Autoritäre Erziehung

[2024 an einem See in Berlin. Ein Junge spannt seine Zwille und will eine Futterkugel ins Wasser schießen, um Fische anzulocken. Sein Freund hält ihn erschrocken zurück und flüstert: „Du musst erst genau schauen, ob nicht irgendwo ein Schwimmer zu sehen ist, sonst kommt der Ströbel und holt Dich!“ Der andere schießt…]

Herrn Ströbele mochte ich eigentlich immer. Nicht naiv, mir ist schon klar, dass in jedem Menschen das Potential steckt, sich wie ein Vollidiot aufzuführen. Aber Herr Ströbele wirkte immer ziemlich entspannt, sympathisch und prinzipienfest (ob das nun gut oder schlecht ist). So habe ich mir einen Hippie vorgestellt, wenn er in die Jahre kommt.

Was ist denn nur aus den Hippies geworden? Love, Peace and Harmony? ‚Alles kein Problem Alter, sei mal locker.‘ Die Hippies sind erwachsen geworden. Aber so richtig!  Einer von denen war im Sommer schwimmen, nicht nackt (wegen der Privatsphäre!), jedoch da, wo es nicht erlaubt ist, immerhin, um der alten Zeiten willen.

In Form einiger junger Männer, die dem Angelsport frönten, stellte sich heraus, dass es einen Grund für das Verbot gab. Um die Fische anzulocken schossen sie Futterkugeln ins Wasser und trafen dabei die Frau Gemahlin des ergrauten Hippies. Dieser drehte sich erschrocken um, stellte erleichtert ihr wertes Wohlbefinden fest und machte sich an die Verfolgung der Übeltäter (1). Die, gar nicht klug, machten sich nicht vom Ufer, sondern stellten sich mutig dem schnaubenden Herren. Der stellte sie zur Rede, ob ihrer Untat (2).

Der Hinweis, es handele sich  um ein Versehen, ließ er nicht gelten, denn Unwissenheit schützt vor Strafe nicht (alte Hippieweisheit) (3). Auch, als das Schwimmverbot erwähnt wurde, sah der Mann keinen Grund seinen gerechten Zorn in Zaum zu halten (‚Wir waren doch nur zwei und sind auch ganz leise geschwommen, nicht mal nackt waren wir.‚)  (4).

Er nahm die Tatwaffe an sich (Hippies teilen alles). Ein erzieherisches Gespräch mit dem Übeltäter (13, männlich, keine Vorstrafen, noch!) war ebenfalls nicht ausreichend (4), denn ein Hippie weiß: Mit Worten mag man Kriege verhindern, junge Männer in der Pubertät sind ihnen jedoch nicht zugänglich.

Auf zum Jugendamt! Auf dem Jugendamt war man sich seiner Autorität nicht bewusst (5) und verwies an die Ordnungsmacht.

Auf zur Polizei! Endlich, die edlen Ritter von der Wache nahmen sich den in ihren Grundrechten verletzten, ja geschändeten Bürgern an und (6) nahmen eine Anzeige auf. Gegen einen 13 Jährigen. Wegen einer Schleuder.

Sechs Gelegenheiten habe ich gefunden, an denen der Herr Ströbele, von den Grünen sich hätte beruhigen und einen anderen Weg einschlagen können. Nicht so eine Welle zu machen.

Er hätte sich zum Beispiel mit den Jungen über das Paradox der Freiheit unterhalten können. Die Freiheit des alten Mannes und seiner Gemahlin im (ihnen nicht bekannten, also auch nix mit alten Zeiten) Schwimmverbot zu schwimmen und die Freiheit der Jungen ihrer Freizeitbeschäftigung nachzugehen. Oder er hätte mit ihnen über Güterabwägung diskutieren können (man merkt, ich bin kein Jurist!) das Gut der körperlichen Unversehrtheit seiner Frau gegen das Gut der Jungen sich nur bis zum Abschuss der Zwille Gedanken zu machen (wie das so ist mit 13, man handelt nicht immer klug). Ein Leben als Jurist und Politiker hätte ihn eigentlich befähigen müssen, so eine Situation souverän zu meistern, anstatt seinen Souverän zu meistern.

Doch anstatt die jungen Herren mit Argumenten davon zu überzeugen, dass sie, absichtlich oder unabsichtlich, Mist gebaut haben, gab er ihnen eine Stunde in der Verhältnismäßigkeit der Mittel und schöpfte er sein Potential aus.

[Die ganze Geschichte wurde nun vor einigen Tagen (22.11.11) in einem Blog veröffentlicht, mit einer Überschrift, die den Eindruck erweckte,  Herr Ströbele und nicht seine Frau habe Anzeige erstattet. Da selbst keine Zeit hatte, übergab er seinem Anwalt den Auftrag, die weitere Veröffentlichung zu stoppen. Das Ergebnis: Anwalt mahnt ab, Ströbele goes Streisand. Wahrscheinlich bekommt er davon eh nix mit.]

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