Aurora

Das Simile-Prinzip – Konsequent umgesetzt

Anfang Oktober erschien „Die Homöopathie-Lüge“ ein Buch, in dem die AutorInnen Christian Weymayr und Nicole Heißmann die glatte Oberfläche durchbrechen und in die Tiefen der Homöopathie tauchen. Und bereits Ende September hatte Curt Kösters sich auf heilpraxisnet.de Luft gemacht und sprach von einer durch die AutorInnen inszenierten „Scheindebatte“, seiner Meinung nach schließen sich nämlich die Prinzipien der Homöopathie und ein auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhendes Weltbild nicht aus. Seit erscheinen des Buches ist allerdings Ruhe, zumindest bisher hat keiner der einschlägigen Blogs sich mit dem Buch weiter beschäftigt. Vermutlich hat man es gelesen und gedacht, es sei besser, den Mantel des Schweigens darüber zu breiten. -Bitte keine Debatte!-

Dabei finde ich das Buch sehr freundlich im Ton, Herr Kösters wird an der einen oder anderen Stelle zitiert und gibt eine gute Figur ab…für die Ansichten die er vertritt. Den AutorInnen gelingt es diverse Widersprüche und Ungereimtheiten in der Wahrnehmung der Homöopathie durch die Öffentlichkeit, sowie in der homöopathischen Praxis auszumachen. Insofern bietet die Lektüre vielleicht auch Anwendern Informationen von Interesse, ohne dass die Gefahr bestünde, nicht mehr an die Kügelchen glauben zu können (als bestünde die Gefahr jemals…). Das Buch zeigt nämlich die politische Dimension der Homöopathie.

Zwar wird der Homöopathie der naturwissenschaftliche Teppich unter den Füßen weggezogen, doch hier hat das Buch der beiden AutorInnen seine größte Schwäche, denn so richtig überzeugend finde ich den Teil nicht. Wäre ich von den kleinen Kügelchen überzeugt, würde mich die Beschreibung der Widersprüche homöopathischer Prinzipien zu gesicherten Erkenntnissen aus Chemie und Physik nicht zum umdenken bringen. Aber vielleicht war das auch nicht das Ziel der AutorInnen. Die Stärken des Buches liegen zumindest woanders.

Von „der Homöopathie“ als einheitliches Gebilde zu sprechen, ist im Grunde ohnehin falsch. Es gibt viele unterschiedliche Schulen, deren Dogmen sich zum Teil gegenseitig widersprechen, im Zentrum steht der DZVhÄ und hält das ganze Gebäude ideologisch zusammen. Man kann sich im Grunde gegen keine Form, sei sie noch so absurd, aussprechen, weil einem dann der ganze Laden um die Ohren fliegt. Nicht mal Hahnemanns Anweisungen sind den Homöopathenärzten noch heilig. Die AutorInnen weisen zum Beispiel auf folgendes Zitat Hahnemanns hin:

„Jede [anm.: Allopathie und Homöopathie] steht der andern gerade entgegen und nur wer beide nicht kennt, kann sich dem Wahne hingeben, daß sie sich je einander nähern könnten oder wohl gar sich vereinigen ließen, kann sich gar so lächerlich machen, nach Gefallen der Kranken, bald homöopathisch, bald allöopathisch in seinen Curen zu verfahren; dieß ist verbrecherischer Verrath an der göttlichen Homöopathie zu nennen!“

Das widerspricht allerdings der Linie des DZVhÄ, denn der plädiert für einen „integrativen Ansatz“. Doch woher weiß man dort, wann man Hahnemanns Anweisungen zu folgen hat und wann nicht? Eingebung, göttliche gar? Sicher ist: Nicht durch Forschung oder kritische Analyse. Und so geht es weiter, wenn die AutorInnen uns auf eine Safari durch die Savanne des Unmöglichen mitnehmen. Die Produkte mit denen mit am meisten Geld durch Unternehmen verdient wird, sind die Produkte, die nach Hahnemann nicht benutzt werden dürften: Komplexhomöopathika oder, wie er es nannte „Polypharmazie“.

Die pharmazeutischen Unternehmen bekommen auch ihr Kapitel, in dem aufgezeigt wird, wie subtil auf der einen und frech auf der anderen Seite die Lobbyarbeit von Big Sugar&Water betrieben wird. Interessant auch die Verbreitung unterschiedlicher Lehren in unterschiedlichen Ländern. Es gelten jeweils die Dogmen, die dem größten Player vor Ort zupass kommen, wenn es darum geht, die eigenen Produkte zu verkaufen. Aber vielleicht bin ich einfach naiv und es handelt sich um staatsangehörigkeitsabhängige Lebenskraftbeeinflussung.

