LMHI – Homöopathie im Dialog

Einleitung:
Der 72. Homöopathische Weltärztekongress in Leipzig 2017 (LMHI) steht kurz bevor. Auf diesem Blog habe ich in den letzten zweieinhalb Monaten 10 Texte über Vorträge veröffentlicht, die auf dem Kongress gehalten werden. Dabei war mir u. a. wichtig, den Unterschied zwischen öffentlicher Wahrnehmung der Homöopathie bei vielen Menschen in Deutschland und der weltweiten Praxis aufzuzeigen. Vor allem, weil die öffentlichen Äußerungen von VertreterInnen des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) zur Homöopathie und ihrem Stellenwert diametral dem entgegen stehen, was in den Vorträgen thematisiert werden wird.

Die meisten Menschen, mit denen ich über Homöopathie diskutiere, sind der Ansicht, Homöopathie sei bei leichten Erkrankungen eine „sanfte“ Alternative, würden jedoch niemals schwere Erkrankungen damit behandeln. Öffentlich würde Cornelia Bajic, 1. Vorsitzende des DZVhÄ, sich wohl auch nie für die alleinige homöopathische Behandlung von Krebs aussprechen. Ich habe aber auch noch keine Äußerung von ihr gehört, in der sie diesen Ansatz klar ablehnt.

Die Suche nach einer klaren Stellungnahme des DZVhÄ gegen eine alleinige homöopathische Behandlung von Krebs führte mich zu einem Interview in der Zeitschrift des DZVhÄ mit Dr. med. Jens Wurster. Wurster ist der Ansicht, Krebs mit alleiniger homöopathischer Behandlung heilen zu können. Thematisiert wurde das auf diesem Blog bereits häufiger. Herr Dr. med. Wurster wird auf dem LMHI einen Vortrag zu genau diesem Thema halten.

Dieses Beispiel zeigt, dass der DZVhÄ auch die Behandlung „schwerer Pathologien“ allein durch Homöopathie nicht ablehnt. Der Verband versucht, öffentlich das Bild vom verantwortlich handelnden Interessenverband aufrecht zu erhalten, ohne die Hardliner in den eigenen Reihen zu verärgern. Natürlich werden die meisten Mediziner Homöopathie so anwenden, wie ihre Patienten das von ihnen erwarten: als unterhaltsames Placebo bei banalen Erkrankungen. Auf diese große Mehrheit der Behandler zielt meine Kritik in der Regel auch nicht ab.

Homöopathie als Ideologie

Für mich zeigt die Homöopathie mehr Gemeinsamkeiten mit einer Weltanschauung als mit Medizin. Das lässt sich unter anderem dadurch belegen, dass Homöopathen (u. a. Frau Bajic) sagen, sie „bräuchten“ keine Studien zur Homöopathie, sie würden „täglich sehen“, dass es funktioniert. Das bedeutet auch, dass negative Studien zur Homöopathie die Ansicht dieser Behandler nicht verändern werden. Ansichten, die sich durch Fakten nicht verändern lassen, sind Weltanschauungen. Ich halte den größten Teil der Mediziner, die Homöopathie anbieten, jedoch für säkularisierte Homöopathen. Es sind Pragmatiker, die Homöopathie anwenden, „weil sie funktioniert“. Sie sind relativ leidenschaftslos, wenn es um die Frage geht, ob Homöopathie mehr ist als ein Placebo. Ihnen helfen die Globuli, Patienten und sich selbst zufrieden zu stellen. Globuli sorgen für den Eindruck einer vollständigen Behandlung.

Was viele Menschen vergessen, ist der Anspruch, den wir als Gesellschaft an Ärzte haben: sie sollen etwas tun. Abwarten, Beobachten, zur Geduld raten, gelten in diesem Rahmen nicht immer als Handlungen. Auch viele Ärzte haben dwn Impuls, etwas zu tun, auch wenn sie wissen, dass sie „nichts“ tun müssten. Es ist sowohl für Patienten wie für Ärzte eine kleine Frustration, wenn beide auseinander gehen und bis auf „wir warten nochmal ab“ nichts passiert. Diese Frustration kann durch Globuli vermindert werden. Alle sind zufrieden und es gibt keine Nebenwirkung. Ich denke, viele Mediziner setzen Homöopathie genauso ein. Nicht bösartig, bewusst irreführend oder hinterlistig, sondern pragmatisch. Das sind säkularisierte Homöopathen.

