Wissen ohne Kenntnis

Posted on 15. September 2012 von

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Daumenschrauben

 

Hätte Jakob Augstein den Freitag nicht gekauft, hätte ich vermutlich nie oder erst sehr spät vom ihm gehört. Wahrscheinlich zu spät. Doch so habe ich die ersten Ausgaben im alten Design und, wie mir heute scheint, Stil, gelesen. Mit jeder neuen Ausgabe wird mir klarer, dass ich vielleicht konservativer bin als ich dachte, denn mehr und mehr wünsche ich mir das alte Blatt zurück.

Vor zwei Jahren hätte ich vielleicht noch von Schicksal gesprochen. Da mich das Konzept jedoch bei näherer Betrachtung nicht mehr überzeugt, sage ich heute, es war ein glücklicher Zufall, der mich den Artikel bei Telepolis hat lesen lassen, in dem von Jakob Augsteins Plänen für diese kleine Zeitung aus dem Osten berichtet wurde. Und von der Community. Ich meldete mich am ersten Tag an und begann zu kommentieren und zu bloggen.

Und ich begann kennenzulernen. Ich habe hier Freunde gewonnen (und einige wieder verloren), die ich nicht mehr missen will, und bei den meisten hatte ich das Glück, sie auch in „Echt“ getroffen zu haben. Bei vielen wird sich das hoffentlich wiederholen. In der Anfangszeit hätte ich noch unbeschwerter über die Veränderungen geschrieben, die durch die Begegnungen in der Community in meinem Leben eingetreten sind, bin jedoch vorsichtiger geworden. Denn, man glaubt es kaum, es gibt Menschen, die sammeln diese Informationen und nutzen sie auf garstige Weise.

Vermutlich glaubt mir das kaum einer, doch die Lektüre des Telepolis-Artikels und alles, was folgte, hatten einen entscheidenden Einfluss auf meinen aktuellen Wohnort im Osten der Republik und vielleicht sogar meine Tätigkeit. Auf jeden Fall jedoch auf meine Art, die Welt zu sehen, aber das ist eine andere Geschichte.

Ich schreibe diese lang und weilige Einleitung, um zu zeigen, dass ich mich durchaus als Teil des Projekts „der Freitag“ begreife und mich diesem emotional verbunden fühle. Das mag man albern oder naiv finden, für mich ist es normal geworden. Und ein Problem, denn wenn ich im Printteil dieses Projekts Artikel finde, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt sind, sehe ich das nicht so nüchtern, wie ich das sollte. Is halt so.

Mitte Juni erschien ein Artikel der Ressortleiterin Politik, Frau Schmitt-Roschmann, mit dem Titel „Arme Schlucker“. Der Artikel war inhaltlich schlecht, Frau Schmitt-Roschmann hat sich mit zu vielen Themen verzettelt und einiges war schlicht falsch dargestellt. In einem Kommentar wies ich auf einiges hin, eine Antwort blieb aus, eine Korrektur somit auch. Offenbar ist eine starke Meinung wichtiger als eine Faktenbasis, auf der diese beruht. Ich fragte mich ernsthaft, wie es sich bei Themen verhält, von denen ich weniger weiß, und das sind die meisten (Politik zum Beispiel). Gelegentlich fühlte ich mich an „mh“ erinnert, der fundiert (wie mir schien) Artikel zu Wirtschaftsthemen kritisierte. Da ist vermutlich auch wenig passiert.

Als ich vor langer Zeit eine Blattkritik machte, freute sich Jörn Kabisch, wenn ich mich richtig erinnere, darüber, dass ich den Freitag als Printprodukt kennengelernt hatte und so zum Online-Projekt gekommen war. Und obwohl ich seit Ende letzten Jahres nur noch sporadisch dazu kam, die Zeitung durchzublättern, und mehr und mehr an diversen portablen Geräten lese, hatte ich den „Printfreitag“ weiter abonniert. Wegen des Projekts, einer naiven und ungerichteten Solidarität und meiner emotionalen Verbundenheit.

Heute morgen saßen der weibliche Mensch an meiner Seite und ich an unserem bürgerlichen Frühstückstisch und sie las „Unterbrechung im Gehirn„, das aktuelle Machwerk auf der „Wissen“-Seite des Freitag. Wie ich Anhängerin einer evidenzbasierten Medizin, blieb ihr das Brötchen im Halse stecken und mir nichts anderes übrig, als ein Heimlich-Manöver durchzuführen (sie lebt). Der Artikel ist unterirdisch. Gibt es, frage ich mich nun, eigentlich eine redaktionelle Kontrolle, bevor Artikel über medizinische Themen in den Druck gegeben werden?

Kritik an der Medizin und an der Psychiatrie ist richtig und wichtig, aber mangelnde Kenntnis, gepaart mit starker Meinung und ein paar Zitaten, sind gefährlich. In der Psychiatrie, so könnte man meinen, werden alle Menschen „ruhiggestellt“ und „entmündigt“ und von wem: Von den Ärzten, denn „die Ausbildung zum Irrenarzt ist identisch mit der Ausbildung zum Folterer“. Das hört sich nicht nach fundierter Kritik, sondern nach Scientology an, auch ganz große „Psychiatriekritiker“.

Apropos fundiert. Seinen Mangel an Realitätsbezug zeigt der Autor Helmut Höge durch saftige Äußerungen wie:

„Das Online-Wohlfühlparadies für Hypochonder und solche, die es werden wollen –„paradisi.de“ – behauptete kürzlich: „Bei einer Schizophrenie helfen Medikamente noch immer am besten.“ Das Portal berief sich auf eine „aktuelle Meta-Studie“, für die Daten von 6.000 Betroffenen ausgewertet wurden.“

Eine durch eine Metaanalyse untermauerte Behauptung ist, wenn und solange es nicht gewichtige Gegenargumente gibt, ein Fakt. Und eine Behauptung ist kein gewichtiges Gegenargument, nicht mal, wenn sie in einem Meinungsmedium steht.

Was Herr Höge am Ende zur Elektrokrampftherapie schreibt, schließt dann den Bogen zu den zu Folterern ausgebildeten Ärzten:

„Diese einst als Folter begriffene Behandlung von Irren erlebt in Deutschland nun als verfeinerte „Elektrokrampftherapie“ (EKT) eine neue Konjunktur unter Nervenärzten, obwohl man bis heute nicht weiß, was der Strom im Gehirn eigentlich bewirkt. Die Süddeutsche Zeitung meldete im August: „Die Fachgesellschaften sprechen sich dafür aus, die EKT künftig nicht mehr nur als Ultima Ratio, sondern früher im Behandlungsverlauf einzusetzen.“

Kein Wort zur Durchführung (der Patient hat eine Vollnarkose) oder worauf sich das Wort „Krampf“ bezieht. Dabei geht es nämlich um eine bestimmte Aktivität von Nervenzellen im Gehirn, nicht um krampfende Muskeln, der Patient liegt still (–>Narkose). Eine solche EKT durchzuführen kann natürlich nichts mit ihrem potentiellen Nutzen zu tun haben, sondern mit dem diabolischen Bedürfnis der Ärzte zu foltern.

Geht’s eigentlich noch?

Für mich wird es Zeit. Jakob Augstein sagt gerne und oft, mit dem Print werde Geld verdient, und da ich mein Abo nun kündigen werde, ist „merdeister“ wohl ab sofort ein Verlustgeschäft.