Denn, und darauf weisen die AutorInnen hin, es handelt sich bei der Homoöpathie um eine vorwissenschaftliches Konzept, welches darauf abzielt „die Lebenskraft“ zu beeinflussen, günstig wenn möglich. Und dabei es ist wichtig sehr präzise vorzugehen, deswegen sind homöopathische Anamnesen so ausführlich. Es soll genau der Teil der Lebenskraft gefunden werden, der gestört ist, was sich zum Beispiel darin ausdrücken kann, dass man plötzlich eine Mütze trägt. Dieser Teil wird mit einem (!) Mittel beeinflusst, alles andere ist, folgt man Hahnemann, Quacksalberei und sogar gefährlich, weil alle unnötigen Mittel die Lebenskraft ungünstig beeinflussen könnten. Natürlich ist mir das alles egal, vom Vitalismus habe ich mich schon lange verabschiedet, doch es zeigt ein grundsätzliches Problem auf:

„Vor allem aber untergraben die weißen Kügelchen ein Denken, das auf rationalen Kriterien beruht – wer Homöopathie für möglich hält, muss alles für möglich halten

Herr Kösters sieht das anders, für ihn gibt es gute Belege für die Wirksamkeit der Homöopathie, man wisse halt noch nicht warum sie wirke. Gleiches könnte auch jemand behaupten, der oder die sich auf die Behandlung mit Magneten beruft, die Hahnemann durchgeführt hat. 395 durch Magnete verursachte Symptome führt Hahnemann in seiner „Reinen Arzneimittellehre“ auf, darunter:

„Geiler Traum, selbst im Mittagsschlafe, unter Ausfluss des Vorsteherdrüsensaftes; nach dem Erwachen sind die Zeugungstheile zur Ergiessung des Samens sehr geneigt.“

„Nachts wacht er von der dritten Stunde an, aber früh bei Sonnenaufgang fallen ihm die Augenlider zu, und er liegt in einem betäubten Schlummer, voll schwerer Träume.“

„Ein Kriebeln, und als wenn an der Stelle (wo der Magnet lag) sich alle Säfte anhäuften.“

„Nach dem Stuhlgange heftiger Hämorrhoidalschmerz im After, (schründend) wie von einer Wunde und einer zusammenschnürenden Empfindung mehr im Mastdarme, als im After.“

„Faulige Gährung in den Därmen; die Blähungen, welche abgehen, sind sehr stinkend und heiss.“

Ist das biologisch Plausibel? Nein! Gibt es dutzende bessere Erklärungen für diese „Symptome“ als die „Kraft“ eines Magneten? Ja! Gleiches gilt für die Homöopathie, doch aus irgendeinem Grund wird das eine von HomöopathenärztInnen gefeiert, das andere jedoch schamhaft verschwiegen. Wie schaffen sie die Unterscheidung zwischen beidem? Denn eine Kollegin, vom Bund Klassischer Homöopathen in Deutschland (BKHD) qualifiziert, lobt den Mesmerismus in höchsten Tönen als idealen Partner der Homöopathie. Man möchte zustimmen, beides sollte als Kuriosum der Medizingeschichte abgehakt werden. BKHD und DZVhÄ übrigens arbeiten gerne zusammen, wenn es darum geht, Wissenschaft zu spielen und Positionspapiere herauszubringen.

Das Buch wird sicher niemanden, der an die „göttliche Homöopathie“ glaubt dazu bringen, vom Glauben abzufallen. Doch vielleicht hilft es dabei, die Problematik aufzuzeigen, die entsteht, wenn gut ausgebildete Menschen Dogmen anpreisen, die sich, was Erkenntnisgewinn und Relevanz für die Wirklichkeit angeht auf demselben Niveau bewegen wie Astrologie und Alchemie. Ich denke, die AutorInnen haben gute Arbeit geleistet, diese Problematik aufzuzeigen. Herr Kösters sieht das anders, er denkt ‚dass wieder eine Chance vergeben wurde, sich mit dem Phänomen Homöopathie objektiv auseinanderzusetzen und so ein Stück vorwärts zu kommen auf dem Weg der Erkenntnis‘.

Die Chance einer objektiven Auseinandersetzung und der Erkenntnis böte sich der Gemeinde der Homöopathen bei der Beantwortung einer einfachen, von mir bereits gestellten Frage:

Außerdem würde mich interessieren, ob Sie meinen Lesern, Ihren Patienten und mir eine Möglichkeit an die Hand geben könnten, einen Scharlatan von einem Fachmann der Homöopathie zu unterscheiden. Mit wissenschaftlichen Sachverstand kommt man nämlich weder beim einen, noch beim anderen weiter.

In einem muss ich den AutorInnen jedoch widersprechen. Wer an den Unsinn glaubt, den er verbreitet, lügt nicht. Vielleicht wäre ‚Die Homöopathie-Illusion‘ der passendere Titel gewesen. Ich wünsche eine angenehme Lektüre.

[Bildquelle]

5 Gedanken zu “Das Simile-Prinzip – Konsequent umgesetzt

  1. „wer Homöopathie für möglich hält, muss alles für möglich halten“

    Wer lebendig vom Scheiterhaufen wieder herunterkamt (so wie ich, nachdem mir das Haus angezündet wurde), galt im Mittelalter als der Hexerei schuldig.

    „Was gestern Recht war, kann heut‘ nicht Unrecht sein“ (Ministerpräsident von BaWü Hans Filbinger),
    darum werde ich jetzt diesen politisch geadelten Erkenntnissen folgend hexen was das Zeug hält.

    Laut gestrigem Kirchenrecht und nicht ganz so gestrigem Filbinger (CDU, noch nicht soooo lange tot) ist das ja möglich!

    Umschläge mit Hexenlohn können mir jederzeit ab sofort zugesandt werden. Danke Kirche, Danke Homöopathie, Danke Filbinger!

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  2. An der objektiven Auseinandersetzung mit der Homöopathie zwecks Erkenntnisgewinn hat Edzard Ernst jahrzehntelang wissenschaftlich gearbeitet. Homöopathen haben dieses Engagement in der Regel nicht zu schätzen gewusst, weil die Ergebnisse ihnen erwartungsgemäß nicht genehm waren.

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