Die Seuche der Armut (2)

Pläne zur Sanierung der Elendsviertel von Antananarivo gibt es, auch Gelder stehen bereit. Was aber bedeutet „Sanierung“?

Wieviele Menschen nach Antananarivo zugezogen sind, weiß keiner so genau. Schätzungen zum Bevölkerungszuwachs gehen von 830.000 Einwohnern im Jahr 1998 auf mindestens 2,3 Millionen per 2014 aus. Andere nehmen bis zu 2,61 Millionen (2015) an12.

Schon von Weitem weist ihnen die Stadt ihren Platz zu. Tana ist wie das antike Roma auf Hügeln errichtet. Auch wenn sie keine so klingenden Namen wie Quirinal oder Viminal tragen, veranschaulichen sie das soziale Gefälle genauso wie einst das zur Subura hinab.

Die reichsten Viertel und die luxuriösesten Wohnstätten befinden sich auf den höchstgelegenen Punkten der Hauptstadt“, beschrieb der Soziologe Jean-Michel Wachsberger 2009 die immer noch sichtbare, vertikale Teilung, „relativ geschützt vor Schmutz, dem Treiben und dem Lärm der Unterstadt […] Umgekehrt erstrecken sich die ärmsten Stadtteile, von den Madagassen ‚bas quartiers‘ [niedere Viertel] genannt, fast vollständig auf die Ebenen der Unterstadt13.

„Nieder“ ist dabei ein genauso hübscher Euphemismus wie „défavorisé“, benachteiligt, wie sie ebenso häufig genannt werden. Kaum jemand bezeichnet sie als das, was sie sind: Bidonvilles, die ureigene französische Wortschöpfung für Slums. Unten sind die Elendsviertel, und sie stinken in jeder Hinsicht zum Himmel.

Wo bis weit in die französische Kolonialzeit feuchte Reisfelder zwischen den Hügeln der Subsistenz der gesamten Stadtbevölkerung dienten, befindet sich heute besiedelter Morast. In der Regenzeit füllen sich die Senken mit Wasser. Tage-, mitunter wochenlang leben die Menschen knietief in einer trüben Brühe aus Müll, Fäkalien und Umweltgiften.

Hier ballen sich die Ursachen: Kontaminiertes Wasser, ungenügende sanitäre Einrichtungen, Mangelernährung. Hier ballen sich die Folgen: Parasiten, Haut-, Darm-, Bronchial- und Lungenkrankheiten, die jederzeit als Cholera, TBC oder Malaria eskalieren. Oder wie jetzt die Pest.

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Das eigentliche Verhältnis wird vor allem mehrdeutig beschrieben: Armut macht krank und Krankheit macht arm. Die Formel verschleiert die Unentschiedenheit im Ansatz zur Durchbrechung des Teufelskreises,  erst recht aus der Sicht der Betroffenen.

Denn natürlich lassen sich viele der Krankheiten heilen. Der Pestpatient ist bei rechtzeitiger Antibiotikagabe nach vier Tagen nicht mehr ansteckend, nach acht Tagen ist er gesund. Die Gefahr der Ansteckung kann durch Quarantänemaßnahmen gut eingedämmt werden. Auch mit AIDS kann man leben, die Erreichbarkeit von Medikamenten vorausgesetzt.

Und natürlich ließen sich andererseits die hygienischen Verhältnisse in den Elendsvierteln Tananarives verbessern. Der allgegenwärtige Müll könnte mit einer Organisation der Abfallbeseitigung genauso weggeschafft werden wie die Exkremente mit einer funktionierenden Kanalisation.

Aber für die hunderte Baustellen, die die Sanierung von Slums mit sich bringen würden, fehlte es laut Politik und Stadtverwaltung in jeder Hinsicht an Geld. Das ist nicht erst seit 2009 so, sondern das stets intonierte Lied, wenn auf die wachsenden Missstände der Stadt hingewiesen wurde. Selbst die bestehende, ohnehin geringe Infrastruktur ist marode.

Die Wasserversorgung, die nur noch rund 25 Prozent der Wohnbevölkerung überwiegend in den bessern Wohnlagen erreicht, verliert aus ihren Rohrleitungen mehr als sie befördern soll14. Die meisten Menschen sind auf „bornes-fontaines“, öffentlich verwaltete Wasserstellen angewiesen.

