Glühwein saufen fürs Vaterland

Spiegel Online macht sich kraftvoll überflüssig. Oder es steht eine Fusion mit Tichys Einblick an. Die Weihnachtsstorys 2017

Heute Morgen hat sich Dirk Kubjuweit nicht etwa drei Mal weit aus dem Fenster gelehnt, sondern ist mit Anlauf über den Sims gehechtet.

Der stellvertretende Chef des Magazins Spiegel meinte in der „Lage am Montag“, online um 05:47 Uhr, in dieser Reihenfolge: Martin Schulz müsse weg, Deutschland brauche ein neues Wahlrecht. Und er, Kubjuweit, möge zwar keine Weihnachtsmärkte – „Der Staatsbürger in mir sagt aber: Diesmal solltest du gehen. Ich habe mich noch nicht entschieden“.

Damit hat der ansonsten für Feingeistiges Prämierte seine Neigung zum Grobschlächtigen kundgetan.

Die präzise Kritik am „Politikberatungsjournalismus“ (Wolfgang Michal) rührt ihn nicht an. Genauso wenig scheint ihn zu tangieren, dass eine Diskussion zum Wahlrecht derzeit ein bestenfalls aufgehübschter Beitrag zum Thema „Wählen, bis der Arzt kommt“ wäre.

Zu den Weihnachtsmärkten in Deutschland ist Kubjuweit aber offenkundig die Sicherung durchgebrannt.

Gerade sind die Fake-News zu „Lichtermärkten“ und „Jahresendfiguren“ als krude, von Rechtsaußen befeuerte Verschwörungstheorien bloßgestellt worden. Das jugendliche Portal bento hat es geschafft, den mehrsprachigen Flyer zum Dresdner Striezelmarkt zum Beitrag für Integration zu erklären. Laut Übermedien („Provokationen ohne Resonanz? Wie es um die AfD still wurde“) war SPON eines der Medien, das die Aufmerksamkeitserregung für die AfD besonders gründlich erledigt hat.

Da kommt einer der einflussreichsten Journalisten Deutschlands daher und erhebt den Besuch von Buden, den Kauf sonst unverkäuflichem Kitschs und das Saufen von Glühwein zum staatsbürgerlichen Gebot.

Abgesehen vom geistigen Nährwert des Konsumrausches für Staatsbürger in all seinen Facetten: Sind Nicht-Staatsbürger dann auf dieser Veranstaltung bestenfalls gelittene Gäste? Vorsicht bei der Beantwortung. Seit einiger Zeit ist Österreichs jüngste Hoffnung Sebastian Kurz (ÖVP) auf dem Trip, „EU-Ausländer“ als „Einwanderer in die Sozialsysteme“ zu diffamieren. Garantiert wird jetzt auch Italienern das Recht auf Rausch streitig gemacht. Wie sonst in letzter Zeit, so auch beim Suff: Wir zuerst.

Die Lage“ ist der täglich früheste Meinungsartikel bei SPON. Der Titel suggeriert die morgendliche Information der Mächtigen dieser Welt, wie es zum Beispiel in den USA „The President’s Daily Brief“ ist.

Nun eben für den Volkssouverän. Dieser Leser hat sich  gleichwohl nicht daran gewöhnt, bei SPON 15% Sport, 20% Politik, 15% Sport, 10% Reportagen, 25% Panorama, 15% Sport zu lesen. Er hat sich auch nicht daran gewöhnt, dass Storys wie die zu Nora Maria Först als Bezahlartikel bei SPIEGEL Plus und daily-spiegel  angeboten werden, obwohl sie schon von der österreichischen Zeit im Bild inkl. Video Tage zuvor via Facebook erzählt worden war.

Deutsche Präsenz auf einem Weihnachtsmarkt zu zeigen, ist ebenfalls eine alte Geschichte. Geschrieben hat sie Gerd Buurmann, und veröffentlicht wurde sie am 1.9. bei Tichys Einblick.

Das Motto, „wir lassen uns unsere Art zu leben nicht nehmen“, schließe die Opfer des Anschlags in Berlin aus. Buurmanns Suada gegen den „Islamismus“, die aber den Islam an sich meint, ist ein klarer Gegenentwurf zu Le Monde. Die französische Tageszeitung hat fast auf den Tag genau 2015 online ein „Memorial für die Opfer des 13. November eingerichtet“.

Weil, so die Autorinnen Aline Leclerc und Sylvie Kauffmann, sich die terroristischen Attacken ganz präzise auf bestimmte Plätze bezog: „Wo man zusammenkam, Juden, Christen und Muslime, Männer und Frauen. Plätze, wo man wusste, wie man zusammenlebt“, wo „die Jugend, die Intelligenz, die Kultur, die Erziehung und die Toleranz“ getroffen werden sollten.

Kubjuweit und Buurmann machen daraus, jeder auf seine Weise und spiegelbildlich zum Terrorismus, Bemerkungen und Anleitungen zur Ausgrenzung. Weihnachtsstorys, oder wenn Staatsbürger besorgend über Weihnachtsmärkte marschieren: Das ist die irrlichternde deutsche Jahresendbotschaft im Jahr 2017.

Beitragsbild: Weihnachtsmarkt, Beitrag in Wikipedia auf Arabisch; screenshot