Die Seuche der Armut

Pest – Sie wird wie Tuberkulose, Malaria oder Cholera als eine Krankheit der Armut bezeichnet. Eine Näherung in Madagaskar.

„Wir lagen vor Madagaskar …“ – Den Menschen auf der viertgrößten Insel der Welt ist gerade wenig nach Singen zumute. „Nach der anfänglichen Panik“, schrieb unlängst die Tageszeitung Midi-Madagasikara, „haben die Bürger Vernunft angenommen und gehen die Situation couragiert an.“ Die diesjährige Epidemie hat zwei Monate nach ihrem Ausbruch ein wenig von ihrem Schrecken verloren, die Bevölkerung versucht, sie in ihren Alltag zu integrieren.

Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Dass Menschen derart Angst haben, dass sie mitten in der Behandlung versuchen, aus dem Krankenhaus zu fliehen? Dass öffentliche Versammlungen landesweit verboten sind, Schulen geschlossen bleiben, an den Ausfallstraßen größerer Städte „Barrages“, Kontrollstellen eingerichtet werden, an denen die Körpertemperatur von Reisenden mit Infrarot-Thermometern gemessen wird? Es kommt darauf an, wer die Fragen stellt.

Viele Europäer spulen bei „Pest“ im Kopf ein Programm ab: Der besonders finstere Teil des Mittelalters, Dezimierung der Bevölkerung, Zusammenbruch der Gemeinwesen und ihrer sozialen Bindungen, minuziös geschildert im „Decamerone“ (~1353) von Giovanni Boccaccio1 bis hin zu „Die Verlobten“ (1827) des Aufklärers Alessandro Manzoni2. Die Krankheit schon fern, ihr Schrecken aber noch so präsent, dass Albert Camus aus „La Peste“ (1947) eine Analogie zur NS-Okkupation ziehen konnte – der Kampf gegen die Seuche als der des europäischen Widerstandes gegen den Nazismus.

Die Geschichte der Pest in Madagaskar ist im Präsens geschrieben. Isabelle Buckow und Christian Werner erzählen sie in ihrem Feature Schwarzer Tod (2014) für die 360°-Reihe der Süddeutschen Zeitung. Die Furcht vor der Katastrophe („Dr. Minoarisoa Rajerison spricht über die Gefahr einer Epidemie in der Hauptstadt“) hat sich nun erfüllt.

Eine Studie des Institut Pasteur von 2002, kürzlich erstmals online3 gestellt, veranschaulicht neben Genese und Zahlen: So wie die Menschen auf der Insel seit je die Kadenz zwischen Regen- und Trockenzeit kennen, gibt es seit den 1980ern eine Pestsaison – wenn es schwül-heiß wird, in den zentralen Hochebenen von Oktober bis März, in Küstennähe von Juli bis November.

Ein Großteil der Panik heute rührt daher. Die Krankheit hat sich diesmal an keinen Kalender gehalten, sie ist im Zentrum des Landes und nicht an den Peripherien ausgebrochen, sie ist anders als zuvor als Lungenpest gekommen und als Epidemie.

Aber drohende Seuchengefahr, eindringliche Warnungen, Leichtsinn und Untätigkeit die an Fatalismus grenzen, Menschenmassen, Unordnung, Schmutz:

Ist das nicht … Afrika?

Viele datieren den Niedergang des ohnehin schon bitterarmen Landes auf das Jahr 2009. Der Disc-Jockey und Werbefachmann Andry Rajoelina stürzte im März mit einem Handstreich den gewählten Staatspräsidenten und Großunternehmer Marc Ravalomanana. Grund: Die immer offenkundigeren klepto- und autokratischen Züge des präsidialen Clans4.

Der Coup war relativ unblutig, die Folgen verheerend. Die komplette Infrastruktur einschließlich der medizinisch-sanitären brach in den folgenden Jahren zusammen. Dazu gibt es ebenfalls eine weit verbreitete Meinung. Erst die Verweigerung weiterer wirtschaftlicher Zusammenarbeit durch Geberländer als Sanktion gegen die Putschisten habe Land und Leuten den Rest gegeben.