Borne fontaine in Antananarivo Ambohijatovo; © Laetitia Bezain/RFI; screenshot

Abwässer dagegen „fließen die Hügel hinab und ergießen sich in die Ebenen“, heißt es lapidar in dem Bericht des Programms der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen (UN-Habitat) aus dem Jahr 201215. Akribisch fächert das Thesen- und Arbeitspapier die sozialen, städtebaulichen und finanziellen Herausforderungen der Stadt auf. Im Mittelpunkt stehen Bidonvilles und Armut.

Zwei aktuelle Projekte bringen technische Aspekte auf den Punkt. Da ist zum einen das von der französischen Entwicklungsagentur AFD im November 2016 in Angriff genommene Programm, um, so die Bezeichnung, die Bevölkerung besser vor den Risiken des Hochwassers zu schützen. Offiziell schreibt es sich in den integrierten Sanierungsplan für Antananarivo (PIAA) ein, der seit 2014 schematisch vorbereitet worden ist16. Tatsächlich ist es aktuell ein Notprogramm, um die sanitären Verhältnisse in der Stadt erst einmal auf Verwaltungsebene neu zu organisieren.

Wesentlich detaillierter ist das urbane Entwicklungsprogramm für Antananarivo, das die Weltbank 2017 aufgelegt hat17. Ausgehend von einem Strategiepapier  vom Juni 201618 ist eine Komponente die Instandsetzung des Entwässerungssystems in den Senken.

Gegen die Überschwemmungen durch die in der Regenzeit hochgehenden Flüsse Ikopa, Sisaony und Imamba wurde ab Anfang der 1960er Jahre ein regulierendes Poldersystem von Dämmen, Kanälen (Andriantany, C3, GR), Rückhaltebecken und Pumpstationen aufgesetzt. Die Vermüllung der Kanäle, die in die Jahre gekommenen Bausubstanz und Technik, aber auch Dammbrüche unter der Wasserlast von Zyklonen19 haben das System zum Erliegen gebracht. Ein Ziel ist es, den Abfluss wieder in Gang zu setzen.

Die andere in den Zielpapieren enthaltene Komponente ist weitaus folgenreicher: Die auch zwangsweise Umsiedlung von Menschen und der Abriss ihrer Behausungen, soweit sie den technischen Umsetzungen im Weg stehen20. Hierzu müssten, schreibt die Weltbank, nicht nur die betroffenen Zonen genau identifiziert werden, um die Priorität der Sanierung vor der Umsiedlung nicht zu unterlaufen. Es bedürfte auch einer neuen politischen Agenda, insbesondere Plattformen für Verhandlungen zwischen Betroffenen, Verwaltung und politischen Entscheidern bis hin zur Bewältigung des Rechtsweges etwa bei Enteignungen.

Der Traum von schönen neuen Städten, Rasamy, „A quand les villes nouvelles à Madagascar?“; screenshot

Wie aber wollte man die Auswirkungen vorplanen: Die Störungen im Erwerb, die physische Deplatzierung, Nachteile und eventuelle neue Umweltbeeinträchtigungen am neuen Ort, Abkehr vom gewohnten Leben, um nur einige zu nennen? Auf welche Weise wollte man den Grundstücksspekulationen zuvorkommen, wenn die Pläne konkrete Formen annehmen? Wo wäre der politische Wille, fragte unlängst Rasamy, einer der wenigen Blogger die sich konkret zu strukturellen Problemen von Urbanität und Entwicklung Gedanken machen: Statt notwendig zusammen zu wirken, würden sich Stadtverwaltung und nationale Regierung einen Kampf um Gelder, Kompetenzen und letztlich um Prestige liefern21.

Die Projekte von AFD und Weltbank summieren sich auf rund 110 Millionen US-Dollar. Wie aber beziffert sich der aufkommende Konflikt und seine friedliche Bewältigung? Trotz aller Benachteiligungen, schreibt Wachsberger in Auswertung seiner Interviews mit Slumbewohnern, seien auch die Elendsviertel ein Raum des Schutzes, der gegenseitigen Unterstützung und Anerkennung: Alles Elemente der (Selbst)Ermächtigung und zur Stabilisierung der eigenen Identität22.

