Hahnemann Porträt

DZVhÄ bekennt sich zum Placebo (irgendwie)

Was interessiert den Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte am „Placeboeffekt“? Ist der aktuelle Blogbeitrag von Björn Bendig der erste Schritt in die Umbenennung in Deutscher Zentralverein für Placebo-Medizin, kurz DZPM? Die Abkürzung ginge nicht nur flüssiger über die Lippen als DZVhÄ, sie wäre auch ehrlicher, konsequenter.

Im Beitrag wird die angeblich unterschätzte Wirkung von Placebos herausgestrichen. Wenn jemand die Wirkung von Placebos einschätzen kann, sind das natürlich homöopathisch tätige ÄrztInnen. Wenn sie dem Placebo vielleicht auch Effekte zuschreiben, die nichts damit zu tun haben: Natürlicher Verlauf, periodischer Verlauf, Regression zur Mitte, der Wunsch den Therapeuten nicht zu enttäuschen und einiges mehr. Leider scheint der Beitrag dazu gedacht, die angebliche Wirkung von Placebos aufzublasen, das wissenschaftliche Niveau ist unterirdisch. Vor allem, wenn man bedenkt, dass sich der Artikel auf dem offiziellen Blog der Standesorganisation von ÄrztInnen befindet, die sich Wissenschaftlichkeit auf die Fahnen geschrieben hat. Wie weit es damit her ist, wissen wir natürlich nicht erst seit einer der Leuchttürme homöopathischer Forschung, Herr Professor Walach, das „Goldene Brett“ verliehen bekommen hat.

Ein guter Hinweis auf das flache Wasser in dem Matrose Bendig schippert, ist die sich wiederholende Erwähnung von einem Placeboeffekt, anstelle von (mindestens zwei) Placeboeffekten. Ein Blick in die Wikipedia hätte genügt, um dieses Missverständnis aufzuklären. Wichtig ist diese Unterscheidung, weil man nur über etwas diskutieren kann, wenn man es versteht. Aber vielleicht liegt da das Problem, schauen wir mal.

Der Placebo-Effekt löst „echte“ physiologische Prozesse im Körper aus, die eine Heilung des Patienten bewirken kann. – Nachhaltig.

Das ist die Eingangsthese des Textes, in dem, wie sich das gehört, versucht wird diese zu belegen. Der Versuch, soviel sei für die ungeduldigen LeserInnen verraten, scheitert kläglich. Als Beleg für die Wirksamkeit von Placeboeffekten dient eine Arbeit über Arthroskopie, in der die eine Hälfte der Patienten nur einer Scheinoperation unterzogen wurde. Beiden Patientengruppen ging es nach der Behandlung gleich gut. Das ist natürlich ein interessantes Ergebnis aber noch lange kein Beleg für die Eingangsthese. Im Artikel ist zu lesen:

Moseley wollte wissen, ob nicht ein Teil des Behandlungserfolgs von Athroskopien auf dem Placeboeffekt beruht.

So wollte er das? Schauen wir im Originalartikel nach.

However, the physiological basis for the pain relief is unclear. There is no evidence that arthroscopy cures or arrests the osteoarthritis. Therefore, we conducted a randomized, placebo-controlled trial to assess the efficacy of arthroscopic surgery of the knee in relieving pain and improving function in patients with osteoarthritis.

Es ging also darum, zu schauen wie wirksam eine Arthroskopie zur Schmerzreduktion bei Patienten mit Arthritis im Knie ist. Von Placebo steht dort nichts und eine Frage die nicht gestellt ist, kann auch nur schwer beantwortet werden. Auch wenn es noch so hübsch in einen Text des DZPM passt. In Wirklichkeit (ich weiß, wen interessiert die „Wirklichkeit“?) resultierten aus der Arbeit mehr Fragen als Antworten.

A selection bias might have been introduced by the fact that 44 percent of the eligible patients declined to participate in the study. We believe this high rate of refusal to participate resulted from the fact that all patients knew they had a one-in-three chance of undergoing a placebo procedure. Patients who agreed to participate might have been so sure that an arthroscopic procedure would help that they were willing to take a one-in-three chance of undergoing the placebo procedure. Such patients might have had higher expectations of benefit or been more susceptible to a placebo effect than those who chose not to participate.