Die Ereignisse lassen sich auch als Ingerenz von außen lesen. Ravalomanana wäre dann  ein Präsident gewesen, der sein Land dem erdrückenden Zugriff des ehemaligen Kolonialherren Frankreichs entziehen wollte: Durch Annäherung an die Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) und die Südafrikanische Entwicklungsgemeinschaft (SADC). In seiner Präsidentschaft war Madagaskar 2005 der erste Staat überhaupt, der sich in das US-Entwicklungshilfeprogramm „Millenium Challenge“ eingeschrieben hatte5.

Collage von Aufnahmen der Zusammenstöße in Antananarivo, Februar 2009; screenshot

Rajoelina wäre dagegen der von Frankreich in kürzester Zeit aus dem Nichts aufgebaute Gegenspieler gewesen, der die ehemalige Kolonie wieder gefügig in den Schoß des Stiefmutterlandes geführt hätte: Ein besonders finsteres Kapitel der Françafrique, ersonnen in der Cellule Africaine im Elysee-Palast des Nicolas Sarkozy6. Die internationalen Sanktionen gegen das Regime wären dann auch gegen Paris gerichtet gewesen. Wer sich derart offenkundig neo-kolonial gebärdet, sollte alleine für die Folgen einstehen.

Wie immer das geschichtliche Urteil ausfallen wird, es zeigte sich in jedem Fall die fehlende Augenhöhe. Wer immer hofiert oder korrumpiert, gestürzt oder an der Macht gehalten wird, ist nur ein Stellvertreter. Er bildet sich eine gewisse Zeit lang ein, kraft seiner Fürsprecher eine Art Immunität zu genießen, die das Unrechtsbewusstsein beseitigt und Kleptokratie genauso wie Zerstörungswut erst ermöglicht.

Der tiefe Sturz aber vollzieht sich nicht in Paris oder Tana vom Balkon der Belle Etage aus, sondern in dem winzig anmutenden Schritt der betroffenen Bevölkerung vom Leben in Armut zu einem in Elend.

Die Landflucht vor humanitären Katastrophen

Ab Anfang des Jahrtausends wurde die Haupt- wie die meisten größeren Städte des Landes Ziel einer unübersehbaren Landflucht. Das Aufkommen von „Zones franches“, Zollfreigebiete mit ihren eigenständigen Produktionsstätten als Rückgrat einer vorgestellt liberalen statt dirigistischen Wirtschaftspolitik versprach Arbeit auch für nicht ausgebildete Kräfte. Der Traum vor allem junger Menschen war und ist, in jedem Fall mehr verdienen zu können als den einen Dollar oder Euro, den ihre Väter und Mütter an einem Tagwerk auf der Scholle erwirtschaften.

Verstärkt wurde und wird die Tendenz durch eine Verschlechterung der klimatischen und damit der Bedingungen für die Landwirtschaft, in der bis heute zirka 80 Prozent der Madagassen beschäftigt sind. Zyklone, die sich im Indischen Ozean formieren, zerstören immer wieder die Feldfrüchte vor der Ernte. Zuletzt traf es im März 2017 weitflächig neben den Reisfeldern auch den Vanilleanbau. Das eine Hauptnahrungsmittel, das andere Hauptexportgut, sind nach vorsichtiger Schätzung 40 Prozent der Jahresproduktion in knapp drei Tagen vernichtet worden – so lange brauchte Zyklon „Enawo“, um die Insel von Norden bis Süden zu durchlaufen.

Achtjährige Kinder an einer Grundschule in Morondava; Originalaufnahme: Kate Holt/WaterAid, 2017; Screenshot, Ausschnitt

Sind von den Stürmen und nachfolgenden ebenso zerstörerischen Sturzregen hauptsächlich die nord-östlichen Regionen betroffen, so ist umgekehrt der Süden infolge des Klimawandels seit Jahrzehnten im Griff der Trockenheit. Mehrere aufeinanderfolgende Missernten lassen sich 2017 in nüchterne Zahlen übersetzen: Bei einer madagassischen Gesamtbevölkerung von geschätzten 22,5 Millionen befinden sich etwa eine halbe Million Menschen südlich der Hauptstadt derzeit in Phase 3 der Integrated Food Security Phase Classification (IPC)7 und damit im Zustand dauernder Nahrungsunsicherheit. Weitere 330.000 Menschen sind in Phase 4, dem Nahrungsmangel und der humanitären Notlage angelangt. Der nächste Schritt ist der in die Katastrophe der Hungersnot8.

