Homöopathie und Ich V – Mystik und Transparenz

Posted on 15. Februar 2012 von

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[Alle Texte der Serie werden hier, der Reihe nach, gesammelt veröffentlicht, damit man sie gesammelt lesen kann.]

In diesem Teil werde ich weitere Beispiele anführen, die meiner Ansicht nach zeigen, dass Homöopathie aufgrund ihrer Struktur in heutiger Zeit eher schadet als nutzt. Dabei geht es mir nicht nur um die “Behandlung” an sich, sondern auch um das damit einhergehende Selbverständnis und dessen Folgen. Ich werden versuchen zu zeigen, dass das Problem im Kern der Homöopathie liegt und nicht in verirrten Schäfchen, die sie nicht “richtig” durchführen.

Im letzten Teil ging es um infektiöse Erkrankungen, deren Gefahren und teilweise Existenz von Homöopathen bestritten wird, weil in Hahnemanns Organon nichts davon steht (ein anderer Grund fällt mir nicht ein). Mit infektiösen Erkrankungen mache ich hier weiter.

Auf einer Seite, die homöopathische Mittelchen für viele Leiden aufführt, findet man auch eines für…

„Scharlach
Betroffene haben bläulich-rote, angeschwollenen Mandeln, dazu starke Schluckbeschwerden [Anm.: Das können Zeichen für Scharlach sein]. Betroffener redet viel, Beschwerden treten eher links auf, Kinder ertragen nichts Einengendes am Hals oder am Bauch, Betroffener will viel Kaltes trinken. Verschlimmerung nach dem Schlafen, beim Schlafen, durch Wärme, bei Wetterumschwung von kalt nach warm. Besserung durch Ausscheidungen, etwa durch Schwitzen, Schnäuzen, nach dem Klo – Lachesis

Scharlach mag sich harmlos anhören, ist jedoch eine Erkrankung, die schwere Spätfolgen haben kann, wenn sie nicht vernünftig behandelt wird. Zu den Spätfolgen gehört unter anderem das rheumatische Fieber. Dazu heißt es auch “Das rheumatische Fieber leckt die Gelenke aber es beißt das Herz“. Damit wird die Gefahr der möglichen Zerstörung von Herzklappen nach einer Scharlachinfektion beschrieben. Ohne Herzklappen hilft auch die Behandlung der seelischen, metaphysischen oder spirituellen Ebene nicht mehr. Höchstens noch zur Karmakosmetik, für das nächste Leben.

Auch um sich akut zu schaden ist Lachesis geeignet:

„Darm – Blinddarmreiz
Drohende Blutvergiftung und drohendes septisches Fieber. Betroffener hat zwischendurch Frost, schwitzt nicht, hat einen trockenen Mund und viel Durst, manchmal Übelkeit und Erbrechen. Lachesis D12 – Zweimal eine Gabe pro Tag“

Auf der Seite steht unten ganz klein, wie es sich gehört, der Hinweis: “Die hier gefundenen Informationen ersetzen keinen Arztbesuch! Wenden Sie sich bei Krankheiten und Beschwerden an einen Homöopathen oder Arzt!” Damit sind die Betreiber der Seite aus dem Schneider. Der oder die Ratsuchende noch lange nicht. Es kann nämlich sein, sie treffen auf einen Homöopathen (Arzt inklusive) der die Schriften von Adolf Voegeli gelesen hat. Der schreibt in seinem Werk “Homöopathische Therapie der Kinderkrankheiten” zum Thema Blinddarmentzündung:

“Die Appendizitis wird heute allgemein als chirurgische Krankheit betrachtet, weshalb ein homöopathischer Arzt bei einem Versager mit Unannehmlichkeiten zu rechnen hat. Aus diesem Grund empfehle ich deshalb, die akute Appendizitis der Chirurgie zuzuführen. Das ist jedoch nur eine Konzession an die heute herrschende Meinung.”

Einem Versager droht in diesem Fall der Tod, mindestens jedoch ein langer Klinikaufenthalt. Natürlich kann man eine Blinddarmentzündung, die nicht operiert wird, überleben. So wie man auch den Sturz aus dem 6. Stockwerk überleben kann oder eine Tetanusinfektion.

