Kopf einer Statue

Leben und Sterben in Indien

Der größte Ärger, den ich mal mit jemandem hatte, dem nicht gefiel was ich über Aberglauben (in dem Fall Homöopathie) schreibe, war der Versuch meinen echten Namen herauszufinden und zu veröffentlichen. Mir hat das damals ein wenig Kopfzerbrechen gemacht, blieb ansonsten aber ohne Folgen, weil erfolglos.

Über Indien schrieb ich bereits früher, es wirke, wie das gelobte Land der Homöopathen. Können sie dort doch, frei von den Grenzen, die ihnen in unseren Breiten gesetzt werden, behaupten Homöopathie heile alles, auch Krebs oder AIDS. Und auch als Beleg für die Wirksamkeit der Homöopathie wurde der Erfolg dort benutzt. Mittlerweile kann ich ein wenig besser nachvollziehen, warum das verabreichen von Wasser und Zucker im Rahmen eines magischen Rituals in Indien so erfolgreich ist. Das Land hat ein Problem mit Aberglauben, ein großes Problem.

Am 20. August 2013 wurde der indische Rationalist Narendra Dabholkar von zwei Unbekannten von einem Motorrad aus erschossen. Das ganze passierte kurz nachdem klar geworden war, das ein unter anderem von ihm initiiertes Gesetz demnächst zur Abstimmung gebracht werden wird. Darin geht es um das Verbot betrügerischer und ausbeuterischer Praktiken durch selbst ernannte Gottesmänner. In einem Land, in dem man einer nicht unerheblichen Anzahl von Menschen wirkungsvoll damit drohen kann, sie zu verfluchen (oder verfluchen zu lassen) dürfte das Machtpotential von Priestern jeglicher Geschmacksrichtung erschreckend sein.

„Aber“, werden kritische LeserInnen schnell einwenden, „verwechselst Du nicht Korrelation mit Kausalität?“ Es könnte ja sein, das zufällig zwei Personen von einem Motorrad aus vier Schüsse auf einen älteren Herren bei seinem Morgenspaziergang abgeben, einige davon in seinen Kopf. Dann flüchten sie, ohne ihm etwas zu stehlen. Das ganze kurz nachdem ein Gesetz die ersten Hürden nahm, welches von extremistischen Hinduorganisationen massiv attackiert wird. Das ist natürlich möglich, wenn auch eher unwahrscheinlich. Denn dass man mit Kritikern übernatürlicher Phänomene nicht zimperlich umgeht, hatte sich auch bereits Ende letzten Jahres gezeigt.

Nachdem Sanal Edamaruku ein durch die örtlichen katholischen Geistlichen proklamiertes Wunder, nämlich von den Füßen einer Jesus-Statue tropfendes Wasser, als Folge von Kapilarkräften und einer undichten Toilette entlarvte, bekam er echte Nächstenliebe zu spüren. So versuchte der örtliche Bischof mithilfe eines Blasphemieparagraphen aus dem 19. Jahrhundert Edamaruku hinter Gitter zu bringen. Vorher hatte er mit ihm in einem TV-Studio debattiert und war argumentativ unterlegen. Vor dem Studio warteten nach der Sendung bezahlte Schläger, um die Diskussion mit Edamaruku fortzusetzen, was nicht gelang. Edamaruku hat das Land verlassen und befindet sich im Exil. Im Exil, wegen einer Statue an der Abwasser heruntertropft?

Nach Edamarukus Feststellung, dass kein Wunder vorliegt, brachen die Pilgerströme zur Statue abrupt ab und damit auch die Ströme weltlicher Währung, mit denen man gedacht hatte die örtliche Kollekte aufzubessern. Letztlich wird also ein heiliger Grund vorgeschoben um eine weltliche Motivation zu verdecken. Business as usual. Vielleicht hat man ihm auch noch nicht verziehen, dass er ein Mutter Theresa zugeschriebenes Wunder zum  weltlichen Phänomen degradierte. Eierstockkrebs nicht geheilt durch ein Foto Theresas, sondern Menschenhand, ärgerlich.

Dass indische Rationalisten viele Gelegenheiten haben, sich unbeliebt zu machen, konnte man auch 2010 bereits eindrucksvoll sehen. Während mir Tantra bisher als Möglichkeit bekannt war, seinem Sexleben endlich etwas Spirituelles hinzufügen, kann man Tantra auch dazu nutzen, Menschen umzubringen. Sagen die Tantriker. Und so hüpfte und summte 2010 ein tantrischer Priester (von dem ich deutlich mehr Sexappeal erwartet hätte) um Sanal Edamaruku herum und versuchte ihn tantrisch zu töten (auch nicht sehr sexy, ich muss wohl mein Bild von Tantra überdenken). Es hat nicht funktioniert, dabei hat er es fast eine Stunde, live im TV probiert. Wenn man den unmittelbaren Tod als Endpunkt wählt, ist sogar N=1 eine ausreichende Stichprobe.

Dass auch Menschen mit akademischer Ausbildung dazu neigen können, ein übernatürliches Phänomen zu sehen, wo eine menschliche Tragödie vorliegt, berichtete die Bernd Harder in dem Beitrag ‚“Spontane Selbstentzündung” oder Kindesmisshandlung?‚. Schauplatz: Indien

Leider hat niemand versucht Dabholkar tantrisch zu töten, das wäre zwar Anfangs lächerlich, später langweilig, ist aber nie gefährlich. Leider sind Projektile weder feinstofflich noch sie oder ihre Folgen durch Magie beeinflussbar. Die Physik von Projektilen versteht selbst der größte Dummkopf intuitiv und kann sie nutzen. Wenn man etwas Positives aus dem Tod von Dabholkar ziehen will, ist jeder der vier Schüsse ein Eingeständnis seiner Gegner, dass es Magie nicht gibt. Ein Umstand den seine Familie, Freunde und Wegbegleiter im Moment bedauern dürften, denn selten zeigt sich eine rationale Weltsicht so harsch, als wenn man einen geliebten Menschen verliert.

8 Gedanken zu “Leben und Sterben in Indien

    1. In einem Artikel vom 26.08.13 (also bei uns noch in der Zukunft) heißt es: „With a breakthrough in the Dr Narendra Dabholkar’s murder case proving elusive (…)“
      Falls der Kommentar ironisch gemeint war, trage ich gerne ein Zwinkerauge nach…

      Gefällt mir

  1. „Dabholkar ist eines natürlichen Todes gestorben“

    Klar, natürlich. Sämtliche Rohstoffe der Projektile kommen auf der Erde ganz natürlich vor. Eisen ist besonders im Erdkern sehr stark vertreten…..

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s