Meine Kritik gilt den orthodoxen Homöopathen, den Anhängern der reinen Lehre, denen die die homöopathischen Philosophen gelesen haben. Meine Kritik gilt der Homöopathie, wie die Menschen sie ausführen, die sie ernst nehmen. Das macht sie auch so schwierig, weil es viele, viele Beispiele gibt, wie Homöopathie säkular und pragmatisch eingesetzt wurde und geholfen hat (wobei auch immer).

Es gibt einen einfachen Test, mit dem man herausfinden kann, ob man selbst eher säkularer oder orthodoxer Homöopathieanhänger ist. Wie lautet die Antwort auf folgende Frage:

„Welche Informationen würden mich dazu bringen, meine Ansicht über Homöopathie zu ändern?“

Wenn die Antwort „Keine“ lautet, heißt es „Willkommen in der Religion“.

Diese Weltanschauung wird jedoch ebenfalls nicht öffentlich vertreten. Es wird so getan, als wäre Homöopathie eine ganz normale Medizin. Homöopathen schreiben sich Naturwissenschaftlichkeit auf die Fahnen, obwohl Naturwissenschaftliche Erkenntnisse von ihnen ignoriert werden, wenn sie den eigenen Annahmen widersprechen. Wie alle Anhänger einer Glaubenslehre interpretieren Homöopathen die Welt so, dass sie zu ihren Ansichten passt. Sie entdecken jedoch nie etwas Neues.

Einige Vortragende des LMHI sprechen von einer „vollständigen“ Medizin. Das bedeutet, Homöopathie kann aus Sicht eines orthodoxen Homöopathen alles heilen. Und das versucht sie auch. Während sich die Fachbereiche in der Medizin immer weiter spezialisieren, kann EIN Homöopath ALLES behandeln. Das ist nicht polemisch gemeint, das ergibt sich aus der homöopathischen Logik. Bei einem Schnupfen ist dieselbe Lebenskraft gestört, wie bei Krebs oder Autismus. Ein Homöopathie muss nur das richtige, das ähnlichste Symptom finden. Diese Informationen sind alle in den Abstracts zum Kongress zu finden. Nur dass sich niemand die Mühe macht, ihre Bedeutung zu dechiffrieren (außer mir natürlich!!!!).

Und so trauen sich PolitikerInnen und ÄrztevertreterInnen, ihre warmen Grußworte kritiklos auf die Website zu stellen. Darin schreiben sie von Patientensicherheit, die zwei Klicks weiter mit Füßen getreten wird.

Homöopathie beim LMHI

Der DZVhÄ erwähnt immer wieder, Homöopathie gehöre in ärztliche Hand und sei nur in dieser verantwortlich anzuwenden. Wenn eine schwere Erkrankung vorliege, könne „der homöopathische Arzt“ den Patienten „schulmedizinisch behandeln“ oder überweisen. So die offizielle Version.

Auf dem Kongress treten jedoch auch viele „Ärzte“ aus Indien auf, deren Qualifikation nach deutschen Standards eher der von Heilpraktikern entspricht. Viele dieser „Ärzte“ haben einen Zusatz hinter dem Kürzel MD (Medical Doctor) welches darauf hinweist, dass sie eine rein homöopathische Ausbildung erhalten haben. Diese „Ärzte“ halten viele der Vorträge, in denen unglaubliche Fälle vorgestellt werden. Die homöopathische Behandlung von Krebs und AIDS in Indien hatte ich in diesem Blog thematisiert. Ich halte es für vorstellbar, dass in einem Staat wie Indien Homöopathie als Trostpflaster dient für ein unzureichend ausgebautes Gesundheitssystem.

Ähnlich wie die „Barfußdoktoren“ in Maos China das Trostpflaster „Traditionelle Chinesische Medizin“ auf die offenen Wunden des Gesundheitssystems geklebt haben, gibt es in Indien Globuli. Das soll nicht heißen, in Europa sei so etwas nicht möglich. Immerhin geben sich Dr. med. Jens Wurster und sein Chef Dario Spinedi die Ehre. Damit findet in Leipzig im Jahr 2017 eine von Gesundheitspolitikern durch warme Worte geadelte Veranstaltung statt, auf der behauptet wird, Krebs (u. a.) durch Homöopathie heilen zu können.

