Homöopathie: Mythos und Legende (3)

Posted on 15. September 2011 von

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geschrieben von Samuele (*)

Jetzt, da wieder Ruhe eingekehrt ist, können wir ohne Hast schreiben und reflektieren … aHomöopathielso mache ich mit dem dritten Teil meiner Serie von Postings über die Homöopathie weiter (hier zum ersten Teil und zu dem zweiten).

Ich will vermeiden, das zu wiederholen, was schon viele andere vor mir und besser als ich gesagt haben; der Zweck ist, die Konzepte so weit zu vereinfachen, dass sie für alle verständlich werden und vielleicht auch angenehm zu lesen … wenn es aber dann so sein sollte, dass mir eine persönliche Meinung ausreißt, die Euch nicht überzeugt, könnt Ihr sie gerne in den Kommentaren bestreiten.

Vorbeugend weise ich darauf hin, dass Ironie gegenüber gewissen Multis hochgradig verdünnt werden wird, um weiteren Missgeschicken zuvor zu kommen.🙂

Gute Lektüre …

Wisst Ihr, dass das italienische Gesetz eine Präsenz von 10 Mikrogramm Arsen je Liter in Mineralwassern (die in Flaschen, aber auch die aus dem Wasserhahn) erlaubt? [Quelle]

Nehmen wir zum Beispiel das berühmte und teure Wasser Ferrarelle.

Die Daten des Euro Geo Surveys, auf „Le Science“ in Italien veröffentlicht, die Ihr aber der Einfachheit halber hier (pdf) findet, weisen auf eine Menge von 6,81 Mikrogramm Arsen pro Liter Wasser hin. Diese mäßige Menge des tödlichen Arsens ist offensichtlich nicht als gefährlich einzustufen, weil sie ohne weiteres vom Körper absorbiert wird.
Ihr werdet es kaum erraten, aber diese geringe und unschädliche Menge an Arsen entspricht einem homöopathischen Mittel C4 (4 Mal centesimal verdünnt), was von Homöopathen als ziemlich geringe Verdünnung erachtet wird!

Also wäre es so, dass eine leicht verdünnte Menge des tödlichen Arsens Wasser nicht in Gift verwandelt, wir es im Gegenteil jeden Tag trinken, während eine homöopathische Mixtur, die über hundert- und hundertfach stärker verdünnt ist die Wirkung hätte, uns von Krankheiten zu heilen?
Erscheint Euch das nicht ABSURD?  

Wasser Hahn HomöpathieDas wird doch kein Komplott der Wasserwerke sein?

Leider kennt ein Großteil der Personen, die Homöopathie verwenden, keine Einzelheiten zu Verdünnungen und assoziiert mit Homöopathie eine „natürliche“ Medizin (ich hoffe, dass diese Veröffentlichungen eine Hilfe sind!).

Es gibt aber auch eine gut informierte Minderheit, die an homöopathischer „Medizin“ teilnimmt und jedenfalls aus ihr Nutzen zieht, und diese Minderheit teilt sich in zwei Gruppen:

1) Jene, die im Bewusstsein der wissenschaftlichen Unmöglichkeit der Homöopathie den Diskurs auf die Ebene der Metaphysik/Religion verschieben, wodurch jeder rationale und seriöse Dialog unmöglich gemacht wird: ihr Glaube ist unerschütterlich;

2) Einige Helden, die unerschütterlich eine rationale Bedeutung in der Homöopathie suchen, trotz der Evidenz der Avogadro-Konstante und der Unlogik zu Verdünnungen, wonach diese die Potenz des Mittels erhöhen würden. Diese Gruppe verschiebt die gesamte Aufmerksamkeit auf die Quantenphysik oder auf ein „Gedächtnis des Wassers“, vor allem aber auf die Dynamisierung des „Medikaments“

Ich wiederhole es für die, die vielleicht eine Folge verpasst haben: Nach jeder Verdünnung wird das Präparat kräftig „geschüttelt“, um die minimale Menge der vorhergehenden Verdünnung mit dem Wasser (oder Alkohol) der nächsten zu vermischen. Diese Vermischung wird „Dynamisierung“, „Potenzierung“ oder, nach einem Anfall von Phantasie eines Homöopathen, „Succussion“ genannt. (siehe zu weiteren Einzelheiten die vorhergehenden Artikel)

Aber schauen wir uns einmal die Entstehung dieser Mittel genauer an.

