Libyen und auf Nimmerwiedersehen (1)

Flucht und Vertreibung – Seit dem Fast-Zusammenstoß zwischen einem libyschen Patrouillenboot und der „Sea Watch 2“ am 10. Mai ist ein bald 40 Jahre altes Politikum wieder akut geworden. Und mit ihm auch die Frage nach der Berichterstattung zum „Fluchtweg Mittelmeer“. Eine Rekonstruktion

Nur noch wenige Zentimeter trennen in den Morgenstunden des 10. Mai das Patrouillenboot der libyschen Seekräfte mit der Kennzeichnung „206“ vom Bug der „Sea Watch 2“. Aggressiv und entgegen der auf See gelten Vorfahrtsregel „Steuerbord vor Backbord“ kreuzt die „206“ den Kurs des Seenotrettungsschiffes. Das gefährliche Manöver ist eine offenkundige Drohung: Das zivile Wasserfahrzeug soll von seinem Vorhaben Abstand nehmen, bei Meidung der Anwendung unmittelbarer militärischer Gewalt.

Das Vorhaben: Einem in Seenot geratenen Holzboot mit hunderten Flüchtlingen zu Hilfe zu kommen. Es befindet sich zu der Zeit rund 20 Meilen vor der Libyschen Küste. Der Auftrag an die „Sea Watch 2“ war um 07:42 Uhr per E-Mail vom Maritime Rescue Coordination Center (Mrcc) in Rom[1] gekommen, der staatlichen für den Search-and-Rescue-Bereich (SAR) zuständigen Rettungsleitstelle. Das behaupten nicht nur die Reeder von der Nicht-Regierungs-Organisation (NRO) „Sea Watch“[2], sondern wird von einem Team der Wiener Tageszeitung „der Standard“ bestätigt[3], das sich an Bord des Seenotrettungskreuzers befindet. Die „206“ dagegen habe sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen auf den Schauplatz begeben, so Axel Grafmanns, Geschäftsführer der Deutschen Hilfsorganisation: Das Patrouillenboot war unter der AIS-Signatur[4] eines Öltankers („Sovereign M“) unterwegs.

Die von Standard und Sea Watch angebotenen Videos

zeigen das seerechtswidrige Verhalten des Militärfahrzeugs, und sie verdeutlichen auch einen anderen Umstand: Die Crew des Rettungsschiffes stellt alle Bemühungen ein, während die Mannschaft des Kriegsschiffs die Boat People ohne jede Sicherung an Bord nimmt. Mehr noch: Ein filmischer Beitrag für Spiegel-TV vom 25. Juni zeigt, wie der Kommandant des libyschen Fahrzeugs die Flüchtlinge mit einer Pistole bedroht[5]. Bestätigt ist, dass die „206“ die Flüchtlinge sodann in eine Marinebasis bei Tripolis verbracht hat. Über deren weiteres Schicksal ist zur Stunde nichts bekannt.

Spiegel-TV, „Sea Watch 2 vs. libysche Küstenwache“, screenshot

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