Arznei – (nicht nur) ein sprachliches Problem

Auch Hühnerbrühe kann ein „Mittelchen“ sein

Big Pharma ist das, was gemeinhin als die Zusammenfassung der größten pharmazeutischen Unternehmen der Welt bezeichnet wird. Die Firma Boiron gehört nicht dazu. Denn einerseits sind die Umsätze solide und nicht gerade weltbewegend (auch wenn die Nettoergebnisse sich sehen lassen können). Andererseits darf mit Fug und Recht gefragt werden, ob das Unternehmen denn überhaupt Arzneien herstellt.

Nach deutscher Rechtslage dürften kaum  Zweifel aufkommen. Die EG-Richtlinien 2001/83/EG und 2001/82/EG sowie das Arzneimittelgesetz subsumieren darunter auch Produkte, die, losgelöst von ihrer tatsächlichen Wirkung, zum Zweck der Heilung angewendet werden. Gesetzes- und Pharma-Koryphäen, die diese Definitionen aufgestellt haben, sind freilich nicht das gemeine Volk. Das erwartet sich von einer Arznei eigentlich nur eines: Dass es hilft, wobei Hilfe und Wirkung nicht selten synonym verwendet werden, weil Wunsch Vater des Gedankens ist.

Im Juli hatte der italienische Blogger Samuele Riva einen noch fragmentierten Artikel ins Netz gestellt („Homöpathie: Mythos und Legende“, Original hier, deutsche Übersetzung hier), der sich näher mit der Frage beschäftigt, wie denn Homöopathie eigentlich wirke, bzw. wie etwaige Wirkungen angepriesen werden. Das hat ihm die heftige Reaktion des Familienkonzerns Boiron eingebracht, der den Provider von Samuele angeschrieben und aufgefordert hat, „sämtliche oben genannten Artikel von ‚Samuele‘ sowie die Bezugnahmen auf unsere Medikamente und Unternehmen zu entfernen“ sowie „jeden Zugang zu ‚blogzero.it‘ zu sperren“. Über den Vorgang gibt es mittlerweile reichhaltige Literatur im Netz, angefangen beim British Medical Journal über Droit-medical.com, La Repubblica, kidmed.org, die Skeptiker bis hin zu einer nicht ganz vollständigen Liste von Blogs und Publikationen, die Samuele selbst zusammen gestellt hat. Der Streisand-Effekt ist auf allen Bildschirmen; soviel zur Wirkung.

Der Vorgang lässt sich nicht darauf reduzieren, dass es in Italien mittlerweile schlechter Brauch geworden ist, missliebige Sachbeiträge im Netz mit Klageandrohungen (und dann tatsächlich mit horrenden Zahlungsklagen) zu überziehen. Insoweit braucht sich Deutschland mit dem wie geschmiert funktionierenden Abmahnwesen nicht zu … beklagen.

Die Frage dürfte eher sein: Wenn Boiron tatsächlich die Angelegenheit vor Gericht trägt, was will dann das Unternehmen eigentlich dartun – dass Riva die von ihm zitierte und auf das Homöopathie-Prinzip angewandte Avogadro-Konstante falsch verwendet hat? Dass Wirkung, Wirksamkeit, das aktive Prinzip nach den Regeln von Korsakow doch funktionieren, wenn auch nur irgendwie? Denn es muss klar sein: Samuele Riva hat sich mit seinem Artikel mit einigen der Grundpfeiler der homöopathischen „Pharmazeutik“ auseinandergesetzt und daran (!) seine Kritik fest gemacht. Das muss, das kann Boiron (Eigenwerbung 2008: „world leader in homeopathic medicines“) natürlich nicht gefallen. Aber es ist weder Schmähkritik noch billige Herabwürdigung. Alles andere fällt in die Beweislast des Unternehmens.

Um den gleichen Zeitraum hat die Süddeutsche online einen netten kleinen Artikel unter dem Titel „Ein Huhn für 5000 Liter Suppe“ gebracht und sich dabei auf eine Untersuchung der Verbraucherzentrale Hamburg berufen. Die hatte nichts anderes getan, als Mengenangaben auf einer Instant-Brühe hoch zu rechnen und ein Bild des betreffenden Produkts online zu stellen. Kann es sein, dass bei Huhn in homöopathischen (aber noch nachweisbaren) Dosierungen dessen gackerndes Prinzip mit ein bisschen Verschütteln zur Arznei wird? Es ist ja altes Hausrezept bei fiebriger Erkältung – Bettruhe, Wadenwickel und Süppchen. e2m

[italienische Fassung des Artikels]

3 Gedanken zu “Arznei – (nicht nur) ein sprachliches Problem

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