Wie produziert man ein homöopathisches Mittel?

1) Nehmt eine Pflanze/ein Insekt/Teile eines Tieres von denen Ihr meint, sie könnten ähnliche Symptome hervorrufen wie die Krankheit, die Ihr kurieren wollt. Weicht es für eine Zeit in Alkohol oder Wasser ein und zwar weg von Licht, um zu vermeiden, dass dieses die Chemie der ursprünglichen Lösung beeinträchtigt (sic).

Der Begründer der Homöopathie (Hahnemann) verwendete üblicherweise „Mustela foetida“ (Extrakt aus der Analdrüse des Stinktieres), „Periplaneta americana“ (amerikanische Großschabe), „Pediculus capitis“ (Kopflaus) und „Pulex felis“ (Katzenfloh), also …lasst Eurer Phantasie freien Lauf!

2) Nach einer gewissen Zeit (so lange es eben braucht), wringt alles aus, um den flüssigen Teil der Ursprungssubstanz zu extrahieren. Wir haben die „Urtinktur“.

3) Potenziert die Tinktur durch Verdünnung mit Wasser oder Alkohol. Je stärker Ihr sie verdünnt, desto besser ist es. Bei jeder Verdünnung führt Ihr die Dynamisierung durch, wie es Hahnemann anordnet (100 wuchtige Schläge gegen ein Buch mit festem Einband, das eben auf einem Tisch liegt). Wir haben das homöopathische Mittel!

4) Bringt einen Preis an, der im direkten Verhältnis zur Anzahl der Verdünnungen steht.

Die homöopathische „Magie“ steckt demzufolge ganz in der Phase der „Succussionen“: Ohne sie würde die ganze Homöopathie so offensichtlich zusammenfallen wie eine Sandburg: In Quellen finden wir Hunderte von Substanzen, die im Wasser in verschiedenen Prozentwerten verdünnt sind … wie kommt es aber, dass wir beim Trinken keinen Nebenwirkungen ausgesetzt sind?
„Erinnert“ sich das Wasser der Moleküle eines aktiven Prinzips nur, wenn es den Homöopathen nützt, während es ansonsten vergisst?

Die Pro-Homöopathie erklären die offenkundige Inkongruenz mit dem Fehlen einer „Dynamisierung“ der Lösung, die die wahre heilende Potenz aktiviere … aber wenn es tatsächlich so wichtig ist, dann schauen wir uns an, worin diese magische Energisierung besteht! Es wird doch eiserne Regeln zu befolgen geben, Utensilien dafür geschaffen, die exakte Menge an Kraft herzustellen, die erforderlich ist, damit das Wasser das Mittel „memoriert“ … oder doch nicht? Ich nehme es vorweg: NEIN.

Hier ein interessantes Video:


Die magische „Succussion“

Zu Scherzen aufgelegt?

Gibt es tatsächlich Menschen mit wissenschaftlichem Hintergrund, die bereit sind, zu glauben, dass diese Bewegung die außerordentlichen Wirkungen haben kann, von denen die Homöopathen das Loblied singen?

Ich sage AUSSERORDENTLICH nicht nur, weil diese Dynamisierung „die Befreiung der Energie eines Pharmazeutikums bewirkt“, sondern weil sie gleichzeitig nicht alle anderen molekularen Bestandteile, die im Wasser enthalten sind, „energisiert“!

Natürlich, denn 100% reines Wasser, bestehend ausschließlich aus H2O, existiert in der Natur nicht, es enthält immer irgendeine Verunreinigung. Und was wird aus den „dynamisierten“ Verunreinigungen?
Wenn ein homöopathisches Produkt hergestellt wird, wo wird das Wasser dafür entnommen? Wie ist zu vermeiden, dass es sich der Rohre erinnert, durch die es fließt, der Verunreinigung des Flacons, der Luftmoleküle, mit denen es unvermeidlich zwischen einer Verdünnung und der nächsten in Berührung kommt? Wie ist es zu vermeiden, dass während der Succussion sehr viele Atome des Behälters selbst Teil der Lösung werden?