Nicht erfasst sind dabei die teilweise an Leibeigenschaft erinnernden Bedingungen, unter denen Lohnkräfte in den nördlichen Kakao-, Ylang-Ylang- und Vanillekulturen seit Generationen gezwungen sind, ihre Existenz zu fristen.

Die Folgen sind sichtbar und lassen sich in einem noch nüchterneren Maß ausdrücken: 15 Zentimeter. Das ist der Unterschied in der mittleren Körpergröße zwischen einem normal und einem mangelhaft ernährten 8-jährigen Kind. „Stunting“, die Kleinwüchsigkeit wegen Mangelernährung betrifft aktuell mehr als die Hälfte des madagassischen Nachwuchses9.

Die Auswirkungen reichen weit in die Zukunft: Über die eingeschränkte Lern- infolge von verminderter Konzentrationsfähigkeit über die erhöhte Krankheitsanfälligkeit bis hin zur wirtschaftlichen und sozialen Diskriminierung10. Dazu das medizinische Fachblatt The Lancet: Das Nichterreichen des eigenen Entwicklungspotentials schlage sich in einem späteren Mindererwerb von bis zu 26 Prozent nieder, produziere einen starken Sog zum ökonomischen Niedergang und halte Familien in der Falle der Armut11.

(Fortsetzung folgt)


Das Fußnotenwerk stellt online-Lesevorschläge dar und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Links wurden letztmalig am Tag der Textveröffentlichung gesichtet.
1 Bei Projekt Gutenberg-De, http://gutenberg.spiegel.de/autor/giovanni-boccaccio-58
2 Bei Projekt Gutenberg-De, http://gutenberg.spiegel.de/autor/alessandro-manzoni-397
3 Ratsitorahina M. et al., Actualités épidémiologiques de la peste à Madagascar, in: Archives Institut Pasteur de Madagascar, 2002, Band 68, S. 51 ff.
4 Mein Beitrag, Madagaskar – ein zweites Somalien?, 1.2.2009, neu veröffentlicht am 27.10.2017 bei die Ausrufer
5 Susan Steiner / Eugenia Tseggelidis, Der Millennium Challenge Account: Erste Erfahrungen aus Madagaskar, in: German Institute of Global and Area Studies (GIGA) / Institut für Afrika-Kunde, GIGA-Focus Nr.4 (April 2006), S. 1 ff.
6 Thomas Deltombe, La France, acteur-clé de la crise malgache, Le Monde Diplomatique, März 2012; Raphaël de Benito, La Françafrique dans l’ombre d’Andry Rajoelina, Survie – Billets d’Afrique, 1.1.2010
7 IPC Global Partners, Integrated Food Security Phase Classification – Technical Manual Version 1.1., FAO, Rom, 2008, S. 4 (pdf, 1,08MB, via fao.org);  Integrated Food Security Phase Classification – Technical Manual Version 2.0., Evidence and Standards for Better Food Security Decisions, FAO, Rom 2012, S. 32 (pdf, 6,24MB, via ipcinfo.org)
8 Redaktionsbeitrag, The bounty that heads off famine, The Christian Science Monitor, 24.7.2017
9 The World Bank, Addressing Chronic Malnutrition in Madagascar, 3.10.2016
10  Karen McVeigh, ‚They should be much bigger‘: the heavy toll of hunger on Madagascar’s children, The Guardian, 6.9.2017
11 Redaktionelles Papier, Advancing Early Childhood Development: from Science to Scale – An Executive Summary for The Lancet’s Series, The Lancet, 4.10.2016, S. 6 (pdf, 1,37MB, via thelancet.com); Dossier unter http://www.thelancet.com/series/ECD2016
Beitragsbild: Antananarivo bei Nacht, Blick vom Lac Anosy auf den alten Königspalast (Rova); screenshot
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