Die Frage zum Beispiel, ob die Auswahl der Patienten das Ergebnis beeinflusst haben könnte. Diese Arbeit könnte Hinweise geben, in welche Richtung in der Placeboforschung der Blick gewendet werden sollte. Ein Beleg für „„echte“ physiologische Prozesse“ oder gar eine „Heilung“ durch Placeboeffekte bietet sie nicht.

Natürlich ist ein Beleg nicht ausreichend (wenn er keiner ist, schon gar nicht), darum wird nochmal die „GERAC-Studie“ ausgegraben. Denn die hatte als Ergebnis nicht nur, dass Meridiane Fantasieprodukte sind, sondern auch, dass Scheinakupunktur besser war, als die konventionelle Behandlung („chemische“ Medikamente und so). Auch in dieser Studie ging es nicht darum, die Frage zu beantworten, ob und wie wirksam Placeboeffekte sind, sondern darum, ob Akupunktur wirksamer ist, als konventionelle Behandlung oder Scheinakupunktur. Ersteres wurde von den Autoren der Studie mit „Ja“ beantwortet, zweites mit „Nein“. Ob ersteres wirklich stimmt, ist jedoch mindestens fraglich. Auch hier sehen wir, es gibt viele neue Fragen, der sich die Placeboforschung widmen könnte, und keinen Beleg für die Eingangsthese des Textes.

Da Skeptikern oft vorgeworfen wird nur alles schlecht zu machen, möchte ich in diesem Absatz zur Abwechslung mal etwas konstruktiv sein und helfen, die Richtigkeit der Eingangsthese („„echte“ physiologische Prozesse, Heilung“) zu überprüfen. Dazu dient eine Studie, deren Ziel es war zu überprüfen, ob Placeboeffekte nur auf das subjektive Empfinden von Symptomen wirken oder auch objektive physiologische Effekte haben. Dazu wurden Patienten aufgeteilt in vier Gruppen: 1. Echtes Medikament, 2. Placebomedikament (Placebo 1), 3. Placeboakupunktur (Placebo 2), 4. Kontrollgruppe ohne Behandlung.

Die Ergebnisse waren eindeutig: Die 1.,2. und 3. Gruppe berichteten über eine ähnlich starke Besserung der Symptome, die 4. Gruppe empfand keine Besserung. Als die objektiven Werte gemessen wurde, kam es bei der 1. Gruppe zu einer deutlichen Besserung, bei allen anderen Gruppen, waren die Werte gleich (schlecht). Placebos sorgen also dafür, dass man gleich schnell stirbt, sich dabei aber besser fühlt (was auch ein Gewinn sein kann). Eine eingehendere Besprechung der Studie (auf deutsch) findet sich hier.

Eingangsthese wäre damit weitgehend widerlegt.

Es mag unfair erscheinen einem Medizinjournalisten vorzuwerfen, dass er nicht alle Studien zur Placeboforschung kennt. Allerdings habe ich wenig Verständnis, wenn im ersten Absatz von Placebforschung in den Bereichen „Medizin und Psychologie“ gesprochen wird und die Studien, die als Beleg für die eigene These angeführt werden nur am Rande etwas mit Placeboforschung zu tun haben. Aus dem Fachbereich Psychologie wird nicht mal eine genannt. Außerdem erwähnt der Kronzeuge des Artikels, Professor Jütte, eine Arbeit, die angeblich belegen soll, dass Placebos auch wirken, wenn der Patient weiß, dass er eines nimmt. Dabei dürfte es sich um die Studie von Ted Kaptchuk handeln, deren Ergebnisse mindestens fragwürdig sind. Und Ted Kaptchuk hat ebenfalls die Studie betreut, mit der Zwei Absätze weiter oben, die Eingangsthese weitgehend widerlegt wurde. Etwas Recherche darf man sicher erwarten, dass sollten die Autoren des  DZVhÄ-Blogs dem Publikum schuldig sein.

Wir halten also fest, dass sich der DZVhÄ für Placeboeffekte interessiert. Wir halten weiter fest, dass seine Autoren im Blog dem eigenen Anspruch nicht, seiner wissenschaftlichen Reputation dafür mehr als gerecht werden. Vielleicht ist das ganze aber auch der Beginn einer Transparenzinitiative, die in der Auflösung des Vereins mündet. Bis dahin werde ich weiter Wasser in den Wein der Homöopathen gießen, aber das dürften sie ja gewohnt sein.

[Bildquelle]

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