Wildwestmedizin – Neues in der Burzynski-Saga

Geschrieben am 1. Dezember 2011 von

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Was bisher geschah:

Ein Blogger schreibt über die tragische Geschichte eines kleinen Mädchens und die Spendenaktion, mit der Geld für die umstrittene Therapie eines umstrittenen Mediziners gesammelt werden soll. Dieser Blogger und seine Familie werden von einem Anwalt, der, wie jetzt klar ist, im Auftrag Burzyinskis handelte, bedroht. Der Anwalt, soviel wird schnell klar, ist nicht neu auf dem Feld der Einschüchterung von Kritikern.

Die Burzynskiklinik hat nun eine Pressemeldung herausgegeben, in der sie klar stellt, der Anwalt Marc Stephen habe tatsächlich in ihrem Auftrag gehandelt, werde das in Zukunft jedoch nicht mehr tun, weil man sich von ihm trennt. Zeitweise war spekuliert worden, auch wegen des unprofessionellen auftretens, Stephens könnte in eigener Regie, als Mitglied einer Burzynski-Unterstützergruppe gehandelt haben. Hat er nicht. Die Klinik entschuldigt sich für das Verhalten Stephens’, der unter anderem ein Googlemapsfoto des Wohnortes eines 17 Jährigen Bloggers an diesen schickte, weil der die Antineoplaston Therapie kritisiert hatte.

Die Klinik gibt jedoch an, weiter gegen Blogger vorgehen zu wollen, die, ihrer Meinung nach, falsche Behauptungen aufstellen. Zu diesem Zweck beauftragte sie eine Anwaltskanzlei , die sich darauf spezialisiert hat, Blogger zum schweigen zu bringen. Dabei ist sie zwar im Ton gemäßigter, folgt jedoch im Stil Herr Stephens.

So, when you get a communication from us, understand the consequences. These lawsuits will show up on the front page of Google results under your name. SEO is not the sole province of bloggers, by the way. (…) your reputation is being ruined forever. Your reputation as an employee, your reputation as a college applicant, your reputation as a job applicant, your reputation as a private person, your reputation as a husband, and your reputation as a father or mother.

Wenn Sie von uns kontaktiert werden, bedenken Sie die Konsequenzen. Diese Klage wird ganze vorne in den Googleergebnissen zu Ihrem Namen auftauchen. Nur am Rande, Suchmaschinenoptimierung ist nicht allein eine Domäne von Bloggern. (…) Ihr Ruf wird für immer ruininiert sein. Ihr Ruf als Arbeitnehmer, Ihr Ruf als Collegebewerber, Ihr Ruf als Bewerber, Ihr Ruf als Privatperson, Ihr Ruf als Ehemann und Ihr Ruf als Vater oder Mutter. (Übersetzung: merde)

In der Pressemeldung wird außerdem auf einige Behauptungen eingegangen, die von Bloggern gemacht worden sein sollen oder wurden. Bei den meisten Dingen handelt es sich um Kleinigkeiten. Antineoplaston werde nicht aus Urin gewonnen (darin wurde es ursprünglich entdeckt), Burzynskis habe einen PhD (was niemand bestritt, die Legitimität dessen wurde hinterfragt) und natürlich sei seit 2006 zu Antineoplaston veröffentlicht worden und somit sei es eine Lüge gegenteiliges zu behaupten. Ein Liste mit Veröffentlichungen folgt in der Meldung.

Diese Liste hat sich eine Bloggerin genauer angeschaut. Bereits auf den ersten Blick fällt die schlechte Qualität der Zeitschriften auf, in denen veröffentlicht wurde. Es ist nur eine dabei, in der die Veröffentlichungen vorher von anderen Wissenschaftlern geprüft werden (Peer-review), eine Zeitschrift für Alternativmedizin. Bei den meisten Veröffentlichungen handelt es sich um Zusammenfassungen von Vorträgen bei Konferenzen. Auch bei näherer Betrachtung bleibt nicht viel übrig. Man könnte es Leberwurstforschung nennen: Die Reste zusammenfegen, würzen, und ein hübsches Etikett auf den Darm kleben, der alles zusammenhält.

