Scheherazade fährt jetzt Auto

Die fast vergessene Rolle von Al Jazeera als Aufklärungsmedium in der Arabischen Welt. Ein Grund, warum Hardliner die Schließung des Senders verlangen.

Das Verlangen mehrerer Staaten gegenüber Katar, den Sender Al Jazeera zu schließen, hat begreiflicherweise Entrüstung hervorgerufen. Die Sprecherin für den Mittleren Osten und Nordafrika von „Reporters without Borders“ (RSF), Alexandra El Khazen: „The Arabic media landscape should make room and accept the broadest range of viewpoints instead of adopting repressive measures against alternative viewpoints that are found to be critical of some governments.“

Dabei ist es nicht so, dass in Katar im Gegensatz zur feindlichen Allianz u.a. aus Ägypten, Bahrain, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (mittlerweile gefolgt von weiteren Staaten) in Sachen Meinungs- und Pressefreiheit eitel Sonnenschein herrschte. RSF moniert in seinem Länderbericht, dass Al Jazeera oft ignoriere, was im eigenen Land geschieht: „Journalists in this small emirate are left little leeway by the oppressive legislative arsenal and the draconian system of censorship.“

Aber es ist die Rolle, die der Sender seit seiner Gründung 1996 und 10 Jahre später mit seinem englischsprachigen Pendant spielt, der das Unversöhnliche hat hervortreten lassen, statt die Chancen zu begreifen. Die leider vzu früh im November 2015 verstorbene Fatima Mernissi hat sich des Themas mit Ausdauer angenommen. Der „digitale Islam“ beginne nicht mit Facebook & Co., sondern viele Jahre früher, schlüsselte 2011 die wirkmächtige marokkanische Soziologin im Interview mit dem KulturZine „babelMed“ auf:

Seit 1991 habe ich aufgehört, an der Frau zu arbeiten und habe mich aus einem einfachen Grund dem digitalen Islam zugewandt: Man hatte den ersten Golfkrieg auf CNN gesehen, und man stand um drei Uhr in der Früh auf, um die Bomben auf Bagdad zu sehen. Sechs Monate später gab es den ersten panarabischen Sender, MBC, und dann 1996 Al Jazeera. Seitdem gibt es mehr als fünfhundert panarabische Satellitenstationen. Mir wurde bewusst, dass es damit keine Trennung zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten mehr geben würde. Im Islam ist die Privatsphäre die der Frau; der öffentliche Raum, das Geld, die Politik und die Wirtschaft usw. sind die des Mannes. Diese Trennung wurde von den Satellitenmedien aufgehoben: Es reicht, eine Parabolantenne zu haben, damit in jedem Haus die Frau ein türkisches Feuilleton oder einen Star ansehen kann, die ihr noch vor ihrem Mann gefallen. Ich dachte, dass das eine grundlegende Revolution in der Denkweise bedeuten wird. Und tatsächlich gab es dann auch einen massiven Zugang der Frauen zu den Medien und den Kommunikationskanälen. Sie tauschten die Neuigkeiten nicht nur aus, sondern stellten sie her und wurden ihrerseits zu einer Attraktion.

Mernissi, die eigenen Angaben zufolge in einem Harem zur Welt gekommen ist, hat stets auf die Narrative der islamisch geprägten Gesellschaften verwiesen, im eigentlichen Sinn: die erzählten Geschichten. Die aus tausendundeiner Nacht, die in Europa praktisch immer ausschließlich auf der erotischen Seite präsentiert wurden und werden, haben bereits in der Einleitung den Tod der Frau vor Augen. So ist die zentrale Figur der Scheherazade entstanden, die um ihr Leben erzählt. Aus dem Interview:

