Ehrbezeugung für einen Kriegsverbrecher

Posted on 5. März 2016 von

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Massaker von Marzabotto – In Baden-Württemberg wurde ein Mann von seiner Heimatgemeinde mit einer Ehrenmedaille ausgezeichnet. Das sorgt nun in Italien für Empörung. Denn er ist ein verurteilter Kriegsverbrecher, der seine Strafe nie angetreten hat.

Für Bastian Rosenau, den Bürgermeister der Gemeinde Engelsbrand im baden- württembergischen Enzkreis war die Sache klar: Wilhelm Ernst Kusterer gebühre Anerkennung und deswegen eine Ehrenmedaille. Die erste überhaupt, die je am Ort verliehen worden ist. 22 Jahre lang (1975 bis 1997) war Kusterer Mitglied des Gemeinderates gewesen. Und er hatte sich mit „vielfältigem Engagement um die Heimatgemeinde verdient gemacht“, schrieb dazu die Pforzheimer Zeitung. Am 4. März 2015 wurde der damals 93-Jährige in einem Festakt ausgezeichnet.

Vor wenigen Tagen hat Walter Cardi von der Nachricht Kenntnis erhalten. Er ist Vorsitzender des Vereins, der sich zum Ziel gesetzt hat, das Gedenken an den Massenmord von Marzabotto bei Bologna aufrecht zu erhalten. In der Gegend hatte 1944 die 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer-SS“ gewütet. Alleine in der Zeit vom 29. September bis 5. Oktober fielen etwa 800 nicht an Kampfhandlungen beteiligte Zivilisten einer verbrecherischen Strategie zum Opfer. Die Resistenza, der bewaffnete Widerstand der Partisanen, sollte mit Methoden des schieren Terrors gebrochen werden: Durch Folterung und Ermordung der daheimgebliebenen Frauen, Kinder und Alten.

Nicht nur Cardi, der bei jenem Massaker einen gerade einmal zwei Wochen alten Cousin verlor, ist über die Ehrung von Kusterer entsetzt. Binnen eines Tages, berichten italienische Medien, sind Appelle an Bundeskanzlerin Angela Merkel und an die deutsche Botschafterin in Rom, Susanne Marianne Wasum-Rainer, gerichtet worden. Sie sollen, so die Intention etwa aus der Regionalregierung der Emilia-Romagna, dafür sorgen, dass die Ehrung wieder aberkannt wird. Für kommenden Montag haben Abgeordnete der regierenden Sozialdemokraten (PD) eine Dringlichkeitssitzung des Auswärtigen Ausschusses im römischen Parlament anberaumt. Es geht auch und wieder einmal um die Frage, wie Deutschland mit den in Italien begangenen Kriegsverbrechen umgeht.

Für die italienische Justiz wie für die Öffentlichkeit ist Kusterer ein rechtskräftig verurteilter Schwerverbrecher. In erster Instanz vor dem Militärtribunal von La Spezia noch freigesprochen, wurde er wie fast alle anderen 17 Mitangeklagten von einem Berufungsgericht in Rom zu lebenslanger Haft sowie zu Schadensersatz gegenüber den Hinterbliebenen verurteilt. Das Urteil, das gegen den ehemaligen Unteroffizier auf fortgesetzten Totschlag in Mittäterschaft lautet und in dem die besondere Schwere der Schuld festgestellt wird, ist seit dem 4. Oktober 2008 rechtskräftig. Auch wenn in seiner Abwesenheit verhandelt und ausgeurteilt: Kusterer hat sich über einen Wahlanwalt vertreten lassen und sich zur Sache eingelassen. Den Weg zum Kassationsgericht oder zum italienischen Verfassungsgerichtshof ist er nicht mehr gegangen. Ebenso wenig hat er die Strafe angetreten oder auch nur einen Euro an Schadensersatz geleistet.