Herr Voegeli weilt nicht mehr unter den Lebenden, sein Werk ist jedoch noch zu haben, ich habe seine Worte in einer Aachener Buchhandlung lesen dürfen. Andererseits, wer hat denn schon eine Blinddarmentzündung? Oder Scharlach? Wie wäre mit etwas konkreterem, einer Verbrennung vielleicht? Wie behandelt man homöopathisch eine Verbrennung (nicht eine homöopathische Verbrennung)? Man wendet das simile Prinzip an! Nach dem Unfall lässt man heißes Wasser über die Verbrennung laufen, bis der Schmerz verschwindet. Ein Homöopath mag darin die Aktivierung von Selbstheilungskräften sehen, der “Schulmediziner” würde von absterbenden Nervenfasern sprechen. Die Alliance of Registered Homeopaths empfiehlt genau diese Therapie und verlinkt einen Beitrag, auf irgendeiner anderen Zirkusseite zur Homöopathie, wo jemand erzählt, wie er oder sie das eigene Kind gequält hat.

Zur Beruhigung und allgemeinen Erbauung darf sich jetzt jeder jeweils die albernste Behandlung und das alberenste Mittel ausdenken. Homöopathisch, versteht sich. Und dann werde ich jeweils etwas noch alberneres aus den Tiefen des Netzes zaubern. Fertig? Los.

Die Behandlung der Stahlenkrankheit.

„Homeopathy is a truly diverse and deeply effective natural health care system for every illness under the sun. Including radiation. How is this possible?“

Vielleicht wird bei einem der Patienten die Strahlenkrankheit mit diesem Mittel behandelt: Tyrannosaurus rex.

Im dritten Teil hatte ich ein Zitat von Prof. Walach von der Viadrina aufgeführt. Das Interview in dem er sich zu dieser Perle hinreißen ließ, erschien auf einer Internetseite, die sich sehr um die Homöopathie bemüht und da Homöopathie ein internationales Geschäft ist, gibt es auch Interviewpartner aus anderen Ländern. Zum Beispiel aus Indien.

Indien scheint mir so eine Art gelobtes Land der Homöopathie zu sein. Ich stoße zumindest immer wieder auf Hinweise, in Indien sei Homöopathie enorm populär. Die Menschen dort sind vielleicht noch “ursprünglicher” und noch nicht von der Zivilisation verdorben wie wir. Ich zumindest. Auf dieser Seite wurde auch ein Dr. Manchanda interviewt. Der arbeitet auch in Indien und schreibt auf seiner Website:

„Homeopathy is proven to be very effective in the beginning stages of cancer.“

In frühen Stadien von Krebs hilft auch beten, habe ich gehört. Nicht fehlen sollte auch:

„Homeopathy doesn’t claim the cure to AIDS as yet, but helps the AIDS cases to slow down the progress of immunodeficiency for years without any further complications“

Ist das nicht toll? AIDS wird behandelt, ohne die teuren Medikamente und Nebenwirkungen in Kauf nehmen zu müssen! Ja, es ist so schön, dass einem vor Freude übel wird. Ein Kollege des Doktors arbeitet umsonst und sogar kostenlos, ebenfalls mit dem Ziel Menschen mit AIDS zu helfen.

Dr. Mitra has developed a homeopathic protocol for HIV/AIDS that he thinks may be a hope to millions of people suffering from HIV/AIDS in the world today.

Inder müsste man sein, da wirkt Homöopathie nicht nur bei Schnupfen, sondern auch gegen AIDS!

Dann war da noch diese andere von Dr. Manchanda erwähnte Erkrankung: Krebs. Auch hier gibt es Therapeuten, die selten an ihre Grenzen kommen. Wir sind in Arizona, in einer Klinik, die den ganzen Menschen behandelt.

The importance of balance in your leukemia treatment cannot be overstated.  Leukemia is a cancer of the blood or bone marrow that is characterized by an abnormal disease in white blood cells. Dr. Paul Stallone and the staff offer an alternative leukemia treatment to work in tandem with your traditional treatment for leukemia. Learn about homeopathic medicines, immuno-modulation, nutrition therapy, and other modalities our center offers.

Eine kleine Einschränkung scheint es zu geben, vielleicht eine Konzession an die heute herrschende Meinung, man wird in der Klinik auch traditionell behandelt, womit wohl Chemotherapie und Bestrahlung gemeint ist. Merke: Älter als 200 Jahre: Modern. Jünger als 100 Jahre: Traditionell. Man nennt das auch chronologisches Simileprinzip.

Lansam wird es langweilig und Zeit wieder in die Heimat zu kommen. Denn was die verrückten Inder und die merkwürdigen Amerikaner machen, ist eine Sache. Doch im regulierten und vernünftigen Deutschland sieht es ein wenig anders aus. Immerhin gibt es hier einen Verein echter Ärzte, die sich mit Homöopathie beschäftigen und für die Qualität der Behandlung sorgen. Die Ansichten Ravi Roys zu Tetanus und Tollwut scheinen den Verantwortlichen dort keine Sorgen zu machen, werden doch seine Bücher auf der Website empfohlen und Roy bei Referenten, neben George Vithoulkas, als Referrenz genannt.

