2011/10

2011/10/23

Trouvaillen

Der sehr schöne Artikel von Maxi Leinkauf Schwarzer Oktober“ bei freitag.de schlägt eine Brücke zwischen dem Frankreich von 1961 zu dem von heute, kulturell wie politisch. Ich ergänze ihn so:

Liebe Maxi Leinkauf,

ein sehr schöner Artikel, aber auch ein sehr deutscher, wenn er die Untaten von 1961 ausschließlich zurück reflektiert auf Vichy und die Besatzung, auch wenn das anhand Ihrer Akteure zwingend erscheinen mag. Denn in den Dramen -und hier erscheint es angemessen, im Plural zu schreiben- spiegelt sich der Kolonialismus französischer Prägung und die fehlende eigene Aufarbeitung.

Das, was als Algerienkrieg bekannt ist und 1962 mit der Unabhängigkeit  des Staates Algerien endete, begann im gleichen Jahr 1954, da ein anderer Krieg beendet wurde, der von Frankreich als nationale Katastrophe empfunden wurde: Die Niederlage im sog. ersten Indochina-Krieg, der im Verlauf von 8 Jahren mehr als 500.000 Tote verursachte. Sie markiert das Ende der Union française. Dieser Versuch, mit der Verfassungsgebung von 1946 (die Gründerverfassung der IV. Republik), wenigstens ein wenig Grandeur einer im Kern besiegten und gespaltenen Macht (nicht nur militärisch, sondern durch die Spaltung in einen kollaborativen Teil in Vichy politisch wie kulturell) über WKII hinaus zu retten, war damit gescheitert.

Gegen den Verlust des letzten Teils eines Empire in Nordafrika -dem was heute ein deutscher Ex-Außenminister der Grünen als „strategische Gegenküste“ zu Europa definiert- stemmte sich also eine Nation, die die Territorien über einen Weltkrieg hinaus als Inland betrachtet und behandelt hatte. Und das in einer Situation, da France Metropolitaine gerade selbst Okkupation und Barbarei auf grausame Weise erfahren hatte. In dieser nur als schizophren zu bezeichnenden (Stimmungs-)Lage musste schließlich Charles De Gaulle wieder als einende Figur fungieren; er war der Präsident während der Geschehnisse 1961 in Paris, Ministerpräsident war Michel Debré, der mit den Worten überliefert ist: „le combat pour l’Algérie française est le combat légal, l’insurrection pour l’Algérie française est l’insurrection légale“. Innenminister war Roger Frey, Gaullist der ersten Stunde. Zu diesem Bild passt, dass der später wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu Haft verurteilte Maurice Papon noch im Juli 1961 aus den Händen von De Gaulle die Auszeichnung als Commandeur der Ehrenlegion erhielt.

Das gestörte Verhältnis gegenüber einer eigenen als glänzend empfundenen Vergangenheit ist wieder gegeben und hat seine Fortsetzung gefunden in den Unruhen von 2005, da Nicolas Sarkozy Innenminister der nun V. Republik war. Die französische Hegemonie hatte ihren Ausdruck in der Politik der Françafrique gefunden, eine präsidiale Prärogative von der auch Mitterand keine Ausnahme gemacht hatte,  begleitet von der kulturellen Einrichtung der Frankophonie. Frankreich als Zentrum der Schicksale vor allem aus Afrika, erst dieses kreierte Bild  konnte und musste zu der massenhaften Zuwanderung nach Paris, Marseille, Lyon führen wie vorher aus Algerien.