Mit der Episode und der kommenden parlamentarischen Befassung ist ein beinahe vergessenes Kapitel wieder aufgeschlagen. Es lautet hierzulande „Das ungesühnte Verbrechen“ oder „In Italien verurteilt, in Deutschland straffrei„. Die Einstellungsverfügung der Stuttgarter Staatsanwaltschaft von 2012 zum Ermittlungsverfahren gegen die Beteiligten am Massaker von Sant‘ Anna di Stazzema schlug zwar hohe Wellen. Der zu der Zeit verantwortliche Staatsanwalt Bernhard Häußler in Stuttgart vertrat die Auffassung, dass der Tatnachweis nicht mit der erforderlichen Sicherheit geführt werden könne.

Häußler wurde aber nicht nur von einem Karlsruher Gericht, das auf Beschwerde hin tätig wurde, eines anderen belehrt. Sondern es sind die Verfahren gegen die KZ-Schergen John Demjanjuk und Oskar Gröning, die eine sichtbare Zäsur herbeigeführt haben und erkennen lassen – es kommt nicht notwendig auf den „Nachweis einer bestimmten Tötungshandlung“ an. Zu Gröning etwa schreibt das Landgericht Lüneburg 2015, dass er den Haupttätern „wissentlich Hilfe geleistet hat, indem er das insgesamt auf Tötung von Menschen ausgerichtete System des Konzentrationslagers Birkenau fortlaufend unterstützte.“

Gräben werden wieder aufgerissen: Aus Gutgläubigkeit. Oder Geschichtsvergessenheit

In Marzabotto wie bei dem Massenmord in Sant‘ Anna di Stazzema war die 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer-SS“ ausführende Einheit. Beide Orte und noch etliche mehr verbindet der verbrecherische Plan der sich auf dem Rückzug befindlichen deutschen Truppe nicht nur des Terrors, sondern der euphemistisch als „Repressalie gegenüber Partisanen“ getarnten Rachelust und Grausamkeit. Dies anhand von Zeugenaussagen und der Geschichtsforschung rekonstruiert und sichtbar gemacht zu haben, ist zweifellos ein Verdienst der italienischen Tribunale.

Ihnen blieb und bleibt bislang die letzte Konsequenz versagt. Der Täter habhaft zu werden, um sie der Strafe zuzuführen, wurde von einer in der Begründung sich ändernden, im Ergebnis gleichbleibenden deutschen Haltung hintertrieben: Für im Ausland begangene Taten werden mutmaßliche Täter grundsätzlich nicht ausgeliefert und im Inland nur ausnahmsweise Verfahren in Gang gesetzt. Das mag insbesondere für den deutschen Soldaten gelten, der der hartnäckigen Legende zufolge nur seine Pflicht erfüllt habe.

Dass sich die Erinnerung daran irgendwann durch Versterben der letzten Täter und Zeugen erledigen würde, ist aber eine Illusion. Denn in Italien sind die getöteten Kinder von Marzabotto (22 unter 1 Jahr, 80 unter 5 Jahren, 172 unter 10 Jahren) nicht nur in einem veröffentlichen Urteil unter ihren vollständigen Namen einsehbar. Sie sind, auch wegen des Zynismus‘, dass sie von den deutschen Armee-Berichten als „fiancheggiatori“, Helfershelfer der Partisanen gelistet wurden, im öffentlichen Bewusstsein zu Märtyrern erhoben.

Dem hilft Verschweigen nicht ab. Im Gegenteil trägt das wie jeder Versuch des Vergessenmachens zur Mystifizierung hier wie dort bei. Das erzählte gute Leben oder sogar die spätere Lebensleistung erweisen sich dann nur als ein wieder aufgelegter Persilschein.

Weder eine Kanzlerin noch eine Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland können dem abhelfen. Das können nur die, die in geschichtlicher Ignoranz oder vielleicht sogar Gutgläubigkeit einen Mann ausgezeichnet haben, der die Ehre keineswegs verdient. Es ist an ihnen, dafür zu sorgen, dass die fürchterlichen Gräben, in Kriegsjahren aufgerissen und in 70 Jahren mühsam überbrückt, nicht wieder trennen. Das wenigstens sollte denen, die den Frieden genießen durften, möglich sein. e2m