Um zu verstehen, was da [Anm.: im arabischen Frühling] passiert ist, sollte daran erinnert werden, dass alle Erzählungen aus tausendundeiner Nacht mit dem Satz enden: ‚Die Morgendämmerung umfing Scheherazade, und sie schwieg, weil ab jetzt zu sprechen verboten war‘. Scheherazade sprach nicht am Tag, weil es der Mann ist, der tagsüber spricht. Sie kann nur Nachts sprechen. Und jetzt spricht Scheherazade bei Al Jazeera immer und zwar Non-Stop! Die Produzentinnen der Sendungen sind unglaublich aggressiv! Sie zerlegen für die Zuschauerinnen einen Staatschef, als wäre es eine leichte Übung. Man kann das, was in der Jasminrevolution oder im Arabischen Frühling passiert ist, nicht verstehen, wenn man sich nicht daran erinnert, dass die Technologie bereits das horizontale Kräfteverhältnis und das der Unterwerfung zerstört hatte. Man mag Facebook entdecken, aber die Satelliten hatten schon viel früher begonnen: Mit Hilfe der meisten Sender konnte man telefonieren oder SMS versenden. Die Interaktion war bereits da. Die Jungen sind in einen interaktiven Raum hinein geboren.

Junge Menschen wie Amina, die diesen interaktiven Raum nutzten, nur um dann von Fundamentalisten wie Laizisten gleichermaßen angegriffen zu werden. „Der sonst unauffindbare Konsens hat sich in einem fast einstimmigen tadelnden Raunen zusammengeschweißt, das sich gegen diese neue Vestalin der Freiheit richtet“, schrieb dazu die tunesische Autorin Hélé Béji 2013 in der Tageszeitung „Le Monde“.

Wie wenig erschlossen der Arabische Raum aber auch in der Rezeption war, bevor Al Jazeera die Sprachbarriere überwand, hatte Mernissi zuvor in dem Essay „Digital Scheherazades in The Arab World“ (2006) beschrieben:

Im Mai 2005 hörte ich aufmerksam den Fragen von 30 Journalisten zu, die mein Verleger zur Präsentation der Übersetzung meines Buches „Les Sindbads marocains: Voyage dans le Maroque civique“ (Moroccan Sindbads: Travels through Civic Morocco) eingeladen hatte. Den Fragen, die sich alle auf Schleier und Terrorismus konzentrierten, entnahm ich , dass sie alle keine Ahnung hatten von dem strategischen Aspekt, der die Arabische Welt bewegte: al-fitna raqmiya (digitales Chaos), die Aufhebung räumlicher Grenzen durch die Informationstechnologie.

Verbreitungs-, vor allem aber Sprachbarrieren haben die gesellschaftlichen Wirklichkeiten noch Anfang des Jahrtausends separiert erscheinen lassen. Das war und ist auch das bequeme Bett von Despoten, die ihre ganz persönlichen Wahrnehmungen als Wahrheit verkünden, etwa über den dekadenten Westen und Frauen, die Autos fahren. Andererseits ist der Bias bei selbst honorigen europäischen Korrespondenten in Nahen und Mittleren Osten unverkennbar, wenn ihnen zu einer marokkanischen Autorin von Weltrang nur Fragen nach Tracht und Trachten einfallen. Liest man 2017 in Deutschland quer, hat sich hierzulande erst recht nichts bewegt.

In diese Blasen zurück wollen offenkundig arabische Theokraten ebenso wie der despotisch regierende Staatschef Ägyptens. Die Reetablierung einer alten Ordnung nach einem kurzen Lüften in der Kulisse fällt nicht zufällig zusammen mit der Visite eines US-amerikanischen Exekutivchefs, der sich selbst mit den Medien in einem Nachrichtenkrieg befindet. Rollbacks, verkleidet als sogenannte konservative Revolutionen, finden derzeit nicht nur im Westen statt.

 

N.B.: Sämtliche Sprachübertragungen sind von mir. Sollte eine Wendung nicht gefallen, wenden Sie sich im Zweifel an den Verfasser dieser Zeilen.

Beitragsbild: „Scheherazade“ von Édouard Frédéric Wilhelm Richter (1844-1913)
Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Edouard_Frederic_Wilhelm_Richter_-_Scheherazade.jpg und http://www.the-athenaeum.org/art/full.php?ID=6940
Lizenz: gemeinfrei

Advertisements