Das zugrundelegende Selbstverständnis hat Sarkozy, nun selbst Präsident, bei seiner ersten Rundreise durch Afrika als Staatschef am 26. Juli 2007 an der Universität in Dakar/Senegal so formuliert (in dt. und frz. hier nachzulesen): „L’Afrique a sa part de responsabilité dans son propre malheur … Le drame de l’Afrique, c’est que l’homme africain n’est pas assez entré dans l’histoire.“  Doudou Diène, Senegalese und seit 2002 UN-Sonderberichterstatter für Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung, bezeichnete die Rede als „grundlegenden Stereotyp rassistischer Diskurse des XVII., XVIII. und XIX. Jahrhunderts.“

Dass die Aufarbeitung des 17. Oktobers 1961 auch auf eine Initiative von Mediapart zurück geht, spricht für den Willen, Licht auf die Zusammenhänge aus der Mitte jener France Metropolitaine zu werfen. Angesichts neokolonialer Albträume weltweit zumindest ein kleiner Moment des Innehaltens, in der Hoffnung, dass es nicht wiederum zum Alibi degeneriert.

e2m

2011/10/01

Zeichen auf Sturm

Italien – Die Tagesmeldungen an diesem 1. Oktober verheißen einen sehr sehr aufgeregten Herbst. Denn so sehr Staatspräsident Napolitano sich auch bemühen mag, die Wogen angesichts des verordneten Sparpakets zu glätten, die Lega Nord überschüttet ihn mit Hohn und Spott. Radio Padania lässt sich zu folgendem Vergleich aus: „Seit je her haben Diktaturen das Gedächtnis der Völker ausgelöscht. Das haben Stalin, Hitler und Ceausescu getan. Wir sollten also aufpassen und uns nicht zurück ziehen wie die, die die Sezession vom Aventin erklärt haben. Damals bekamen wir 20 Jahre Faschismus, jetzt wollen wir keine 20 Jahre Kommunismus.“ Und das alles mit Zustimmung eines Senators der Republik im Studio nebst entsprechenden hunderten Kommentaren der Legaforen auf facebook. Die Bürgermeister der „Padania“ haben ohnehin angekündigt, genügend Kleingeld zum Wurf wie bei weiland Bettino Craxi bereits zu halten.

Von links antwortet Sinistra Ecologia e Libertà des apulischen Regionalpräsidenten Nichi Vendola, der die Stunde der Alternative gekommen sieht und mit denen abrechnet, „die den Augenblick der Krise nutzen will, um mehr als hundertjährige Errungenschaften der ärmeren Klassen auszuradieren.“ Ein Vendola, der die Linke in seinem Land nicht mehr länger mit „Nabelschau beschäftigt“ sieht, sondern mit konkreten Schritten, zu Vorwahlen um die Kandidaten auszumachen, die ernsthaft die Regierung herausfordern. Lauter konnte der Fehdehandschuh gegen die aktuelle Führungsriege des Partito Democratico, der zweitstärksten Partei im italienischen Partei, nicht zu Boden krachen: D’Alema, Bersani, Rosy Bindi und Enrico Letta werden es wohl vernommen haben.

Derweil die Polizei bei la Repubblica eine Artikelserie beschlagnahmt und vom Netz geschaltet hat, die sich mit dem größten Kriminellen der letzten Jahre beschäftigt, Totò Riina. Der materielle Auftraggeber der Morde an Falcone und Borsellino plauderte darin u.a. von privaten Dingen, von seiner Jugend und hat so zu erkennen gegeben, dass er Privates sehr wohl zu veröffentlichen weiß. Ein unerhörter Verstoß gegen die omertà, das Gesetz des Schweigens der organisierten Kriminalität, der manche sich fragen lässt, wie sicher die Geheimnisse bei diesem Boss der Bosse noch aufbewahrt sein mögen. Repubblica schreibt selbst: Wahrscheinlich wollte Riina damit Botschaften versenden, an Freunde und Feinde. In einer Zeit, da die Morde an den Mafiaermittlern Falcone und Borsellino neu aufgerollt werden unter dem Gesichtspunkt einer „Saison der Verhandlungen“ zwischen Staatskräften und der Mafia, die den Nachfolger von Riina, Bernardo Provenzano, zum unangetasteten Chef der Mafia für die nächsten 20 Jahre gemacht haben sollen. 2011/10/01 e2m

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