WordPress.com und Werbung

Die Plattform arbeitet an mehr und dauerhafter Werbung. Als Alternative werden Bezahlmodelle angeboten. Zur Strategie des Marktführers

Als ich mich nach fünf Wochen Netzabstinenz -ja, es existieren noch Regionen auf dieser Welt, wo es keine Buchsen und Steckdosen gibt- Mitte Januar hier wieder eingeloggt habe, wurde ich unangenehm überrascht: Auf der Eingangsseite des Blogs prangte unübersehbar Werbung.

Das war nicht nur ausgesprochen scheußlich, weil es die Anmutung unseres Blogs (Theme: Canard) zerschoss. Zum Vergleich der Auftritt ohne Werbung:

Sondern das Ad war auch permanent angelegt. Damit hat Automattic stillschweigend gleich mit zwei bisher geltenden Regeln aufgeräumt: Ads nur am Ende eine Blogbeitrags oder einer Seite zu zeigen. Und:

Manchmal“ ist bekanntlich etwas anderes als Dauerwerbung.

Sich von den deutschsprachigen Foren bei wordpress.com Infos aus den Tiefen der Geschäftspolitik made in Automattic, San Francisco/CA oder sogar Support zu erwarten, war natürlich vermessen. Gleichwohl habe ich es versucht, das Ergebnis können Sie hier nachlesen.

Erst mein etwas lautere Gemotze im englischsprachigen Support-Forum hat Staff-Mitglied fstat veranlasst, zu handeln: „You’re right those ads are ruining the appearance of your blog, therefore, I went ahead and disabled them.“

Damit ist die Sache keineswegs vom Tisch. Denn Automattic will mit WordPress.com offensichtlich mehr Geld verdienen als bisher. Das ergibt sich aus einem Parallelthread in den Supportforen, wo „Happiness Engineer“ (de: Kundenfaktotum) kokkieh klarstellte:

Thank you for your feedback. I’ve relayed it to our advertising team. They are currently experimenting with different ad placements on free sites, so it is possible this will change again going forward.

The reality is your site costs money, even if you don’t pay for it. To have your site online requires payment for servers, electricity, security, internet bandwidth, and the salaries of everyone who creates and supports the software and infrastructure that makes your site run. We don’t make money from the advertising on your site – ads on your site only covers the costs we have to keep your site online. Without the income from advertising we wouldn’t be able to offer you this free service.“

Das Szenario, das sich für alle Free-Accounts bei WordPress.com eröffnet, gleich ob sie ein komplexes oder ein einfaches Design (Theme) verwenden, dürfte sein: Entweder vermehrte und dauerhafte Werbung, die ggfs. mit den Bloginhalten nicht kompatibel sind. Oder die Wahl eines Tarifs, wobei die Plattform ab 4 €/Monat (mind. 1 Jahr Laufzeit) u.a. verspricht: „WordPress.com-Werbeanzeigen entfernen.“

Die Vorbereitung dafür ist mit dem neuen Log-In bereits geschaffen.

Automattic lässt sich seit Kurzem die Zustimmung zu den Geschäftsbedingungen bei jedem Log-In neu versichern. Dort heißt es (Stand 27.02.2018): „10. Werbeanzeigen. Automattic behält sich das Recht vor, Werbeanzeigen Ihrem Blog anzuzeigen, sofern Sie kein „Keine Werbeanzeigen“-Upgrade oder ein VIP Service-Konto erworben haben.Oder auf Englisch, wohin das Klickfeld verweist: „Advertisements. Automattic reserves the right to display advertisements on your blog unless you have purchased an Ad-free Upgrade or a VIP Service account.

Dass WordPress.com heute eine der am weitesten verbreiteten „Free Blog Hosting Services“ weltweit ist (Wikipedia: „It is estimated that more than 40% of internet bloggers use WordPress as their publishing platform.“), verwundert im Vergleich der Konditionen anderer Hoster nicht. Gleichzeitig wird die Plattform als weltweit führendes Content Management System angesehen.

Die Zeit schierer Expansion ist aber offenbar vorbei: Seit März 2017 ist die Plattform lt. Alexa im weltweiten Traffic-Ranking um mehr als 10 Plätze auf derzeit Rang 53 abgerutscht. Das könnte dann auch, ich spekuliere, eine Vorgabe für den neuen Präsidenten von WordPress.com Kinsey Wilson sein, der Anfang März von der New York Times kommen wird: Trotz sinkender Beliebtheit mehr Geld verdienen.

Dagegen sind Ad-Blocker zumindest derzeit ein zweischneidiges Schwert: Mit Firefox-Browser, Windows 10 und dem Adblock Plus war ich plötzlich als Admin nicht mehr in der Lage, Social-Media-Widgets wie Facebook oder Twitter zu positionieren oder im WP-Reader einem neuen Blog zu folgen; vielleicht auch nur meine eigene Dusseligkeit oder Schlammcatchen im System, who knows.

Ob das Kalkül aufgehen wird, mit abschreckenden Positionierungen von Werbung die Kunden zu veranlassen, ein werbefreies Abo abzuschließen? Die Konkurrenz jedenfalls schläft nicht, egal ob sie wix.com, x10hosting.com oder blogger.com heißen. Auffallend ist in letzter Zeit die Häufung von Beiträgen in vor allem englischsprachigen Medien, die ein Ranking der „Best Free Blog Hosting Sites“ vorgelegt haben (z.B. hier, hier, hier) – WorPress.com ist dabei nicht immer die erste Wahl.