Ich kürze ab: Es reicht, Logik anzuwenden, um zu verstehen, dass die Verdünnung plus Succussion ein schamanischer Ritus ohne wissenschaftliche Grundlage ist.

Aber es funktioniert doch … oder nicht?

Kommen wir zum Kern des Problems.

Ganz viele Menschen (Millionen alleine in Italien) verwenden homöopathische Mittel auf breiter Basis, wobei sie recht zufrieden mit den Ergebnissen sind und zwar so sehr, dass sie weiterhin bedeutende Beträge ausgeben in dem Glauben, bestimmte Krankheiten zu heilen oder ihnen vorzubeugen.

Dann funktioniert die Homöopathie also doch, und das einzige Problem ist, dass wir nicht verstehen, warum? Die Antwort ist JEIN.

Bevor der Grund dieser Antwort angegeben werden kann, ist es erforderlich ein wenig auszuholen: Was ist und wie funktioniert Wissenschaft?

  • Wissenschaft ist die Gesamtheit der Kenntnisse, die durch einen methodischen und systematischen Prozess gewonnen worden sind, um zu einer präzisen und objektiven Beschreibung der Wirklichkeit der Dinge und der Gesetze, die sie beherrschen, zu gelangen (it. wiki).
  • Weit entfernt davon, perfekt zu sein, kann Wissenschaft nicht auf alle Frage eine Antwort geben und ist nicht in der Lage, absolute Wahrheiten zu verkünden. Und in der Tat, auch wenn sie kontinuierlich Fehler begeht, so lässt sie deren Korrektur zu: Das ist der Fortschritt.

Jedem ist klar, dass Homöopathie beiden oben stehenden Prämissen widerspricht: Sie ist nicht in der Lage, objektiv ihre (hypothetische) Funktionsweise zu beschreiben und ist in der Sache selbst gegen jeden Fortschritt. Sie beruft sich auf die Tradition und auf Ideen ihres Begründer-Propheten Hahnemann aus dem 19. Jahrhundert. Daran hat sich seitdem praktisch nichts verändert, während die „offizielle“ Wissenschaft gigantische Schritte getan und die Lebenserwartung von Milliarden Menschen verdoppelt hat.

Dies vorausgesetzt und auf Homöopathie wissenschaftliche Methoden anwendend können wir mit ruhigem Gewissen geltend machen, dass die Homöopathie NICHT funktioniert.

Auf die Biologie und die Medizin angewandt bedeutet die wissenschaftliche Methode nämlich, Studien durchzuführen, die statistisch nachvollziehbar (valid) und wiederholbar sind.
Als die Homöopathie versucht hat, sich von der Wissenschaft validieren zu lassen, ist sie gescheitert, weil die seriösesten und ausführlichsten Analysen der zahlreichen Studien in den letzten Jahrzehnten nie eine Wirkung haben feststellen können. Einige andere Studien, scheinbar zugunsten der Homöopathie, sind in der Folge mit dem Hindernis der Wiederholbarkeit kollidiert (eine Studie, die bestimmte Ergebnisse behauptet, aber nicht erfolgreich von anderen Forschern wiederholt wird … ist NICHTS wert) und haben jedenfalls den Analysen der angesehensten medizinisch-wissenschaftlichen Publikationen nicht Stand gehalten.

Ein paar Beweise?

Grundlegend (und bis zum Beweis des Gegenteils abschließend) sind die Meta-Analysen des weltweit angesehensten medizinischen Journals (The Lancet).
Wie Ihr direkt der Seite von PubMed (hier) oder den anschaulicheren Analysen von evolutipersbaglio (hier) entnehmen könnt, hat The Lancet 2006 nach einer genauen Analyse der besten Studien zur Homöopathie befunden: “When the analysis was restricted to large trials of higher quality, the odds ratio was 0.88 (95% CI 0.65-1.19) for homoeopathy (eight trials) and 0.58 (0.39-0.85) for conventional medicine (six trials).”