In einem Interview mit einer Studentenzeitschrift wird deutlich, dass auch Dr. Saine aus Kanada seine Grenzen als Therpeut ziemlich weit steckt.

„In seiner großen Praxis in Montreal behandelt Dr. Saine fast ausschließlich schwerstkranke Patienten wie psychiatrische Krankheitsbilder, Aids, MS, Epilepsie, Autoimmunerkrankungen, Nierenversagen, Krebs mit dem Ziel, den Wirkungsbereich und die Möglichkeiten der Homöopathie zu erweitern.“

Dr. Saine taucht beim DZVhÄ als Referent bei diversen Vorträgen auf, von ihm sollte man nicht zuviel erwarten, wenn es um Grenzen der Homöopathie geht. Er scheint die Qualitäten von mindestens 5 Fachärzten in sich zu vereinen, traut er sich doch zu ein sehr heterogenes Krankheitspektrum abzudecken.

Auch der Homöopath Dr. Manchanda wird auf den Seiten des DZVhÄ gewürdigt. Die Wasserheiler dieser Welt, vereint unter dem Dach des Sprachrohrs für Homöopathie in Deutschland.

Adolf Voegeli (der mit dem Blinddarm) taucht in vielen Biografien von Mitgliedern auf der Website des Vereins als Ausbilder oder Vorbild auf. Ebenfalls dort zu finden ist dieses Zitat Voegelis:

“Den guten Homöopathen erkennt man daran, dass auf seinem Schreibtisch der Kent und der Boericke liegen.”

James Kent Taylor war Homöopath in den USA und ist 1916 gestorben. Ich möchte an dieser Stelle die Frage in den Raum stellen, wer sich von einem Hausarzt behandeln lassen würde, der seine Therpieentscheidungen auf Basis eines Buches von 1916 trifft. Aber das ist wirklich nur ein Kleinigkeit, denn Kent wird uns nun erklären, worum es sich bei “Psora” handelt.

“Die Psora ist also die Grundursache aller Krankheiten des Menschen, sie war die erste, die Urkrankheit der menschlichen Rasse. Sie ist eine Ordnungsstörung im Innern des menschlichen Organismus. Diese Ordnungsstörung wirkt sich in Form der allerverschiedensten chronischen Krankheiten aus, der allerverschiedensten chronischen Krankheitsmanifestationen. Wäre die menschliche Rasse nie von der Ordnung abgewichen, so wäre die Psora nie ins Leben getreten.”

Nun wissen wir es, Hahnemann hat in der Psora den Urgrund gesehen, wusste aber nicht Recht, was es ist. Und Kent wird es uns jetzt gleich sagen. Und, liebe Frauen, wenn ich das richtig verstehe…aber lest selbst.

“Hier sei nur gesagt, dass sie [Anm: die Psora] zusammenhängt mit dem ersten großen Fehltritt des Menschen, der Ursünde, welche die erste Krankheit des Menschen gewesen ist, ich verstehe darunter die geistige Aberration, diesen Primärzustand, der der gesamten menschlichen Rasse die Anfälligkeit für die Psora einbrachte und welche ihrerseits die Grundlage für alle weiteren Krankheiten gab.”

Willkommen im 21. Jahrhundert.

Epilog

Jeder einzelne dieser, in den fünf Teilen vorgestellten Bausteine, wäre amüsant oder kurios, nicht der Rede wert. Doch in Zusammenschau, da gruselt es mich jedes mal ein bisschen mehr. Homöopathie ist ein mystisches Konzept, dem eine eigene Ideologie innewohnt, deren Teile an vielen Stellen zu finden sind. Ich habe nichts gegen mystische Konzepte, solange ich nichts damit zu tun habe und den Teilnehmern offen kommuniziert wird, wo sie mitmachen. Wer auf das mystische Konzept der Homöopathie verzichten kann, benötigt auch keine Globuli, sie sind, ich wiederhole mich, wirkungslos.

Vor kurzem hörte ich in einem Podcast, viele Menschen nähmen Alternative Medizin nicht in Anspruch, weil sie unzufrieden mit konventioneller Medizin wären, sondern weil es sie gibt. Weil Menschen, die sich (vermeintlich) damit auskennen, behaupten, es funktioniere. Ich hoffe und vermute oft im besten Glauben. Darum sage ich, wieder und wieder, nach bestem Wissen, es funktioniert nicht*. Was Ihr damit macht, ist mir egal. Hauptsache Ihr bleibt gesund!!!

 

 

*Nicht besser als eine entsprechende Scheinbehandlung, soviel Zeit muss sein.

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