  • Mit der Behandlung von HIV hatte sich vor einigen Jahren bereits Jeremy Sherr hervorgetan, der ebenfalls vom DZVhÄ hofiert wurde. Auch darum geht es auf dem LMHI.
  • Die homöopathische Behandlung von Frühgeborenen ist ebenfalls Thema. Hier ist der Vortragende dermaßen unqualifiziert, dass ich nur darauf warte, die Geschichte von Jan Böhmermann eingefädelt zu finden. Jürgen Ivanis scheint, abgesehen von sehr viel Selbstbewusstsein, wenig zu gelernt zu haben, was ihn befähigen würde, therapeutisch tätig zu werden. Beim DZVhÄ darf offensichtlich jeder ran, wenn nur die Behauptungen dem Narrativ dienen, Homöopathie sei eine umfassende Heilmethode.
  • Angesichts des Missbrauchs von Vertrauen und der Gefährdung von Menschenleben stellt die Behandlung von Tieren mit Homöopathie ein eher geringes Problem dar. Unerwähnt soll es trotzdem nicht bleiben. Gerade in Regionen mit weniger Lebensmittelsicherheit als Mitteleuropa kann das Überleben der Nutztiere das Überleben einer Familie bedeuten. Wenn dann jemand die Infektion der Kuh mit Globuli behandelt, ist das unter Umständen existenzgefährdend. In jedem Fall ist es teuer. Auf dem LMHI wird in den Vorträge ein ganzer Streichelzoo homöopathisch behandelt.
  • Über den Unsinn der homöopathischen Behandlung von Autismus habe ich mich ebenfalls auslassen müssen. Auch diese Ansicht wird beim LMHI vertreten und vermeintliche Erfolge vermeldet.
  • Homöopathie in der Notfallmedizin ist ein beliebtes Thema für Scherze auf Kosten der Homöopathie. In Indien geht dieser Scherz jedoch auf Kosten von Patienten. Das Akute Abdomen wird ebenfalls homöopathisch behandelt, auch dafür bietet der LMHI ein Forum.
  • Den Todesfall eines Kindes in Italien hatte ich zum Anlass genommen, noch einmal Kritisch auf die Haltung des DZVhÄ zur Medizin einzugehen. Vom DZVhÄ werden Interventionen, die ideologisch nicht zur Homöopathie passen (z. B. Impfen, Antibiotika), jedoch einen hohen Stellenwert im öffentlichen Gesundheitswesen haben, zwar offiziell anerkannt, intern aber abgelehnt.

Der LMHI macht deutlich, dass die KollegInnen des DZVhÄ keine vertrauenswürdigen Partner in der Behandlung von Patienten oder in der Weiterentwicklung unserer Medizin sein können. Sie sind ideologisch beschränkt. Sie sagen das eine, machen jedoch das andere. Im DZVhÄ tummeln sich Impfgegner, Krebsgurus und Anhänger der Ideen Ryke Geerd Hamers.

Doch anstatt diese Leute hochkantig aus dem Verein zu schmeißen, wird ihnen eine Bühne geboten. Einigen in Interviews und bei Fortbildungen und jetzt auch beim LMHI. Es ist beeindruckend, wie trotzdem nach außen das Bild eines seriösen Verbandes aufrecht erhalten wird. Da ist die Wirkung der Homöopathie stärker, als ich sie mir wünschen würde.

Alle Texte zum LMHI:

LMHI – Auf den Zahn gefühlt

LMHI – Grafologische Homöopathie

LMHI – Sanft bei Krebs

LMHI – Globuli gegen AIDS

LMHI – Homöopathischer Autismus

LMHI – Tierisch gut

LMHI – Es ist niemals zu früh

LMHI – Es geht um den Wurster

LMHI – Akutes Abdomen

LMHI – Antibiotika und tote Kinder

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4 Gedanken zu “LMHI – Homöopathie im Dialog

  1. Hat dies auf Keine Ahnung von Garnix rebloggt und kommentierte:
    Ein derzeit großes Thema behandelt angemessen großartig merdeister bei den Ausrufern: Den 72. Homöopathischen Weltärtzekongress in Leipzig 2017. Eine ganze Artikelserie steht dort zum Gruseln bereit. Mit Dank dafür, dass ich dazu nicht selbst groß etwas schreiben muss, reblogge ich hiermit den aktuellen Artikel, der eine Gesamtschau der Causa darstellt und der gleichzeitig zu den vorausgegangenen Artikeln, die mit den Abstracts zum „Kongress“ befassen, beschäftigt:

    1. Stimmt, ich habe mich sehr gefreut über die Worte der Delegierten aus Indien. Ich bin mir nicht sicher, ob die KollegInnen des DZVhÄ meine Freude geteilt haben, ob deren Begeisterung :-)

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