Was übersetzt und vereinfacht ausgedrückt bedeutet: „Als Ergebnis der Analyse der qualitativ hochwertigsten Studien zu homöopathischen Mitteln steht eine Schere  von 0,65-1,19 während sie bei konventioneller Medizin 0,39-0,85 beträgt“. Da wir wissen, dass ein Ergebnis unter „1“ den Beweis der Wirksamkeit bedeutet, ist klar, dass die Homöopathie statistisch kompatibel ist mit dem Placebo-Effekt (ein Effekt, der erzielt wird, wenn man Patienten „Wasser“ verabreicht und vortäuscht, es handele sich um ein Medikament).

Eine ähnliche, 2007 durchgeführte Analyse hat das gleiche Ergebnis gezeitigt: Homöopathie ist Placebo und hat keine realen Auswirkungen auf den Organismus (Artikel aus dem Corriere della Sera).

Reicht Euch das nicht?

2010 hat der wissenschaftliche Ausschuss des britischen Parlaments eine Untersuchung zur Homöopathie veröffentlicht, das mit “there is no evidence that homeopathy works beyond the placebo effect”, “the evidence base shows that homeopathy is not efficacious” e addirittura “further clinical trials of homeopathy could not be justified” (link) endet.

Also funktioniert Homöopathie nicht, Fall abgeschlossen?

In Wirklichkeit nein, Homöopathie FUNKTIONIERT, und wie, aber mit der gleichen Wirksamkeit des Placebo-Effekts. Allein die Tatsache, eine Behandlung zu erfahren und der Wille, sich besser zu fühlen, beeinflusst und uns positiv in Richtung einer tatsächlichen Heilung.
Nachdem ein riesiger Anteil unserer Krankheiten psychosomatisch ist, kann das Trinken eines Glas Wassers Grund genug sein, uns besser zu fühlen, wenn wir überzeugt sind, dass es sich um ein probates Mittel handelt.

Natürlich bedient sich auch die traditionelle Medizin häufig des Placebo-Effekts, aber die Homöopathie baut die Gesamtheit ihres Wirkens darauf auf … und macht damit auch noch richtig Geld. Darüber werde ich detailliert im nächsten Artikel sprechen und schiebe dazu die Diskussion auf … vorläufig.
Nur ein Schlagwort, um Missverständnissen vorzubeugen: Systeme reiner Placebos, die versuchen, offizielle Medizin zu ersetzen, sind schrecklich gefährlich.

Schalten wir unser Gehirn ein und kurieren wir uns nur, wenn es wirklich erforderlich ist, aber dann mit einer Medizin, die funktioniert!

Für alles andere gibt es Vanna Marchi(**).

Vanna MarchiAvogadro wer? 

 

 

Vorhergehende Artikel: Teil 1, Teil 2

Bezugnahmen und Vertiefungen:
CICAP: speciale omeopatia (Italienisches Komitee zur Überprüfung von Behauptungen zu Paranormalem: Special Homöopathie; in italienischer Sprache)
Ben Goldacre: The end of homeopathy?
“Corriere della Sera” a proposito di agopuntura (Artikel in der italienischen Tageszeitung Corriere della Sera zur Akupunktur)
The Lancet und PubMed
How are homepathic Remedy Made?

(*) Autor des Artikels ist Samuele Riva, der ihn am 13. Juli d.J. unter dem Originaltitel „Omeopatia: mito e leggenda“ auf seinem Blog „Blog(0)“ veröffentlicht hat (der vorliegende dritte Teil ist am 31. August erschienen). Samuele hat uns gestattet, den Text hierher zu übertragen, Übersetzung von ed2murrow. Hervorhebungen folgen dem Original, auf die Einbindung von Originalgrafiken wurde zum Teil verzichtet.
(**) Anmerkung von e2m: Vanna Marchi wurde in Italien zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt, weil sie zusammen mit anderen als kriminelle Vereinigung im Rahmen von TV-Verkaufsveranstaltungen zahlreiche Kunden betrogen hat, so der Vorwurf der Richter. Die Sendungen standen zunächst im Zeichen von Diätkuren auf der Basis von Löwenzahnprodukten. Später ging Marchi zusammen mit ihrer Tochter und einem „Magier“ dazu über, „persönliche“ Lottozahlen vorherzusagen und Glückbringer zu verkaufen: Salzpäckchen, Zweigbündel u.a., die nach einem bestimmten Ritual gegen „den bösen Blick“ helfen sollten.

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