2011/06/12 Vor ein paar Stunden ein Anruf – Erwin ist tot

Ich kannte ihn kaum. Wir waren zusammen jung. Aber ich kannte ihn kaum.

Viel Zeit haben wir miteinander verbracht. In der Wasserwacht, im Jugendrotkreuz. Im Dorf, in dem wir beide lebten, war zu der Zeit jugendliche Freizeit sorgfältig aufgeteilt zwischen Trachtengruppe und Feuerwehr, Fußball- und Schützenverein. Auf den großen See rauszufahren, bei Sturm, das war nur was für G’spinnerte, um noch Verrücktere aus der Not zu holen. Die Rettungsstation, wie ein ehemaliges Gartenhäuschen genannt wurde, an die fünf mal vier Meter in der Fläche, windschief und moosbedeckt; wo wir auf Benzinkanistern saßen und die ersten Zigaretten rauchten. Das prägte unser Gefühl .Etwas längere Haare als die Trachtler, etwas verwegener als die Brandler. Und Mädels, die genauso viel Schiss hatten, wenn es ums Ganze ging, wenn wer am absaufen war. Kaffe kochen konnte jede(r), wir tranken ihn schwarz.

Im Winter lernten wir etwas über das Anlegen von Verbänden und vertieften uns in Genfer Konventionen. Dass die Organisation, der wir angehörten, auf Schlachtfeldern geboren worden war, nach Solferino. Dass die Organisation jetzt ein Konzern mit komischen Geschäften war. Wir legten weiter Verbände an, zum Spaß und dann auch richtig im Ernst. Blut ist dicker als Wasser war keine Redewendung mehr. Weil zu der Zeit auch was ging, wer mit wem, und die Bande allmählich sehr konkret wurden.

Und alle ihrer Wege gingen, woanders hin. Ein anderer Ort, ein anderes Leben, Partner oder Partnerin von außerhalb. Die Rettungsstation, die mit einem Mal ein vortrefflicher Bau wurde, ins Wasser gesetzt  mit auskragendem Beton, eine neue Jugend, die nachdrückte: Flotte Boote hatten dem roten Feuerwehrauto den Rang abgelaufen, schnittige Uniformen dem Trachtenanzug. Uns das Wasser abgegraben. Wir waren so um die Mitte Zwanzig.

Vor wenigen Wochen traf ich Erwin im hiesigen Kaufhaus. Immer wieder, die letzten fünfundzwanzig Jahre, waren wir uns über den Weg gelaufen. Bei einem gemeinsamen Freund oder einem Fest. Wie Veteranen „Weißt Du noch ….“? und Was ist eigentlich aus X oder Y geworden. Das Gefühl war abhanden gekommen. Wir hatten uns aus den Augen verloren. Das passiert auch in einem kleinen Dorf, wo jeder jeden kennt.

Aber verdammt, Erwin, Du warst mein Begleiter in der schönsten Zeit meines Lebens. Und als ich Dich im Kaufhaus gesehen habe, Dich angesprochen habe: Wie geht es Dir? hätte ich meine Zunge abbeißen sollen. Es war Dir anzusehen, dass es Dir nicht gut geht. Und das Lächeln, das Du mir gezeigt hast, dieses Lächeln das nur der zustande bringt, der eine Antwort, seine Antwort gefunden hat; das so ganz anders war als Dein lautes Lachen, das mit den Jahren schwerer wurde. Mit diesem „Wie geht es Dir“ habe ich mich hinausgestohlen. Du hast mir vor wenigen Wochen gezeigt, dass ich mich selbst nicht kenne. Und mir wieder ein Rettungsseil zugeworfen. Schwimmen muss ich nun selber.

Du wirst mir fehlen. Weil Menschen nur einander haben. Daran hat sich nie etwas geändert. Nur dass Du nicht mehr da bist, es mit Deinem Lächeln zu sagen. Du wirst mir sehr fehlen.

[12. Juni 2011] e2m

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