Patienten kommen zu Burzynski, weil sie keine Chemotherapie und keine Bestrahlung auf sich nehmen wollen, oder weil man ihnen gesagt, hat, diese Therapien könnten ihnen nicht mehr helfen. In der Medizin heißt das, nichts kann mehr helfen. Burzynski gibt an, eine alternative zur Chemotherapie bieten zu können, eine Therapie die weniger belastend ist, er bewirbt Antineoplaston explizit mit “nicht giftig”. Burzynski bekommt viel Unterstützung von Alternativmedizinern und wird als eine Art Rebell gefeiert, ein Rebell gegen die Schulmedizin.

Jetzt kommt der Teil mit dem wilden Westen und bei allen Advokaten alternativer Medizin wird sich der Puls nach diesem Teil wohl beruhigt haben. Im April nächsten Jahres muss sich dieser Rebell gegen die Schulmedizin vor Vertretern eben dieser Verantworten, vor dem Texas Medical Board. Die Sache ist ernst, es gibt eine Kampagne, die Rick Perry (Gouverneur von Texas) einschalten wollen. Lustigerweise wird die Kampagne von der Organisation “Alliance for Natural Health” geführt. Lustig ist das, wenn man sich die Vorwürfe anschaut, die gegen Burzynski vorgebracht werden.

Burzynski soll einer Patientin mit Brustkrebs, der bereits in diverse Organe gestreut hatte, 5 Immuntherapeutika gegeben haben, die auch in der klassischen Onkologie verwendet werden. Eines davon wird in der Leber zu dem Wirkstoff, der in Antineoplaston wirken soll umgebaut. Keines der Medikamente war für die Behandlung von Brustkrebs zugelassen, einige davon erfüllten auch nicht die Vorraussetzungen für einen off-Label-use*.

Zusätzlich soll er ihr ein Chemotherapeutikum** verabreicht haben und sie so dem Risiko unbekannter, ungeahnter Nebenwirkungen ausgesetzt haben. Gleichzeitig soll er ihr seine Teilhabe an der Apotheke, die ihr all das verkaufen würde, verschwiegen haben.

Bei einer zweiten Patientin, die an einer seltenen Form von Krebs im Bereich der Nasenhöhle litt (es gibt knapp 900 dokumentierte Fälle), soll er, nachdem die Therapie mit Phenylbutyrat (Leber–>Antineoplaston) keinen Erfolg zeigte, die Patientin nicht darüber aufgeklärt haben, dass es keine Zulassung und keine Daten zur Wirksamkeit des Medikaments bei ihrem Krebs gibt.

Außerdem soll es Unregelmäßigkeiten in den Abrechungen geben. Ausführlicher findet sich das alles im Blog Ministry of Truth, inklusive Link zur Original Anklageschrift (?).

Auf der Website der Frau eines Betroffenen über die Behandlung in Burzynskis Klinik kann man folgendes lesen:

Along with the long list of other meds (…) the Burzynski Clinic gave my husband standard chemotherapy medications. We were never told that two of the medications were conventional chemo medications.

Neben der langen Liste andere Medis, gab die Klinik meinem Mann Standardchemotherapie. Uns wurde nie erzählt, dass wir konventionelle Chemotherapie bekämen.

His only option now is conventional chemo treatment, which is what we were trying so hard to avoid in the first place!

Jetzt bleibt nur noch konventionelle Chemotherapie, die wir von Anfang an unbedingt verhindern wollten.

Als sie die Therapie beenden wollten, schickte man sie nicht zu einem Arzt oder einer Krankenschwester sondern zu jemandem aus der Verwaltung, der mit Versicherungsfragen beschäftig war. Und Burzynski? Arzt und Heiler?

Burzynski, never saw him again

* (Natrium)Phenylbutyrat, Erlotinib, Dasatinib, Vorinostat, und Sorafenib

** Capecitabin

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