Tot, weil nicht geimpft

Die bestehende Impfpflicht in Italien ist ausgeweitet, die Sanktionen bei Verstössen sind drastisch verschärft worden.

Ein Junge von sechs Jahren ist am Donnerstagmorgen im Krankenhaus San Gerardo in Monza (Italien) an den Folgen einer Masernerkrankung gestorben. Was die italienische Öffentlichkeit daran besonders bewegt, sind die Umstände. Denn der Junge konnte wegen einer akuten lymphoblastischen Leukämie und der damit verbundenen Immunschwäche nicht mehr geimpft werden. Und in den vorhergehenden Jahren hatten die Eltern bei ihm genauso wie bei seinen beiden älteren Geschwistern eine Impfung abgelehnt.

Die Folge: Die Älteren haben den Jüngeren mit der Krankheit angesteckt. Nacheinander sind bei ihm Lungen- und Kreislauffunktion kollabiert, so dass das Kind an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werden musste. Schließlich wurde das Gehirn angegriffen, was zum Tod führte. Zur Leukämie hingegen bestand nach Mitteilung der behandelnden Ärzte eine 85%ge Heilungschance.

Impfpflicht in Italien verschärft

Das Schicksal des Jungen ist ein besonders grausiges und anschauliches Beispiel für das Fehlen der sogenannten Herdenimmunität bei zu niedrigen Impfraten, mit der Familie als kleinste denkbare Gruppe. Denn eine Impfung schützt nicht nur den Einzelnen vor dem Ausbruch einer bestimmten Krankheit, sondern sie verhindert auch die Ansteckung. Das gilt erst Recht im Verhältnis zu Personen, die sich aufgrund persönlicher Disposition nicht impfen lassen können. Der Erfolg von Impfungen hängt damit wesentlich auch von der Impfrate ab.

Der Tod des kleinen Jungen trifft auf eine Öffentlichkeit, die die vom italienischen Gesetzgeber erweiterte und verschärfte Impfpflicht diskutiert. Mit Gesetzesdekret vom 7. Juni 2017, Nr. 73, in Kraft getreten am 8.6., besteht nunmehr Impfpflicht in Bezug auf 12 Bereiche: Gegen Poliomyelitis, Diphterie, Tetanus, Hepatitis-B, Keuchhusten, Haemophilus-Influenzae-Typ-B (Pfeiffer-Influenzabakterium), Meningokokken-B, Meningokokken-C, Masern, Röteln, Mumps und Windpocken.

Neben der Erweiterung des Sachkatalogs der bisher schon bestehenden Impfpflicht sind auch die Sanktionen erheblich verschärft worden. Bei nicht nachgewiesener altersgemäßer Impfung sind Kinder vom Besuch von Kindergarten und Vorschule ausgeschlossen. Eltern, die der Impflicht nicht nachkommen, drohen Geldbußen von 500 bis 7.500 Euro. Schließlich werden die Gesundheitsämter angehalten, bei Nichterfüllung der Impfpflicht Anzeige bei den Jugendbehörden zu erstatten, um etwaige vormundschaftliche Konsequenzen einzuleiten. Dies kann bis zum Entzug der Personensorge gehen.

Nachdem es sich bei dem Dekret um ein provisorisches gesetzliches (Eil)Mittel handelt, das vom Parlament bestätigt werden muss, bleibt das Thema in den nächsten Monaten akut. Derzeit konzentrieren sich die Änderungswünsche auf drei Gebiete: Reduzierung der angedrohten Geldbußen, Streichung elternrechtlicher Konsequenzen und Einführung eines Controllings mit dem Ziel, baldmöglichst wieder zu einem freiwilligen Impfmodell zurück zu kehren.

Ein Problem der Regionen. Und der Ideologie

Italien hat den Erhebungen des Istituto Nazionale di Sanità (Nationales Gesundheitsinstitut) zufolge ein vor allem regionales Problem. Beispiel Polio-Prävention:

Die geringsten Impfraten finden sich in Friaul-Julisch-Venetien (89,42%) und in der autonomen Provinz Bozen (85,05%). Hier ist die Phalanx sogenannter Impfgegner besonders groß. Anfang Juni machte die Ankündigung von 130 Südtiroler Familien Schlagzeilen, dass sie bei Einführung der Impfpflicht „Asyl in Österreich beantragen“ würden.

Noch drastischer ist das Beispiel bei der Masern-Prävention:

Ist hier die Impfrate landesweit weitgehend unter die 90%-Marke gesunken, beträgt sie in der Provinz Bozen nur noch 67,52% und in Friaul-Julisch-Venetien 83,24%.

Dabei dürften, neben einer in ihren Gründen ohnehin mehrdeutigen „Impfmüdigkeit“, politische Einstellungen eine kaum zu vernachlässigende Rolle spielen. Sowohl in Südtirol mit dem Status als Autonome Provinz wie auch in der Region Venetien mit ihren dezidiert kämpferischen Autonomiebestrebungen ist die weit verbreitete Haltung anzutreffen: Aus Rom lassen wir uns nichts sagen. Und wer sich auf Asyl beruft, zeigt an, sich politisch verfolgt zu fühlen.

Dass dies zulasten der künftigen Generationen gehen kann, scheint in den Kreisen eher Nebensache zu sein. Dann erweist sich die Wissenschaft allerdings als unbarmherzige Wahrsagerin: Alle 8 Fälle Masern stellt sich eine Ohrentzündung ein, alle 15 Fälle eine Lungenentzündung, alle 1.500 Fälle eine Enzephalitis. Und alle 3.000 ein Todesfall.

 

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