Clinton suggested, the Macedonian fake news factory that went after her learned their tricks somewhere. Trolls and manipulators learn from each other and so we must learn about them ourselves.

Die Frage nach dem großen inneren Widerspruch müsste sich Jarvis auch hier gefallen lassen: Bedient er mit „immediate and urgent“ nicht gerade die Rhetorik sogenannter „nationaler“ oder „konservativer Revolutionäre“, die ihr Anliegen quasi als Notwehr oder Nothilfe im Angesicht einer vermeintlichen, geradezu apokalyptischen Gefahr zu rechtfertigen suchen?

„Hier“ ist aber nicht Deutschland, denn das Schriftstück scheint hierzulande bislang nicht angekommen zu sein. Und Schirrmacher ist leider viel zu früh gestorben. Ich habe die Nachricht von valigiablu.it, die Jarvis‘ Schrift für so relevant hält, dass die Plattform eine Übersetzung (:it) veröffentlicht hat. Wem das nichts sagt: Valigia blu (der blaue Koffer) ist eine Kreation u.a. von Arianna Ciccone, die wiederum Miturheberin und -verantwortliche des Internationalen Journalismus-Festivals in Perugia ist. Dort werden die Nachrichten der Zukunft gemacht, jedes Jahr aufs Neue.

Andererseits sind Fake-News kaum von Satire oder einfachen Urban Legends zu unterscheiden. Ghostbusters von 1984, schrieb der Nachwuchsfilmemacher Adam Bertocci (pdf, 319,12KB,via loc.gov) würde „selbst dann noch funktionieren, wenn er völlig ernst gespielt würde“. Bei nicht wenigen Postillen warte ich die ganze Zeit darauf, dass der Chefredaktor in einem ex-tempore-Move sich ans Publikum wendet und laut ruft: Ätsch, alles nur um Euch (und Eure Bräsigkeit) zu entlarven. Leider ist das nicht so, und wenn man den Elsässer Jürgen einen Nazi schimpft, rennt er heulend zu Gericht.

Zu den modernen Sagen hingegen kann man mittlerweile die unzähligen Mythen zählen, die es zu „gesundem Essen“ gibt. Sozusagen die ultimative Götterspeise. Einer, der sich schon länger damit beschäftigt, ist der gelernte Biochemiker und praktizierende Koch Anthony Warner, aka The Angry Chef. Ein Skeptiker:

I love food more than anything, but science is my other love. I was once a scientist but I left it all to follow my passion for food. I am no longer an expert on any area of science, but I have retained my critical eye.

Kostproben:

Home-cooked food is always best – It’s linked to wanting women to get back into the kitchen: “Natural home-cooked meals are the only way to be healthy … Things were better before women went to work.” Underlying the demonisation of convenience food, there is a lot of misogyny. “Things were better in our grandmother’s day” – were they?

Sugar is ‘toxic’ – Sugar has an enormous amount of energy and is one of the most important building blocks for life. But they say, “It has no nutritional value.” That makes absolutely no sense.

The Guardian hat Warner ein ausführliches Portrait gewidmet („Meet the chef who’s debunking detox, diets and wellness“), dessen Buch „The Angry Chef: Bad Science and the Truth About Healthy Eating“ am 6. Juli in den Handel kommt.

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