Flucht sucht sich neue Wege: Jetzt von Algerien nach Sardinien

Während sie von Libyen aus zurückgehen, nehmen die Überfahrten aus Algerien Richtung Italien zu. Der Weg führt nach Sardinien. Und wieder werden bilaterale Abkommen zur „erleichterten Rückführung“ von Flüchtlingen und Migranten ausgehandelt.

Nachdem der Weg über das zentrale Mittelmeer von Libyen aus immer unsicherer und gefährlicher geworden ist, wird der über Algerien wieder stärker in Anspruch genommen. Er führt von Annaba bis in die Region des Sulcis, der sardischen Küste mit den Gemeinden Carloforte, Sant’Antioco und Porto Pino. Nach Lampedusa und Sizilien ist das die kürzeste Verbindung zwischen Nordafrika und Italien. Laut der algerischen Tageszeitung El Watan kostet die Überfahrt bis zu 700 Dollar, die Preise haben sich seit 2016 erhöht.

Die Zahlen sind bereits bemerkbar gestiegen. Waren es für das gesamte Jahr 2016 noch 1.106 Menschen, die auf diesem Weg in Italien ankamen, sind bis Ende September 2017 bereits 1.310 gezählt worden. Verdoppelt hat sich die Zahl derer, die die algerische Nationalgendarmerie eigenen Angaben zufolge abgefangen hat: 2016 waren es 400, jetzt sollen es 800 sein.

Überwiegend soll es sich dabei um algerische Staatsangehörige handeln. Nur sehr wenige kämen aus dem Subsahara. Unter ihnen sind auch nur wenige Frauen und Kinder. Es ist eine Zusammensetzung ähnlich wie 2006 bis 2011, als die Flüchtlinge aus Tunesien kamen. Auch der Bootstyp ist der gleiche: Laut algerischen Medien Fischkutter, oft mit einer guten Maschine ausgestattet, die in der Lage sind, die Überfahrt in 16 bis 18 Stunden zu bewältigen.

„Fast niemand will auf Sardinien bleiben“, erklärt Angela Quaquero, Beauftragte für Einwanderung der Regionalregierung.

Für Sardinien waren bisher die Monate im Frühjahr besonders kritisch. Die Insel ist dann zwei Tendenzen ausgesetzt: Der einen aus Algerien, der anderen durch die Schiffe der italienischen Küstenwache und Marine, die Boatpeople aus Libyen ausschiffen. In diesem Jahr sind es mehr als 3.500, die, in der Straße von Sizilien aufgenommen, nach Sardinien gebracht wurden. „Es gab wegen der ständigen Bewegung schwierige Momente, die Menschen angemessen aufzunehmen“, ergänzt Quaquero. Tatsächlich würde kaum jemand, der aus Algerien kommt, auf der Insel bleiben wollen, und keine von ihnen stellt einen Asylantrag.

Trotzdem hat es gefährliche Momente gegeben wie in der Nacht zwischen dem 27. und 28. Juli: In Dorgali (Provinz Nuoro) hatten Unbekannte einen selbstgebauten Sprengkörper in einem Aufnahmezentrum zur Explosion gebracht, zwei Nigerianer wurden dabei verletzt. Jetzt aber habe sich die Lage bei rund 5.000 Aufnahmeplätzen stabilisiert, die fast alle von Flüchtlingen aus Libyen belegt sind. Die anderen dagegen versuchen, nachdem sie einen Sichtvermerk erhalten haben, unsichtbar zu bleiben und das nächstbeste Schiff Richtung Kontinent zu besteigen. Ihr Ziel sollen Deutschland, Belgien und Frankreich sein.

Algerisch sind auch die Organisationen, die die Überfahrten organisieren. Hier ermitteln die italienischen Behörden zusammen mit der Europäischen Grenzschutzagentur Frontex, die seit Februar ein eigenes Lagezentrum in Cagliari eröffnet hat. Die internationalen humanitären Organisationen wie die von UNO, UNHCR oder der Internationalen Organisation für Migration IOM sucht man hier dagegen vergeblich.

Die Befürchtung, dass die algerische Route an Bedeutung gewinnen könnte, hat Italiens Innenminister Marco Minniti zu einem Besuch bei seinem algerischen Kollegen Nourredine Bedoui veranlasst. „Es gibt eine strategische Allianz zwischen Italien und Algerien, die die großen Herausforderungen von Sicherheit, Einwanderung und Entwicklung betrifft. Schon vorher gab es ausgezeichnete  Beziehungen zwischen unseren Ländern, heute können wir sagen, dass wir sie verbessert haben“, erklärte der Minister der Agentur ANSA vor seiner Abreise.

Für Ende Oktober ist die Unterzeichnung eines neuen bilateralen Abkommens zur Zusammenarbeit zwischen Italien und Algerien vorgesehen, der das von 2009 ergänzen soll. Eines der Ziele ist die vereinfachte und schnellere Abschiebung von Migranten. Es soll dem Muster eines Abkommens mit Tunesien zur „schnellen Rückführung“ folgen. „Der Minister ist sehr schnell tätig geworden, nachdem der Präsident der Region Sardinien, Francesco Pigliaru, mehrfach das Problem angesprochen hat“, meint Quaquero. Jetzt muss versucht werden, das Ausmaß des Phänomens zu verstehen. Algerische Medien berichten über Verhaftungen beim Versuch der Einschiffung zahlreicher Jugendlicher, die hauptsächlich aus der Grenzregion zu Libyen kommen sollen.

Die andere Frage hängt mit dem Chaos in Libyen zusammen. Der Krieg, der gerade die von dem Clan Dabbashi beherrschte Stadt Sabrata besonders betrifft, hat Einfluss auf die Abfahrten. Schon jetzt führt der Wüstenweg von Agadez im Niger verstärkt nach Algerien. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass das zunimmt, zumal sich auch die hohe Sterblichkeit auf der Weiterreise über das zentrale Mittelmeer herumgesprochen hat.

Die letzten Zahlen der IOM sprechen von geschätzten 2,1 Prozent der Menschen, die auf dem Meer ums Leben kommen. So hoch war die Todesrate nicht einmal vergangenes Jahr, als die IOM 4.700 Tote gezählt hatte; laut UNHCR waren es 5.096. Wenn 2016 von 82 Personen auf dem Meer eine starb, ist es jetzt je 48 Flüchtlinge, fast das Doppelte. Die tödlichsten Monate sind Mai und Juni gewesen. Hauptursache dürften die Seefahrzeuge gewesen sein, die für eine lange Überfahrt nicht gerüstet waren. Aus diesem Grund hat die Europäische Kommission Anfang des Jahres ein Embargo gegen Libyen wegen der Schlauchboote verhängt, die von Schmugglern verwendet werden.

 


Der Beitrag ist die freie Übersetzung eines Artikels von Lorenzo Bagnoli („Migranti, diminuiscono le partenze dalla Libia ma crescono quelle dall’Algeria: la nuova rotta porta gli sbarchi in Sardegna“), online bei Il Fatto Quotidiano am 4.10. erschienen.

 

Beitragsbild: Refugees arriving in Lampedusa
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Flykninger_til_Lampedusa.jpg
Autor: Jonskonline
Lizenz:CC BY-SA 3.0