Mit anderen Worten: Wer will sich mit der Subura von Antananarivo auseinandersetzen?

Teil 1

(wird fortgesetzt)


12 Madagascar Data Portal, Population Statistics 1993-2014 für die drei zentralen Distrikte von Antananarivo (Renivohitra, Atsimondrano, Süd/Avaradrano); Buckow/Werner sprechen von 1,8 Millionen, Wikipedia (:fr) von 2,2 Millionen (konsultiert am 1.11.2017), die UNO (Statistiques sur Madagascar, 2015) von 2,61 Millionen. Sie alle berufen sich auf das staatliche Amt für Statistik Instat, das nur Mikroerhebungen und Projektionen anbieten kann. Die letzte Volkszählung war 1993, seit Jahren ist die Rede davon, eine neue durchzuführen. 2018 soll es soweit sein , auch in der Kapitale. Die Unbestimmtheit der Zahlen wird dadurch vergrößert, dass häufig nicht zwischen der Kommune, den Distrikten und der Provinz gleichen Namens unterschieden wird. Tatsächlich ist die Unterscheidung u.a. durch das Größenwachstum der Stadt zur Metropolregion, die die administrativen Unterteilungen überlagert, noch schwieriger geworden.
13 Jean-Michel Wachsberger, Les quartiers pauvres à Antananarivo: Trappe à pauvreté ou support des individus?, in  Presses de Sciences Po (P.F.N.S.P.), Autrepart, 2009/3, Nr. 51, S. 117 ff., dort bei Fußnote 4, online bei cairn.info
14 Ministère de l’Energie et des Hydrocarbures, Antananarivo – Le problème en eau potable à résoudre, 5.4.2017; Bill, Pose de première pierre à Mandroseza et à Ankadivoribe, La Tribune, 5.4.2017
15 Kerstin Sommer et al., Madagascar: Profil Urbain d’Antananarivo, UN-Habitat (Hrsg.), 2012 (pdf, 5,01MB, via unhabitat.org)
16 Agence française de développement (AFD), Protéger la population des risques d’inondations à Antananarivo, Landesübersicht; Realisierung: AFD, Programme Intégré d’Assainissement de la Ville d’Antananarivo (PIAA), 8.12.2016 (pdf, 26,22KB, via afd.fr); AFD, Note de Communication Publique d’Operation, 8.12.2016 (pdf, 20,59KB, via afd.fr); Assemblée Nationale, Loi n° 2016-036, 14.12.2016 (pdf, 345,13KB, via assemblee-nationale.mg); Ministère de l’Eau, de l’Energie et des Hydrocarbures / UN-Habitat (Hrsg.), Elaboration du Schéma Directeur d’Assainissement Urbain du Grand Tana – Rapport final, 23.6.2014 (pdf, 4,46MB, via pseau.org)
17 La Banque Mondiale, Projet de résilience et de développement urbains intégrés dans l’agglomération d’Antananarivo, P159756
18 La Banque Mondiale, Project Information Document/Integrated Safeguards Data Sheet (PID/ISDS), 20.6.2016 (pdf, 532,72KB, via banquemondiale.org)
19 Redaktioneller Beitrag, IMAGES. Après la sécheresse, les inondations à Antananarivo!, Blog de Madagascar, 9.3.2017; Direction Générale de la Gestion Financière du Personnel de l’Etat, Après Enawo: La Rupture des Digues imminente, 9.3.2017; Dammbruch am Sisaony im Februar 2015 bei Agir avec Madagascar, Inondation 27 février 2015, 3.3.2015
20 La Banque Mondiale, Projet de Développement Urbain Intégré et de Résilience (PRODUIR), SFG3529 (8.6.2017), SFG3537 (4.8.2017; jeweils pdf, ~1,88MB, via banquemondiale.org), insb. S. 19 ff., 30 ff. und Anhang 4
21 Rasamy, Urbanisme, une lueur d’espoir pour Antananarivo?, 10.7.2017
22 Wachsberger, aaO., oben Fn. 13

Beitragsbild: Überschwemmungen März 2015, Collage; Quelle; screenshot